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Choreografie „Purgatorio“ mit beeindruckenden Traumbildern

Ballett-Tage in Hamburg Choreografie „Purgatorio“ mit beeindruckenden Traumbildern

Der Geist des Architekten: Die Uraufführung von John Neumeiers Mahler-Choreografie „Purgatorio“ als feierliche Eröffnung der Hamburger Ballett-Tage. Eine authentische Entstehungsgeschichte von Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie.

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„Purgatorio“ mit Llloyd Riggins, Hélène Bouchet und Thiago Bordin bei den Hamburger Ballett-Tagen.

Quelle: dpa

Das kann nicht gut gehen: Sie will mit ihm das Leben genießen; er aber hat nur Augen für seine Arbeit. Das klassische Muster vieler Ehen steht zu Beginn von John Neumeiers neuer Choreografie „Purgatorio“, mit der jetzt die 37. Hamburger Ballett-Tage gestartet sind. Damit auch jeder im Publikum versteht, wie hier die Rollen verteilt sind, trägt die Frau ein knallrotes Kleid, das sinnlich und lebensfroh wirkt, während er in Schwarz gekleidet ist. Doch viel entscheidender für diesen Tanzabend: Sie bewegt sich so federleicht, dass man in jedem Moment ihre Sehnsucht nach Leidenschaft und Freude spürt; bei ihm wirkt jede Bewegung verhalten, manchmal zögerlich.

In „Purgatorio“ hat Neumeier die ­authentische Entstehungsgeschichte von Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie vertanzt. Während Alma Mahler (Hélène Bouchet) im Kururlaub eine Affäre mit dem jüngeren Walter Gropius (Thiago Bordin) beginnt, kämpft Mahler in seinem „Komponierhäuschen“ mit seiner neuen Arbeit – und seiner Eifersucht.

Neumeier und Mahler – eine lange, intensive Liebe

Lloyd Riggins, der den Komponisten tanzt, hat schon in mehreren Mahler-Arbeiten Neumeiers die Hauptrolle übernommen. Neumeier und Mahler – das ist eine lange, intensive Liebe. Vor gut 40 Jahren hat der Amerikaner, damals in Frankfurt am Main, seine erste Choreografie zur Musik des österreichischen Komponisten erarbeitet, ein Dutzend weitere folgten.

Das waren meist sinfonische Ballette ohne eine selbstständige Geschichte. „Purgatorio“ – benannt nach dem dritten Satz der unvollendeten Sinfonie (Bearbeitung: Deryck Cooke) – erzählt hingegen nicht nur eine wahre Begebenheit, sondern variiert auch ein Lieblingsthema Neumeiers: der Künstler, der sich zwischen Gefühl und Arbeit zerrissen fühlt. Eindringlich und zu Herz gehend tanzt Riggins, der einen ähnlichen Konflikt schon in Neumeiers „Tod in Venedig“ zeigte, dieses Dilemma. Thiago Bordins Gropius ist das lebenslustige, temperamentvolle Pendant. Im ersten Teil des Abends, an dem noch nicht die Sinfonie, sondern Lieder von Alma Mahler zu hören sind, hat Bordin glanzvolle Auftritte mit Hélène Bouchet.

Besonders beeindruckend sind jedoch all die Traumbilder, mit denen Neumeier seine Choreografie über eine konventionelle Dreiecksgeschichte hinaushebt. Mehrmals tanzen Mahler-Doppelgänger im Hintergrund den inneren Konflikte des Komponisten, und an vielen Stellen taucht sein Alter Ego (Alexandre Riabko) auf – mal grüblerisch-einsam, dann wieder voller Hoffnung, eine große Musik schaffen zu können.

Etwas zu weihevoll geratener Auftakt der Ballett-Tage

„Purgatorio“ ist ein feierlicher, allerdings etwas zu weihevoll geratener Auftakt der Ballett-Tage: Generalmusik­direktorin Simone Young steht am Pult der Hamburger Philharmoniker, Sopranistin Charlotte Margiono begeistert das Publikum mit den Alma-Mahler-Liedern, und das Ballett-Ensemble zeigt seine Klasse. In ihrer letzten Premiere ist Joëlle Boulogne zu sehen, die im Adagio ein zartes Pas de deux mit Carsten Jung tanzt.

Das Publikum bejubelt den Start der Ballett-Tage, die bis zum 10. Juli gehen. Das National Ballet of China gastiert mit einer Adaption des Films „Die rote Laterne“ von Zhang Yimou. Alle weiteren Aufführungen hingegen sind Choreografien des Hamburger Ballettchefs. Dass das Festival also eine John-Neumeier-Leistungsschau ist und die Hamburger nicht mit neuen Sichtweisen und Handschriften bekannt macht, scheint kaum jemanden zu stören: Nahezu alle Abende sind ausverkauft.

Infos zu den Ballett-Tagen unter Telefon (0 40) 35 68 68.

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