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„Kein Geiger der Welt kann ihn erreichen“

Daniel Hope im Interview „Kein Geiger der Welt kann ihn erreichen“

Im Interview spricht der südafrikanische Geiger Daniel Hope über seinen Mentor Yehudi Menuhin, der vor 100 Jahren geboren wurde. Yehudi Menuhin gilt als einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts. Daniel Hope erinnert nun mit vielen Konzerten und einer CD an seinen Mentor.

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Daniel Hope Ende der Siebzigerjahre mit Yehudi Menuhin in dessen Garten.

Quelle: Deutsche Grammophon/Eleanor Hope

Herr Hope, Yehudi Menuhin gilt als einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts. Was unterscheidet ihn denn eigentlich von anderen guten Geigern?

Natürlich gibt es ähnliche Musikerkarrieren, selbst wenn man bedenkt, dass Menuhin ein unglaubliches Wunderkind war. Aber was er nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat, ist einmalig: Auf der humanitären und sozialen Ebene hat er ungeheuer viel bewegt. Von vielen Dingen, die er angeregt hat, profitieren wir als Menschen und Musiker bis heute. Sein Vermächtnis ist gigantisch, selbst wenn man seine vielen tollen Aufnahmen gar nicht berücksichtigt. Er hat Musik für seine Ideale eingesetzt - und das Jahrzehnte, bevor andere das gewagt haben.

Zur Person

Daniel Hope ist 1973 in Südafrika geboren. Seine Eltern sind der Schriftsteller Christopher Hope und die Musikmanagerin Eleanor Hope-Klein. Er begann mit vier Jahren, Geige zu spielen. Seine Lehrer waren unter anderem Zakhar Bron und Yehudi Menuhin, der am 22. April 100 Jahre alt geworden wäre. Hope war von 2002 bis 2008 Mitglied des Beaux Arts Trios. Seine jüngste CD „My Tribute to Yehudi Menuhin“ ist bei Deutsche Grammophon erschienen. Damit tritt Daniel Hope unter anderem am 14. April in Zürich, am 12. Mai in Tuttlingen, am 14. Mai in Dresden, am 16. Mai in Basel und am 17. Mai in Baden-Baden auf.

Sehen Sie heute, wo die Konfliktlinien ganz anders verlaufen als nach dem Krieg, Nachfolger von Menuhin, die noch in diesem Sinn arbeiten ?

Ich finde, es fehlt drastisch an klassischen Musikern, die bereit sind, sich zu engagieren. Daniel Barenboim ist sicher jemand, der viel bewegt hat, auch wenn er einen ganz anderen Charakter hat als Menuhin. Er kämpft unermüdlich für die Versöhnung - in diesem Fall zwischen Israelis und Arabern. Das entspricht stark Menuhins Gedanken. Der ist 1945 nach Deutschland gekommen und hat für die Überlebenden von Bergen-Belsen gespielt. Andererseits hat er die damals heftig umstrittenen Konzerte mit Wilhelm Furtwängler gegeben, um den Deutschen die Hand zu reichen. Das war vom Grundgedanken seiner Zeit sehr weit voraus.

Glauben Sie denn, dass man mit klassischer Musik überhaupt noch eine Symbolkraft entfalten kann, die wirklich etwas bewegt?

Daran glaube ich fest. Wir haben die Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Natürlich kann Musik nicht die Welt verändern. Aber sie kann Menschen dazu bringen, zuzuhören und einen Dialog eröffnen. Gerade die klassische Musik zwingt die Zuhörer, über längere Zeit innezuhalten und über etwas nachzudenken. Deshalb darf man die Macht dieser Musik keinesfalls unterschätzen.

Sie waren schon als Kind im engen persönlichen Kontakt mit Menuhin. Wie kam es dazu?

In Südafrika war mein Vater, der Schriftsteller ist, ein entschiedener Apartheid-Gegner. Darum wurden wir auf eine schwarze Liste gesetzt. Meine Eltern haben sich damals entschlossen, das Angebot des Regimes anzunehmen, das Land innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Wir sind dann über Umwege nach Paris und letztendlich nach London gekommen. Dort haben meine Eltern irgendeine Arbeit gesucht. Schließlich ist meine Mutter jemandem begegnet, der jemanden kannte, der jemand kannte. Und der leitete eine ziemlich exklusive Arbeitsvermittlung. So konnte sie sich plötzlich zwei Teilzeitjobs aussuchen: Sekretärin des Erzbischofs von Canterbury oder von Yehudi Menuhin. Sie hat sich für Menuhin entschieden. Der Job sollte sechs Monate dauern. Er dauerte dann 24 Jahre.

Was hat das für Sie bedeutet?

Die ersten sieben, acht Jahre bin ich eigentlich in seinem Haus aufgewachsen. Dort war das Büro meiner Mutter, und sie hat mich jeden Tag mitgenommen. So hat sich unsere familiäre Beziehung entwickelt. Das Professionelle kam erst später, nachdem ich bereits begonnen hatte, bei Zakhar Bron Geige zu studieren. Menuhin wollte wissen, was Bron bewirken konnte und war positiv überrascht, dass ich die Geige so ernst genommen habe. Seither hat er mich unterrichtet - und zwar auf Tourneen: Er hat in mehr als 60 Konzerten auf der ganzen Welt dirigiert, und ich habe gespielt. Während dieser Zeit war ich auch in der Lage, etwas mehr von diesem Menschen zu verstehen. Er war eine Schlüsselfigur in meinem Leben, weil er sich politisch positioniert und mich immer ermutigt hat, eine Haltung zu haben.

Bei welchen Gelegenheiten haben Sie das zu spüren bekommen?

In den Neunzigerjahren haben wir zum Beispiel ein Konzert in Wunsiedel gespielt, wo damals das Grab von Rudolf Heß war. Um diese Zeit gab es dort gerade eine Versammlung von Neonazis. Bei unserer Ankunft sagte uns der Bürgermeister, es habe Drohungen gegeben und er rate uns, das Konzert abzusagen, weil er nicht für unsere Sicherheit garantieren könne. Ich werde nie vergessen, wie Menuhin darauf reagiert hat. Man hat ihn sehr selten wütend erlebt. Aber in dem Moment ist er regelrecht explodiert. Er hat gesagt, er werde niemals ein Konzert wegen so etwas absagen. Dann hat er sich zu mir umgedreht und gesagt, ich könne mich frei entscheiden. Natürlich habe ich dann auch gespielt. Das war ein Moment, in dem man ihn in seinem Element erleben konnte.

Die menschliche Größe von Menuhin ist kaum umstritten. Bei seinen geigerischen Fähigkeiten sieht das ganz anders aus. Wie lautet Ihre Bestandsaufnahme?

Es gibt eine ganze Reihe von Aufnahmen, die bezeugen, dass wir es hier mit einem der besten Geiger der ganzen Musikgeschichte zu tun haben: Das Elgar-Konzert unter Leitung des Komponisten, sein Schumann-Konzert mit John Barbirolli, sein Paganini-Konzert mit Pierre Monteux: Kein Geiger der Welt kann das nur ansatzweise erreichen. Es gab aber eine große Krise in Menuhins Leben. Danach musste er die Geige ganz neu lernen. Viele sagen, er ist dabei nicht auf das gleiche Niveau zurückgekommen. Ich sehe das nicht ganz so schwarz-weiß. Ich finde, es gibt auch fantastische Aufnahmen aus dieser Zeit, und ich habe ihn vor allem sehr oft live gehört: Das war fast bis zu seinem Tod unglaublich schön.

Sie sind kein großer Freund von Gedenkjahren. Was hat Sie jetzt bewegt, mit vielen Konzerten und einer CD an Menuhin zu erinnern, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre?

Ich finde tatsächlich, man braucht keinen Anlass, um an große Musiker zu erinnern. Aber in diesem Fall sind 100 Jahre Menuhin auch 25 Jahre von mir. Da musste ich etwas machen. Die CD enthält meine persönliche Erinnerungen an Menuhin. Ich versuche auch, die Arbeit seiner Initiative Live Music Now weiter zu unterstützen, die Musik zu Menschen bringt, die sonst keine Gelegenheit haben, so etwas zu hören. Ich habe während meines Studiums in Krankenhäusern und für schwerstbehinderte Kinder gespielt. Das sind Erinnerungen, die ich nie vergessen werde: Da sieht man, was man mit Musik bewirken kann.

Interview: Stefan Arndt

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