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Christof Wackernagels „Traumtrilogie“ erscheint Ende August

„Ein verwegenes Ding“ Christof Wackernagels „Traumtrilogie“ erscheint Ende August

4,2 Kilo schwer, 603 Seiten lang – und jedes Exemplar von Hand gebunden: Christof Wackernagels „Traumtrilogie“ erscheint Ende August, zu seinem 60. Geburtstag, unter dem Titel „es“ im zu Klampen Verlag aus Springe.

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Verleger vor Landschaft: Dietrich zu Klampen und sein neues Projekt, die Traumtrilogie „es“.

Quelle: Insa Catherine Hagemann

Der erste Eintrag stammt vom 6.  September 1978. Christof Wackernagel träumt, dass er im Flugzeug neben Fidel Castro sitzt. Ohne Pause redet der Kubaner auf seinen Sitznachbarn ein. Dieser versteht kein Wort und ist tief verunsichert. Irgendwann begreift er, was ihn noch mehr als der nicht verstandene Monolog irritiert: Castro hat keinen Bart mehr.

Als Wackernagel dies träumt und nach dem Aufwachen aufschreibt, ist er 27 Jahre alt – und im Gefängnis. 1977 wurde der Schauspieler, der Mitglied der RAF und in eine Schießerei mit Polizisten verwickelt war, inhaftiert; zehn Jahre blieb er in Haft. Dort drohte er, irre zu werden, erzählt der Verleger Dietrich zu Klampen, der Wackernagel schon lange kennt. Irre nicht allein, weil er in Haft lebte, sondern auch, weil er sich in jenen Jahren mühselig und schmerzhaft von dem distanzierte, woran er zuvor geglaubt hatte: an den Sinn und die Legitimation eines bewaffneten Kampfes, wie ihn die RAF führte.

Als therapeutische Maßnahme begann Wackernagel deshalb, seine Träume zu protokollieren. Über Jahre ist so eine Textsammlung entstanden, die den Rahmen eines privaten Traumtagebuchs sprengt. Wackernagel hat die Nachtträume, die er direkt nach dem Aufwachen notierte, um sogenannte Halluzinationen ergänzt, also um Episoden, die er zu den Träumen dazugedichtet hat. Außerdem entstanden noch „Tagträume“, das sind erfundene, literarische Texte, die mitunter so verdichtet und verrückt sind, dass sie fast wie Nachtträume erscheinen. Gleichwohl erzählen die Tagträume eine fortlaufende Geschichte.

Jahrzehntelang hat sich Wackernagel mit seinen Traumdichtungen beschäftigt – und mit der Idee, sie zu veröffentlichen. Doch klar war für ihn: Die Texte, die für ihn untrennbar miteinander verbunden sind, sollten so gedruckt werden, dass auch jeder Leser erkennt, wie stark sie sich aufeinander beziehen. Sprich: Die drei Textsorten – Nachtträume, Halluzinationen, Tagträume – sollten pro Buchseite in drei Spalten nebeneinander gerückt werden, sodass der ­Leser jederzeit von einer Rubrik in eine andere wechseln kann.

Unter dem Titel „es“ (Untertitel: „Traumtrilogie“) kommen diese Texte Ende August, zu Wackernagels 60. Geburtstag, im zu Klampen Verlag aus Springe heraus. Es ist, im wahrsten Sinn des Wortes, ein großes Projekt. 31 mal 42 Zentimeter misst das Buch, jedes Exemplar bringt es auf 4,2 Kilogramm. Die Herstellung ist aufwendig, denn jedes Buch wird, nachdem die Seiten digital gedruckt worden sind, von Hand geklebt. Lumbecken heißt diese (von Emil Lumbeck erfundene) Kaltklebetechnik in der Fachsprache.

„Die räumliche Nähe zur Druckerei ist bei diesem Projekt enorm wichtig“, sagt Dietrich zu Klampen. Knapp 20 Kilometer vom Verlag entfernt, in der „bookfactory“ in Bad Münder, klebt ein Buchbindemeister „es“ zusammen: 602 Seiten, grauer Deckel und signalroter Leinenrücken. „Das ist keine Massenproduktion“, so der Verleger – was eine ziemliche Untertreibung ist. Bei solch einem speziellen Titel und solch einem hohen Preis (248 Euro bzw. 198 Euro für Bestellungen bis zum 26. August) bleibt die Zahl der Käufer wohl überschaubar. Welche Verkaufszahlen er erhofft, mag zu Klampen nicht sagen; nicht einmal die Höhe der Erstauflage will er verraten. Allerdings arbeitet der Verlag bei „es“ nicht mehr mit traditionellen Auflagenkalkulationen: Erst nach Bestellung wird jedes Buch digital gedruckt und hergestellt; es werden also nicht Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Exemplaren gedruckt, gebunden und gelagert, die dann eventuell keinen Käufer finden.

Dennoch ist die „Traumtrilogie“ für einen kleinen Verlag ein Kraftakt. „Die großen Häuser, denen das Projekt angeboten wurde, wollten es nicht machen“, sagt zu Klampen, „kalkulatorisch ist das auch Harakiri.“ Wer, wenn nicht ein kleiner Verlag, sollte also solch ein „verwegenes und experimentelles Ding“ herausbringen? „Außerdem macht es unglaub­lichen Spaß.“ Und vielleicht braucht ein Verlag manchmal auch ein ambitioniertes Projekt, das den verlegerischen Ehrgeiz anstachelt und aus der Masse der Buchproduktion heraussticht.

Ganz von fern erinnert Wackernagels Trilogie an ein anderes literarisches Großprojekt, an Arno Schmidts Roman „Zettel’s Traum“, der ebenfalls in drei Spalten gedruckt ist. Schmidts Buch jedoch, meint zu Klampen, sei anders konzipiert, weil es in der mittleren Rubrik eine fortlaufende Handlung erzähle und in den Seitenspalten Ergänzungen und Kommentierungen gedruckt seien, die nicht fortlaufend und eigenständig seien.

Auf jeden Fall steckt zu Klampen viel Herzblut und Arbeit in „es“. Am 24. August wird das Buch in Berlin präsentiert. Im Herbst geht der Autor mit seiner Schwester Sabine und seiner Nichte Katharina – alle drei Wackernagels sind Schauspieler – auf Lesereise. Am 22. September ist eine Lesung im hannoverschen Literaturhaus geplant.

„es“ könne, laut Dietrich zu Klampen, unterschiedlichste Leser ansprechen. Der Text lasse sich literarisch, psychoanalytisch und auch gesellschaftspolitisch interpretieren. Die abgeschlossenen kleinen Texte seien literarisch hochwertig und oft extrem verrückt. Das Buch habe aber auch eine historische Komponente. Es sei eine andere Geschichtsschreibung der Bundesrepublik, und die Träume erzählten schließlich auch von der RAF und damit von der alten Bundesrepublik.

Christof Wackernagel, der in München und im afrikanischen Mali lebt und schon mehrere Bücher geschrieben hat, verfügt – das erkennt man bereits an wenigen Ausschnitten aus „es“ – über eine ziemlich verrückte Phantasie. Da verstecken sich sogenannte Gen-Mücken unter einem Teppich, und RAF-Terrorist Andreas Baader wird bei einer feierlichen Zeremonie in München ausgezeichnet, als sei er ein Filmstar. Und dass Wackernagel in seinen Träumen ein Fidel Castro ohne Bart durcheinandergebracht hat, glaubt man sofort. Castro ohne Bart – das können sich die meisten nicht mal in ihren kühnsten Träumen vorstellen.

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