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Compagnie Peeping Tom zeigt Stück "Moeder"

Tanztheater International Compagnie Peeping Tom zeigt Stück "Moeder"

Komik und Artistik, Klaustrophoble und Klamauk: Peeping Tom mit "Moeder" bei Tanztheater international. "Moeder" ist die neue Produktion der belegischen Compagnie Peeping Tom. 

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Die Bühne bebt, die Mutter schwebt: Yi-Chun Liu in „Moeder“.

Quelle: Compagnie Peeping Tom

Hannover. Spärlich erhellt fahles Schlaglicht den Blick auf einen martialischen Betonkeil, der asymmetrisch in den Bühnenhintergrund ragt. Aus den Lautsprechern dringt Regentröpfeln, sieben Figuren nähern sich einem Sarg, darüber scheint Rotlicht auf, wenn darunter ein Stöhnen und bald der letzte Seufzer der Mutter zu hören ist. So düster, beklemmend und doch schwarzhumorig zugleich startet „Moeder“, die neue Produktion der belgischen Compagnie Peeping Tom, die 2015 schon mit „Vader“ bei Tanztheater International zu sehen war. „Kinderen“ soll in dieser Tanztrilogie der Choreografin Gabriela Carrizo 2019 noch folgen.

Mutterliebe, atemberaubend

Hier aber geht’s um die Mutter. Darum, dass deren Liebe atemberaubend sein kann, dass die Arme mütterlicher Sorge sehr lang sein und die Tränen der Trauer über ihren Tod zu einem Meer der Mühsal werden können. Solche Sprachmetaphern nutzen die Akteure wie körpersprachliche Inszenierungshinweise und setzen sie in packende Theater- und Tanzszenen um: Da streicht Marie Gyselbrecht der Charlotte Clamens über die Wangen, versinkt in deren Tränen, platscht durch ein unsichtbares, aber durch präzise simultanen Plätschersound geradezu hyperrealistisch suggestiv hörbares Tränenmeer, rudert, hechelt, ertrinkt fast darin.

Da brechen Gyselbrecht und Brandon Lagaert im Paartanz wie in Selbstaufgabe zusammen, rollen über die Schulter ab, stehen und fallen gleich wieder. Und einmal versetzt das Mutterschicksal auch die ganze achtköpfige Truppe (zu der in einigen Szenen noch ein paar Komparsen hinzukommen) in simultane Sprünge - so als wäre der Bühnenboden einem Erdbeben oder das Ensemble darauf heftigen Stromschlägen ausgesetzt.

Die Requisiten der Kindheit

Bei hellerem Licht erweist sich der Bühnenaufbau mit dem Betonkeil, mit Teakwand, Cocktailsesseln und Stahlrohrstühlen als Kreuzung aus Brutalismus und Midcentury Modern. Es sind also die Requisiten der Kindheitsjahre von vielen (nicht mehr ganz so jungen) Zuschauern im Saal. Davor tanzt und spielt man Stationen des Mutterdaseins: Die Schwangerschaft, die hier ein berstendes Ende nimmt und nahtlos in eine (ganz passable) Version des Joplin-Songs „Cry Baby“ übergeht. Das Stillen des Säuglings, zu dessen Beruhigung hier ein Salto auf den nächsten folgt.

Der Betonkeil funktioniert überdies als eine Art Museum der Mutterschaft, ausstaffiert mit den passenden Insignien vom Madonnenbild bis zum hier tatsächlich blutenden Herzen, wie es die katholische Ikonografie nicht üppiger ausmalen könnte.

Der Weg von der Monstranz zum Monströsen kann also recht kurz sein. Zumal wenn mütterliche Gluckenhaftigkeit noch die erwachsenen Kinder in einen Brutkasten zwängt. Oder hausfrauliche Fürsorge selbst dem Kaffeeautomaten das Lebenslicht aushaucht - worauf ein veritables Requiem für den Automaten folgt.

Doch geht Mütterlichkeit wirklich so nahtlos in Monstrosität über? Dem Publikum im voll besetzten Parkett hat’s jedenfalls gefallen - der Applaus dauerte minutenlang an.

Heute bei Tanztheater International: „Mit Daudi“ von Mickaël Phelippeau, 20 Uhr, Ballhof Zwei.

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