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"Così fan tutte" an der Staatsoper

Theaterpremiere "Così fan tutte" an der Staatsoper

Regisseur Alexander Charim inszeniert Mozarts Oper "Così fan tutte" an der Staatsoper Hannover, Karen Kamesek leitet das Niedersächsische Staatsorchester.

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Abschiedsschmerz als Gruppentherapie: Vier Menschen auf der Suche nach dem passenden Liebesobjekt.Landsberg

Hannover. Die Liebe ist gar nicht so kompliziert. Karen Kamensek zumindest braucht dafür nur einen weichen, horizontalen Schlag mit der rechten Hand. Sonst dirigiert sie federnd leicht und mit aufwärtsgerichteten Bewegungen, als wolle sie Mozarts Musik endgültig alle Schwerelosigkeit nehmen. Das kurze harmonische Ausweichen gleich nach Beginn der Ouvertüre aber bekommt bei ihr eine andere, sanfte Geste. Schon im nächsten Takt wird man die Grundtonart C-Dur wieder mit aller Härte um die Ohren gehauen bekommen, und mit ihr das Motto der Oper: „Così fan tutte“ - So machens alle. Schließlich wird in dem Stück betrogen, wohin man nur blickt. Wer in der Liebe auf die Treue seines Partners baut, steht hier auf verlorenem Posten. Die paar Töne zu Beginn aber erinnern daran, dass es sich trotzdem lohnt. Die Liebe schafft zwar Schmerzen, sagt diese kleine a-Moll-Utopie bei Kamensek. Aber schön ist sie doch.

So macht Hannovers frisch verheiratete Generalmusikdirektorin, die auch die beherzt gestrafften Secco-Rezitative eigenhändig am Hammerklavier begleitet, diese „Schule der Liebenden“ zu einem Lehrstück über die Verwirrung der Gefühle. Deutlich und klar arbeitet sie mit dem hellwachen, präzisen Staatsorchester auch die ungewöhnlichen Proportionen der Ouvertüre heraus: Da kann man schon hören, dass es bald nicht mehr so rund laufen wird. Die Gefühle geraten aus dem Takt, bevor sie überhaupt entfaltet werden.

Auf der Bühne ist derweil statt eines geschlossenen Vorhangs bereits Don Alfonso zu sehen. Als „alter Philosoph“ wird er im Verlauf der Oper zwei junge Soldaten dazu anstiften, ihre Verlobten auf eine Treueprobe zu stellen. Während der Ouvertüre lässt Regisseur Alexander Charim ihn das ganze folgende Drama schon einmal am eigenen Leib erleben. Um das zu zeigen, braucht Alfonso nur das Foto einer Frau von der Wand zu nehmen und zu zerknüllen. Auch so geht musikalische Regie: Charim vertraut hier ganz auf die Beredsamkeit der Töne.

Von Beginn an ist also klar, dass dieser Alfonso längst nicht so abgeklärt ist, wie er tut. Dazu passt, dass Michael Dries ihn mit virilem Bassbariton nicht als Greis, sondern als diabolisch-verklemmten Verführer gibt. In einem Miniaturhaus zeichnet er das Geschehen mit Puppen zwar wie ein Regisseur vor. Doch im richtigen Bühnengeschehen lagert er massenweise Puppen in einer Art Kühlschrank wie ein Blaubart. Die enttäuschte Liebe macht ihn zu einem gefährlichen Menschensammler.

Ausgeliefert ist ihm nun eine Gruppe junger Leute, die sich anschickt, gemeinsam ein Haus zu beziehen. Ausstatter Ivan Bazak hat Räume auf die Bühne gebaut, die noch von der Vergangenheit und ihren Konventionen erzählen und doch Platz für Projektionen lassen. Ein Zimmer erscheint je nach Stand der Beziehungen als Liebesnest oder spießiges Wohnzimmer. Am Ende sind die Wände durchlöchert, und im Boden klafft ein Loch. Das Bühnenbild zeigt deutlich, was das Stück offenlässt: Ein gutes Ende gibt es hier nicht.

In der Schwebe lässt der Regisseur dagegen die Ausgangssituation. Bei ihm sieht man nicht zwei Paare, die sich jeweils ganz ergeben sind und an deren Treue zu zweifeln es keinen Anlass gäbe. Als sich die beiden Soldaten mit fingierten Einberufungsbefehlen von ihren Bräuten verabschieden, knäulen sich die Paare in vierfacher Umarmung zusammen. In diesem Abschiedskreis werden nicht nur die eigenen Partner mit zärtlichen Gesten bedacht. In der Liebe ist für diese vier jetzt alles möglich.

Große Maskerade muss deshalb nicht betrieben werden, wenn die Männer gleich darauf zu den Frauen zurückkehren, um die jeweils andere zu verführen. Nur Haarfarbe und Anzüge der Männer sind vertauscht - nicht erkennen ist nicht möglich. Statt um Täuschung geht es hier eher darum, neue Möglichkeiten zu eröffnen. So spielt die Geschichte bald eher im Innenleben der Figuren, als auf einer realen Szene. Dass der gut disponierte Chor dabei im Graben versteckt wird, ist nur konsequent. Welche Beziehung ist die beste? Am Ende bleibt diese Frage ungeklärt, die Offenheit der Figuren aber ist verschwunden.

Der Weg dorthin führt über schmerzhafte Selbsterkenntnis und Entfremdung. Wenn Guglielmo während der berühmten Liebesarie von Ferrando unablässig Würstchen verspeist, zeigt er damit, was er eigentlich von seinem Freund hält. Dass er gleich darauf dessen Freundin verführen wird, ist da kaum noch überraschend.

Musikalisch tritt Guglielmo nicht ganz so selbstsicher auf. Christopher Tonkins Bariton klingt schön voll und flexibel, allerdings zeigt der Sänger manchmal kleine rhythmische Unsicherheiten. Sung-Keun Park ist ein wunderbar schwärmerischer Ferrando, und Dorothea Maria Marx, die als Fiordiligi großartig zweifeln kann, und Monika Walerowicz (Dorabella) singen so klangschön und stilsicher, dass man versteht, wenn die Männer ihnen zu Füßen liegen. Carmen Fuggiss hat das als Haushaltshilfe Despina schon hinter sich - ihr Bild war es wohl, das Alfonso anfangs von der Wand gerissen hatte. Mit ihrem leichten, schwebenden Sopran treibt sie nun in verschiedenen Verkleidungen die Handlung voran. Die Liebe ist vorbei, das Leben geht weiter. Die Bitterkeit, die Alfonso antreibt, ist ihr fremd.

Am Ende steht die ebenso düstere wie beruhigende Erkenntnis, dass es alle so machen. Das kannte man schon von der Ouvertüre. Nur das zarte Liebesmotiv ist jetzt verstummt. Doch auch den rauschenden C-Dur-Schluss spielt das Staatsorchester so überzeugend, dass man ihn fast glauben kann.

Wieder am 29. Dezember, sowie am 10., 12., 19. und 15. Januar. Kartentelefon: (0511) 99991111.

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