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Kultur Mit der Lizenz zur Schöpfung
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07:07 31.08.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Scherben vom Expo-Gelände, rot verfärbt: Daniel Knorr neben „Biggest Fair Player“ (2017), einem seiner Abdrucke. Foto: Villegas Quelle: Villegas
Hannover

Wer zur Kestnergesellschaft geht, kommt an einem steinernen Schneemann vorbei. Viele posieren da fürs Erinnerungsfoto, mancher hat die rote Nase, den Palmwedel oder einen Stein als Souvenir entwendet. „Aber das erfordert nur kleine Reparaturen“, sagt der Künstler Daniel Knorr in der Kestnergesellschaft.

Knorr ist nicht nur der Schöpfer dieser Figur, er weiß auch, welche kulturellen Codes zum Erfolg seines Kunstwerks führen, das er auf den Namen „Bonhomme“, Biedermann also, getauft hat. „Jetzt könne ich mich ja Père Noël nennen, spottete mein Vater“, sagt Knorr. Doch diese Figur ist gar nicht so bieder, und dieser Künstler ist kein Weihnachtsmann. Der Schneemann wird spontan als künstlerischer Kommentar zur Klimakatastrophe verstanden, die Fluchtströme ebenso in Afrika auslöst wie derzeit aus den US-Südstaaten.

Die Kunst wird unsichtbar

Allzu einfach, diese Kunst-Botschaft? „Volkstümlichkeit und Sozialkritik“, konstatiert ein Gast des Künstlergesprächs in der Kestnergesellschaft - und fügt sarkastisch hinzu: „Ja, war’s das schon?“

Nein, das war’s noch nicht. Das wird bei diesem von Kestnergesellschaftsdirektorin Christina Végh entspannt und eindringlich geführten, ebenso persönlichen wie politischen Gespräch deutlich. Daniel Knorr, 1968 in Bukarest geboren, in Bayern aufgewachsen und längst international agierender Künstler, entwickelt wie nur wenige das Verständnis des Kunstwerks weiter, er hat eine besonders weitreichende Lizenz zur Kunstschöpfung.

Kunst bestehe vor allem aus dem Diskurs darüber, sagt Knorr - und demonstriert damit die Deutungshoheit für ein Kunstverständnis in der Tradition der Avantgarde: Marcel Duchamp hat vor 100 Jahren gezeigt, dass ein Urinal zur Kunst werden kann, wenn man es in einen Kunstraum überführt. Kurt Schwitters und Timm Ulrichs haben Kunstfiguren ihrer selbst entwickelt, Ulrichs hat sich 1966 gar als „erstes lebendes Kunstwerk“ aufs Podest gestellt.

Knorr kommt komplett ohne Kunstraum und Podest aus - und sogar ohne sichtbares Exponat: Von seinem Kunstwerk „Klaus“ gab es bei dessen Präsentation in der Züricher Galerie Serge Ziegler im Jahr 2001 nur eine Beschreibung. Erst verzögert merkten die Journalisten, dass das Werk aus einem dort umherflanierenden Mann bestand. Der heißt auch im wirklichen Leben Klaus, hat dann der Zeitschrift „Art“ ein Interview gegeben („Ich bin ein Kunstwerk“), hatte Auftritte in Berlin und war schon für die New Yorker Project Gallery gebucht. „Aber da wollte Klaus nicht mehr“, erzählt Knorr, der das „Klaus“-Kunstverständnis prompt noch weiter getrieben hat. „Übers Telefonbuch habe ich in Soho Mary Anne Klaus gefunden, die bereit war, ,Klaus‘ zu sein.“

Verschüttetes wird sichtbar

„Kunst öffnet den Blick für verschüttete Wahrnehmungen und neue Wege“, sagt Knorr, „darauf kommt es mir an.“ Deshalb nimmt er Bodenabgüsse in Los Angeles, Athen oder Hannover, die den Blick auf das Relief von kalifornischem Sand, antiken Wagenspuren oder Scherben vom Expo-Gelände lenken. Deshalb macht er auf der Documenta mit der Rauch-Performance „Expiration Movement“ auf eine unsichtbare Verbindung aufmerksam: Der Rauch steigt seit dem Documenta-Beginn in Athen, der Monate vor dem Start in Kassel lag, aus Kassels Zwehrenturm auf.

Was wird wohl aus „Bonhomme?“, wollen Gäste der Kestnergesellschaft noch wissen. Wird er, wie frühere Versionen in Nizza und in Basel, demontiert - oder bleibt er erhalten? „Er wartet auf den Winter“, sagt Daniel Knorr. „Das steht in den Sternen“, sagt Christina Végh. „Ja“, fügt Knorr lachend hinzu, „deshalb schaut er ja in die Sterne.“

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