Ein schmächtiger Mann in ärmellosem Shirt und schwarzer Schlabberhose steht auf der Bühne. Er hat eine Gitarre vor dem Bauch und ein Metallröhrchen auf dem kleinen Finger, mit dem tanzt er über die Saiten, in sich versunken – und erzeugt ein flammendes und fauchendes Blues-Intro für den ersten Song des Abends, „Can’t wait for Love“, dass es nur so raucht. Und die mit 3000 Zuhörern ausverkaufte AWD-Hall ist sofort gebannt.
Chris Rea ist zurück. Der 58-jährige Engländer hat den Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs so weit gewonnen, dass er nun, neun Jahre nach der ersten schlimmen Diagnose, mit neuem Best-of-Album („Still so far to go“) auf Europatournee geht und damit für alle sichtbar den Rücktritt von der Rücktrittstour von 2006 markiert, als er aus eben diesen gesundheitlichen Gründen seinen Bühnenabschied ausrief. Aber Best-of-Album? Gibt es nicht schon einige davon? Ja. Doch „Still so far to go“ sei das erste, das Rea selbst zusammengestellt und somit autorisiert habe, sagt er selbst. Rea, der während seiner Genesungszeit zu seiner musikalischen Wurzel, dem Blues, zurückfand, korrigierte in der Rekonvaleszenzzeit seinen Kurs und veröffentlichte 2005 die elf Alben umfassende Box „Blue Guitars“, eine Huldigung an alte Blues-Helden – und eine Fortführung der Zwölf-Takt-Tradition nach seinen eigenen Vorstellungen.
Als Bluesman ist Rea nun also auf Tournee, und er zeigt vom ersten Ton an, dass der Blues seine Leidenschaft ist. Rea tänzelt tapsend über die Bühne, der Spaß an diesem Abend ist ihm anzusehen. Sein Slide-Spiel ist beeindruckend. Es verliert sich nicht in bloßer Virtuosität, sondern setzt ganz auf Melodie und die Kunst des Weglassens. Reas Art zu spielen sowie sein Ton (speziell auf der Stratocaster) offenbaren eine geistige Verwandtschaft zu Mark Knopfler. Beide Gitarristen sind anhand ihres charakteristischen Spiels sofort zu erkennen, beide verstehen es, seelenvolle Melodiebögen zu spinnen und dynamische Möglichkeiten auszuloten, und beide schlagen die Saiten mit den Fingern an, ohne Plektrum.
Aber natürlich spielen Chris Rea und seine fünf vorzüglichen Begleiter an Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboard kein reines Blues-Programm. Viele alte Hits Chris Reas sind darunter, wie sollte es auch anders sein bei einer Tournee anlässlich eines Best-of-Albums. Aber Rea spielt die Lieder, von denen er sich teilweise distanzierte, weil sie ihm unter dem Druck der Plattenfirma oft zu glatt gerieten, ganz neu: mit viel Mut zur improvisatorischen Freiheit und natürlich einem stets allgegenwärtigen rauen Blues-Touch. „Josephine“, 1985 erschienene Hommage an seine (mittlerweile erwachsene) Tochter, bekommt ordentlich Swing verpasst, „Looking for the Summer“ ist ein ruhig fließender Shuffle, und „On the Beach“, als Zugabe, mutiert vom sanften Latin zu einer mitreißenden Reggaenummer, bei der es niemanden in der voll besetzten Halle mehr auf dem Stuhl hält.
Aber schon vorher reißt Rea das Publikum immer wieder von den Sitzen: „Stony Road“, mit einem geradezu ekstatischen Solo, das stürmische (und neue) „Still so far to go“ und natürlich „Road to Hell“, mit langem, glühend-gleißendem Slide-Intro, markieren weitere Höhepunkte.
„I ain’t never too old to dance“ heißt es am Schluss in schwungvoller Rock-’n’-Roll-Manier – zum Tanzen werde ich nie zu alt sein. So soll es sein. Nur schade, dass danach endgültig Schluss ist, obwohl die Halle weiter klatscht und tobt. Aber Chris Rea hat ja – hoffentlich – noch einen weiten Weg vor sich. Der ihn womöglich wieder nach Hannover bringen wird.
Matthias Schmidt
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Kommentare
Chris Rea in Hannover Helge stein – 03.02.10
Ich kann mich im Großen und Ganzen nur dem Reporter dieser Zeitung anschließen, vieles war alt und trotzdem neu, und das war gut so, denn dadurch, das Chris die Arrangements geändert hat, passen diese ins heutige Bild seiner Peformance.Zudem möchte ich nochmal fragen, wie hieß nochmal sein Opening Act? Habe leider dessen Namen vergessen, daher kann mir vielleicht jemand diese Info zukommen lassen.
Es war "geil" JMOHA – 01.02.10
Das war mein erstes Konzert mit Chris Rea....und es war super. Statt des Künstlers im Vorprogramm,(der war auch ganz gut), hätte ich dafür lieber mehr von Chris Rea gehört.wieder die gleichen songs chibaobao – 30.01.10
schade, dass auf der jetzigen chris rea tour wieder so gut wie genau die gleichen lieder von ihm gespielt werden im gleichen arrangement wie bei den letzten 2 touren. deshalb werd ich diesmal nicht mit dabei sein. für leute, die noch nie auf einem konzert von ihm waren ist es aber sicherlich ein cooles erlebnisChris Rea in Hannover alfonx – 29.01.10
was soll man noch sagen, wenn jemand aus dem Publikum in ein solo ruft : " Mann, ist das geil !!! " ? Dem ist nichts hinzuzufügen, es hat einfach alles gepaßt und jeder, der diese Konzert bewußt verpasst hat, hat selbst Schuld!