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Kultur Daniel Kehlmann würdigt Leibniz
Nachrichten Kultur Daniel Kehlmann würdigt Leibniz
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00:16 17.11.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Quelle: Philipp von Ditfurth
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Herrenhausen

Zugang zu Gottfried Wilhelm Leibniz gibt es auf vielerlei Weise. Dieser Gang zu Leibniz war aber doch ein ganz besonderer. Die Gäste, die zum Festakt anlässlich des 300. Todestag des Philosophen ins Galeriegebäude Herrenhausen wollten, mussten zuerst die Orangerie durchschreiten, um dann den Weg durch einen Tunnel aus beheizten Partyzelten in die Galerie zu nehmen. In der Orangerie aber laufen gerade die Vorbereitungen zum Wintervarieté „Wet“, bei dem Badewannen eine zentrale Rolle spielen werden. Die 350 - geladenen – Festgäste mussten also an einer Batterie von Badewannen vorbei. Das war einerseits komisch, andererseits aber auch passend. Denn selbstverständlich hat sich Leibniz auch mit Hydrologie befasst.

Ministerpräsident Stephan Weil würdigte den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz an dessen 300. Todestag als großen Gelehrten. Mit einem Festakt hat Niedersachsen an den Universalgelehrten (1646-1716) erinnert. Für die Festrede hat die Landesregierung den Schriftsteller Daniel Kehlmann engagiert.

Bei den obligatorischen Grußworten wurde es erwartungsgemäß recht trocken. Es sprachen Ministerpräsident Stephan Weil, Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostock, Erich Barke, früher Präsident der Leibniz Universität, jetzt Präsident der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft. Alle würdigten die Verdienste des Philosophen, seine Vernetzung, die Vielfältigkeit seiner Interessen, seine andauernde Wirkung.

Feierliches Gedenken

Vor und nach den Gruß- und Gedenkworten sangen Mitglieder des Norddeutschen Figuralchors unter der Leitung von Jörg Straube begleitet vom Barockorchester „la festa musicale“ Auszüge aus dem „Stabat Mater“ von Agostino Steffani. Alles sehr feierlich, alles sehr getragen. So als sei Leibniz vergangene Woche erst gestorben.

Mit Leibniz’ Sterben und seiner Beerdigung, die so schmucklos war, dass ein zufällig durchreisender Schotte entsetzt berichtete, so bestatte man anderswo die Wegelagerer, begann Daniel Kehlmann seinen Festvortrag.

Den Schriftsteller als Festredner verpflichtet zu haben, war ein großer Coup. In seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ hat Kehlmann die Lebensläufe des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt miteinander verschränkt. Und ein Theaterstück über den Mathematiker Kurt Gödel hat er auch geschrieben. Kaum ein anderer deutscher Schriftsteller eignet sich besser, den Mathematiker, Naturwissenschaftler und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zu würdigen.

Der Schriftsteller würdigt den Philosophen mit wunderschönen Sätzen. Etwa: „Sein Leben war gesegnet in vieler Hinsicht und in mancher Hinsicht verflucht.“ Oder: „Der Rechnende braucht das Paradox der Unendlichkeit, das er wie mit einem Tanzschritt überspringt, nie zu begreifen, weil Leibniz es für ihn begriffen hat und ihm eine geistige Maschine zur Verfügung stellt, einen virtuellen Computer eben, in den er nur die Werte eingeben muss, um ohne Mühe das Ergebnis zu erhalten.“ Oder: „Jede einzelne Seele repräsentiert eine ganz und gar spezielle, unwiederholbare Sicht auf die Welt.“

"Sei manisch. Sei auf keinen Fall je fertig"

Damit ist Kehlmann, nachdem er intelligent und unterhaltsam, den Nachruhm des Philosophen, seine Infinitesimalrechnung, die Monadologie, die technischen Entwicklungen der Aufklärungszeit gestreift hat, bei einem besonders Punkt seiner Festrede angekommen: bei der Unendlichkeit der Perspektiven. Und bei seinem Publikum. Und bei Gott.

Von dort kommt er schnell zu Leibniz’ Postulat von der „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben würden. Kehlmann erläutert diese Aussage in der ihm eigenen Art, also gleichermaßen mit Eleganz und Lässigkeit: „Gottes Anwalt Leibniz behauptet keineswegs, dass die Welt, die wir haben, die für uns bequemste oder angenehmste unter den möglichen ist; nein, das Plädoyer, das er für seinen Klienten hält, ist melancholischer und vorsichtiger – ,die beste aller möglichen Welten’, das kann auch einfach bedeuten: mehr war leider nicht drin.“ Schön.

Zum Schluss gab der Schriftsteller seinen Zuhörern einen Rat mit auf den Weg: "Sei manisch. Sei auf keinen Fall je fertig". Man müsse sich, so Kehlmann, anstecken lassen von der "manisch durchglühten Hektik" des Philosophen.

Wer war Leibniz?

Vor 370 Jahren, am 21. Juni 1646, wurde Gottfried Wilhelm Leibniz in Leipzig geboren, doch die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Hannover, als Bibliothekar und Allround-Gelehrter im Dienste der Welfen. Hier starb er auch. Am 14. November jährt sich sein Todestag zum 300. Mal. Er gilt als wichtigster Vordenker der Aufklärung.

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