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Was interessiert Sie an Leibniz, Herr Kehlmann?

Bestseller-Autor im Interview Was interessiert Sie an Leibniz, Herr Kehlmann?

Zum 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz wird Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") einen Vortrag in Hannover halten. Im Interview verrät der Autor, was ihn am Universalgenie interessiert und spricht über sein bald erscheinendes Buch.

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Im November in Hannover: Der Schriftsteller Daniel Kehlmann.

Quelle: Maurizio Gambarini (dpa)

Hannover. Sie haben als Ort für dieses Gespräch das Restaurant „Brecht“ neben dem Berliner Ensemble, dem von Bertolt Brecht gegründeten Theater, gewählt. Es gibt Artikel über Sie, in denen steht, Sie könnten mit dem belehrenden politischen Autor Brecht nichts anfangen …

Das ist überhaupt nicht wahr. Ich kann mehr als ein Dutzend Gedichte von Brecht auswendig, ich halte ihn für einen der größten Schriftsteller deutscher Sprache. Auf der Eröffnung eines Brecht-Festivals habe ich einmal gesagt, wie betroffen es einen machen kann, dass ausgerechnet dieser Mann auf der Seite der Diktatur stand und gegen die Freiheit.

Aus irgendeinem Grund wirft man mir das seither vor. Wenn Uwe Kolbe oder Herta Müller genau das Gleiche sagen, stört es keinen. Herta Müller hatte sogar das gleiche ein Jahr vorher am gleichen Ort gesagt, was ich gar nicht wusste, und niemand hatte sich darüber geärgert.

Zur Person

Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, hat Philosophie und Germanistik studiert und war bereits mit 28 Jahren, mit seinem Buch „Ich und Kaminski“, international erfolgreich. Einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur wurde im Jahr 2005 sein inzwischen auch verfilmter Roman „Die Vermessung der Welt“, der im deutschsprachigen Raum eine Auflage von 2,3 Millionen Exemplaren erreichte und in 46 Sprachen übersetzt wurde. Kehlmann, der mit rund einem Dutzend Literaturpreisen geehrt worden ist, hält am 14. November den Festvortrag beim Festakt anlässlich des 300. Todestages von Gottfried Wilhelm Leibniz in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

Es gibt Menschen, die lieben Brechts Lyrik, können aber mit den politischen Dramen nichts anfangen. Geht es Ihnen auch so?

Manche der Dramen sind lehrhaft und starr, fast veraltet. Aber „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ ist das beste Klassenkampfstück aller Zeiten. Auch der „Kaukasische Kreisekreis“ ist großartig. Und „Das Leben des Galilei“ - die unglaubliche Szene, in der sich die Inquisitoren weigern, durch Galileos Fernglas zu schauen!

Im Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz ist auch vieles lehrhaft und starr, andererseits gibt es aber auch viel zu entdecken. Beschäftigen Sie sich gerade damit?

Ich habe mich früher viel mit Leibniz beschäftigt, er war ein Schwerpunkt meines Philosophiestudiums. Ich habe damals seine „Theodizee“ ganz gelesen und war verblüfft, wie oft diesem Buch unrecht getan wird. Man kennt ja eigentlich nur die Karikatur, die Voltaire davon gezeichnet hat - aber es ist ein tiefes und komplexes Werk über die Natur des Bösen, oder eigentlich: über die Frage, warum alles in der Welt so unzureichend ist. Leibniz’ große Frage ist, wie man mit dem Unzureichenden auskommt.

Sie werden im November in Hannover den Festvortrag zum 300. Todestag von Leibniz halten. Stören solche Zwischenarbeiten eigentlich Ihre literarische Arbeit? Oder passt das ganz gut?

Es passt seltsamerweise extrem gut. Deshalb habe ich auch augenblicklich zugesagt, als die Einladung kam.

Haben Sie jemals überlegt, Leibniz zur Figur einer fiktionalen Geschichte zu machen?

Nein, das habe ich nicht. Natürlich könnte man das, aber das wäre zu nahe an meiner „Vermessung der Welt“, daher verbietet es sich für mich von vorneherein. Was in Deutschland übrigens kaum bekannt ist: Leibniz ist eine wichtige Figur in Neal Stephensons dreibändigem „Barock-Zyklus“. Sehr lesenswert, wenn man enorm lange Bücher mag!

Was spricht dafür, Leibniz zur literarischen Figur zu machen, was dagegen?

Nun, grundsätzlich - also nicht für mich, sondern im Allgemeinen -, dafür spräche die unglaubliche Vielseitigkeit dieses Mannes, der aber auch etwas Gebrochenes hat, etwas Getriebenes und Manisches. Er lebte in ständiger Sorge, die Autoritäten könnten ihn nicht genug schätzen. Er ist der große Advokat der Macht - jeder Macht, bis hin zur „Theodizee“, in der er sich selbst zum Advokaten Gottes ernennt. Dagegen spricht - nun ja, eigentlich nur der Umstand, dass seine Ideen doch immer noch interessanter sind als jede Geschichte über ihn. Es ist doch am besten, immer wieder die „Monadologie“ zu lesen, diese Vision einer bis ins Unendliche gefalteten und beseelten Welt, der Kosmos als Miteinander von buchstäblich unendlich vielen Individuen. Das ist schon eine Idee von betörender Schönheit.

Die beiden letzten Buchpreise in Frankfurt und Leipzig haben sehr dicke Bücher von Frank Witzel und Guntram Vesper ausgezeichnet, an die 1000 Seiten schwer. Wird es auch von Ihnen bald so ein Buch geben?

Ich widerstehe dem Trend, von mir kommt demnächst ein ganz dünnes Buch heraus.

Was wird das sein?

Ich verrate noch nichts.

Wieder ein historischer Stoff?

Nein, ein Buch aus der Gegenwart.

Interview: Lars Grote und Ronald Meyer-Arlt

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