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Der Föhrrrerrr spricht

Christoph Maria Herbst liest "Er ist wieder da" Der Föhrrrerrr spricht

Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und eine Zugabe: Christoph Maria Herbst las im Theater am Aegi seine Hörbuch-Version von "Er ist wieder da". Die greift auch sehr viel besser als das Buch.

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Begeisterter Vorleser: Christoph Maria Herbst.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Es gibt Dinge, die so, wie sie gedacht sind, nicht recht funktionieren. Aber dann dreht man an irgendeiner Stellschraube, es macht klick - und alles ist anders. Ein solcher Fall ist das Buch „Er ist wieder da“ von Timur Vermes. Die Geschichte: Hitler erwacht im Jahr 2011 auf einer Brache in Berlin und wird - Erscheinung, Vokabular - für einen Comedian mit Spezialgebiet Hitler gehalten. Fernsehfritzen engagieren ihn, er entwickelt sich zum Youtube-Star und Mattscheibenliebling und kommt so gut an, dass das alles sehr gefährliche Züge annimmt. Tolle Idee also, herrlich politisch unkorrekt und zeitkritisch und spiegelvorhaltend und alles. Und das Buch war ein Verkaufserfolg. Nein: Es war ein sensationeller Verkaufserfolg.

Aber es war nicht gut. Nicht durchgehend. Weil sich die Slapstickidee auf den 400 Seiten totläuft, wenn man versucht, den garstigen Ulk noch eine und noch eine Umdrehung weiterzudrehen.

Es sei denn, man macht kein Buch draus. Sondern - das ist die Stellschraube - ein Hörbuch. Das wurde natürlich gemacht, nicht anstelle, sondern zusätzlich zum Roman. Mit Christoph Maria Herbst, der nicht der erste Sprecher ist, der mit einem leidlichen Text eine grandiose CD produziert hat. Dieses Hörbuch bekam das Publikum (jedenfalls in Auszügen) im Theater am Aegi präsentiert.

Und hier ist alles gut. Denn der Schauspieler Herbst liest den Text als Hitler. Mit rollendem „R“ und dieser leicht bescheuerten Intonation des ständig am Ausbruch entlangschlitternden Cholerikers. Die geifernden, spucketriefenden Explosionen des hässlichen kleinen Herrn Hitler bleiben natürlich auch nicht aus.

Und das trägt, über das ganze Hörbuch, und über den Abend sowieso. Bei Vermes ist der Führer nur der „Führer“. Bei Herbst ist er der „Föhrrrerrr“. Bei Vermes verwendet Hitler das Wort „Putzmittel“. Bei Herbst ist es ein zackiges „Potzmittel“. Wenn Herbsts Hitler schweigt, zeigen die Mundwinkel zum Erdmittelpunkt. Und, noch wichtiger: Wenn Herbsts Hitler versucht, einer Aussage Nachdruck zu verleihen, dann kippt die Stimme ganz leicht ab - und er jammert. Das ist ein bisschen übertrieben. So stark war es bei Hitler in der Realität nicht. Aber es macht Hitler kenntlich als das, was er war: ein gescheiterter Kunstmaler, so mit Minderwertigkeitskomplexen und Angst vollgestopft, dass er größenwahnsinnig werden musste.

Doch er war eben auch ein Verbrecher. Kann man darüber lachen? Nein. Nicht über die Toten und den Krieg und die KZs. Aber über den Idioten Hitler schon. Christoph Maria Herbst bringt das Publikum im gut gefüllten Aegi dann auch zum Schmunzeln und Feixen und Kichern und Prusten. Und natürlich sind das Vermes‘ Ideen - etwa die, Hitler zur NPD-Zentrale zu schicken und das dortige Personal als Waschlappen zu entlarven. Oder zu zeigen, wie all die Nebenfiguren der Faszination des Diabolischen erliegen. Was ja, siehe 1933, nicht mal übertrieben ist.

Lang anhaltender Applaus, Zugabe, noch länger anhaltender Applaus. Und falls noch jemand ein Weihnachtsgeschenk sucht: Dieser Abend war eine klare Empfehlung. Für das Hörbuch.

Von Bert Strebe

  • Am Sonntag, 13. Dezember, tritt Klaus Hoffmann im Theater am Aegi auf.
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