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Kultur Chopin-Wettbewerb in Warschau: Eine Nation zittert mit den Pianisten
Nachrichten Kultur Chopin-Wettbewerb in Warschau: Eine Nation zittert mit den Pianisten
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18:28 23.10.2010
Von Rainer Wagner
Wettbewerbssiegerin Yulianna Avdeeva aus Russland mit dem Dirigenten Antoni Wit. Quelle: Handout

Andere Metropolen benennen ihre Flughäfen nach mehr oder minder bedeutenden Politikern: nach Ronald Reagan (Washington), Charles de Gaulle (Paris) oder Franz Josef Strauß (München). Wer nach Warschau fliegt, der landet auf dem Port Lotniczy Warszawa – Fryderyka Chopina. Und bekommt eine erste Ahnung davon, welche Rolle der Musiker Frédéric Chopin in ­Polen spielt.

Für die Polen war und ist Chopin ein Nationalheld, eine Ikone. Dass er eigentlich ein Halbfranzose war, die zweite Hälfte seines Lebens in Frankreich verbrachte und in Paris begraben liegt, tut nichts zur Sache. Schließlich ruht sein Herz in der Warschauer Kreuzkirche.

Wann immer die Nation Polen oder auch nur ihr Nationalgefühl bedroht ­waren, hatte man in Chopin eine Identifikationsfigur. Natürlich wird die im Chopin-Jahr besonders gefeiert. Man hat den Lebensweg Chopins in der polnischen Hauptstadt mit tönenden Ruhebänken möbliert, die auf Knopfdruck Chopins Musik erklingen lassen. Und das Chopin-Museum im Chopin-Haus wurde für viel Geld (mehr als ein Drittel der 20 Millionen Euro Baukosten stammen von der EU) mit reichlich Multimedia-Schnickschnack modernisiert und lockt auch an einem nasskalten Herbstnachmittag Alt und Jung – wobei sich die Jüngeren mit den Touchscreenbildschirmen leichter tun.

Dass der Chopin-Wettbewerb im Chopin-Jahr stattfindet, könnte Zufall sein. Oder haben die Verantwortlichen hochgerechnet? Er wird alle fünf Jahre ausgetragen, doch nach 1949 hat man sechs Jahre Pause gemacht und kam so auf einen Rhythmus, der ins Jubiläumsjahr führte.

Klavierwettbewerbe gibt es viele, man schätzt die Zahl auf 750. Etliche Wettbewerbe sind ähnlich renommiert und vergleichbar gut dotiert. Und doch ist der Chopin-Wettbewerb etwas Besonderes. Das liegt nicht nur daran, dass dies ein monothematisches Ereignis ist, bei dem dreieinhalb Wochen lang nur Werke Frédéric Chopins erklingen. Sondern auch daran, dass es hier nicht so sehr darum geht, den besten und brillantesten Klavierspieler zu finden, sondern den stimmigsten und stimmungsvollsten. Doch offenbar eignet sich Chopin als Maßstab aller Dinge. Die Liste der Sieger, die anschließend Weltkarriere gemacht haben, ist lang und wohlklingend: von Adam Harasiewicz (1955), Maurizio Pollini (1960), Martha Argerich (1965) und Krystian Zimerman (1975) bis zu Yundi Li (2000) und Rafal Blechacz (2005).

Ebenso spannend sind Geschichten über Nichtsieger, die später Furore machten. So katapultierte die Jurorin Martha Argerich 1980 den von der Jury nach ­ihrer Ansicht verkannten Ivo Pogorelich ins Scheinwerferlicht. Woraufhin der ­Vietnamese Dang Thai Son, der als Nobody völlig überraschend gewann, erst einmal im Schatten verschwand.

Beim Chopin-Wettbewerb gehen die Leidenschaften besonders hoch. Auch in diesem Jahr gab es Überraschungen. So schaffte es kein einziger Pole unter die letzten zehn. Und auch die sonst oft so zielstrebigen Asiaten hatten keine Chance. Es gab zwei Favoriten: den Bulgaren Evgeni Bozhanov, der von Augenzeugen als besonders exzentrisch eingeschätzt wurde. Und den offenkundig besonders stimmungsstarken Österreicher Ingolf Wunder, der vor fünf Jahren als Zwanzigjähriger ausgeschieden war.

Doch Siegerin wurde die Russin Yulianna Avdeeva, die sich im Wettbewerbsablauf vor allem die Adjektive laut und schnell verdient hatte. Und das auch bei der Preisverleihungsgala bestätigte, die man gesehen haben muss, um den Stellenwert dieses Wettbewerbs in Polen zu begreifen. Sie wird dreieinhalb Stunden lang live im Fernsehen (und im Radio sowieso) übertragen – krönender Abschluss einer bei uns unvorstellbaren Dauerberichterstattung in den Medien. Zur Gala kommt natürlich der polnische Präsident, der auch den 1. Preis überreicht (der 30.000 Euro wert ist). Dass allerdings der offensichtlich enttäuschte Ingolf Wunder, der neben dem (geteilten) 2.  Preis auch noch zwei Sonderpreise erhielt, für die Siegerin nicht klatschte, war schlechter Stil. Und Evgeni Bozhanov nahm als Vierter zwar Geld und Ehre an, spielte aber anschließend nicht, was noch sonderbarer ist. Während Wunder wenigstens spielerisch die Chance nutzte, sein selbstbewusstes Stilgefühl und seinen Sinn für Stimmungen und Stimmungswunder zu demonstrieren, überließ Bozhanov der Siegerin (mit dem souveränen 1. Chopin-Konzert) und dem zweiten Lukas Geniusas (eher sportlich orientiert, aber gut trainiert) das Feld.

Aber in Kürze müssen sich Wunder und Avdeeva wohl doch die Hand geben, wenn die ersten drei Anfang November beim Benefizkonzert der BASF (zugunsten des Chopin-Instituts natürlich) in Ludwigshafen antreten werden. Auch Hannovers Pro-Musica-Konzertreihe hat die Siegerin und wohl auch Wunder im Blick und wird sie einladen. Dann treten sie weder miteinander noch gegeneinander an. Sondern zur höheren Ehre Chopins. Und des Chopin-Wettbewerbs.

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