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Das Geheimnis in Michelangelos Fresko

500 Jahre Kunstgeschichte Das Geheimnis in Michelangelos Fresko

Am 31. Oktober 1512 wurde Michelangelos Fresko in der Sixtnischen Kapelle enthüllt. Doch was zeigt das Deckengemälde eigentlich genau? Der Kunsthistoriker David Hornemann von Laer hat einmal ganz genau hingesehen.

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Der wohl berühmteste Fingerzeig Gottes: Ausschnitt aus Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle.

Quelle: Archiv

Rom. Berühren sich die Zeigefinger Gottes und Adams auf Michelangelos berühmtem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle? „Die meisten Leute glauben, sie berühren sich. In 80 Prozent der Literatur und sogar auf der Homepage des Vatikans ist von ,Berührung‘ die Rede“, sagt David Hornemann von Laer. Der 1971 in Hamburg geborene Kunsthistoriker, der an der Universität Witten/Herdecke lehrt, hat über das Deckenfresko seine Habilitationsschrift verfasst und wirft in seinem Buch „Vom Geschöpf zum Schöpfer“ einen erfrischend direkten Blick auf das 520 Quadratmeter große Deckenbild und das hypnotisierende Gewusel aus 343 Figuren. In Wahrheit berühren sich die Finger nicht. „Darin liegt gerade die Spannung, die Dramatik des Bildes“, sagt der Wissenschaftler.

Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1512, wurde Michelangelos Fresko nach viereinhalbjähriger Schaffenszeit in der Sixtinischen Kapelle in Rom enthüllt und mit einer päpstlichen Messe eingeweiht. Im gleichen Jahr entstand auch die Sixtinische Madonna Raffaels, deren Geburtstag Dresden bereits groß gefeiert hat. Die Sixtinische Kapelle in Rom ist heute ein touristisches „must see“. Im Vorjahr wurden dort fünf Millionen Besucher gezählt. Was aber sehen die Menschen?

Die freie Sicht auf die Bilder, glaubt Hornemann von Laer, sei durch Berge von Interpretationen verstellt. „Als Betrachter macht man vor allem einen inneren Abgleich, bemerkt beispielsweise, dass dieses Detail größer ist als man dachte, jenes anders.“ Hornemann von Laer ging die Sache grundsätzlicher an - und so leidenschaftslos wie möglich. „Occhi non appassionati“ hatte Michelangelo vom Betrachter seiner Werke gefordert.

Dem Wissenschaftler fiel beispielsweise auf, dass Adam bereits mit voll ausdefinierten Muskelpaketen in makelloser Jünglingspracht vor dem Schöpfer sitzt, obwohl er angeblich gerade geschaffen wird. Das Geschöpf vermag sogar aus eigener Kraft die Hand lasziv seinem Schöpfer entgegenzuhalten. Der Michelangelo-Biograf Vasari sei es gewesen, der als Erster im Zusammenhang mit dem Bild von der „Erschaffung Adams“ gesprochen habe. „Vasari hat nicht genau hingeschaut“, meint Hornemann von Laer.

Auch von der häufig beschriebenen „majestätischen Vollkommenheit“ Gottes bei Michelangelo kann der Kunsthistoriker wenig erkennen. Im dritten Genesis-Bild, dem er sich besonders intensiv widmete, erscheint der greise Gott, der ein rosa-violettes Gewand trägt, von einer Art wolkigem Strudel in Richtung eines nackten Jünglings getrieben. Mit lässig gekrümmtem Zeigefinger bedeutet der Jüngling dem Greis: „Komm ruhig her.“ Die Augen hält der junge Mann halb geschlossen, die Lippen halb geöffnet.

Der Jüngling halte mit einem Finger „ein Tüchelchen, das im nächsten Moment schon ganz herunterfallen könnte“, während Gott in eine komplexe Handlung verstrickt sei. „Die ganze Szene, die sich auch noch über dem Altar befindet, bleibt so ambivalent, dass eine Bewegung nach oben und unten, eine Drehung um die eigene Achse nach rechts und zugleich nach links möglich erscheint.“

Michelangelo zeige Gottvater bei der Arbeit. Das sei damals eine neue und kühne Bilderfindung gewesen. „Gott erscheint nicht in fauler Erhabenheit, sondern er rackert sich ab. Er ist keine Majestät, sondern ein Schöpfer mit schütterem Haar, dem man unter Kinn, Bart und Nase schauen kann.“

Michelangelo entwerfe in seinem Fresko ein höchst ambivalentes und extrem mehrdeutiges Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. Adam sei bei ihm kein „aus Lehm geschaffener Trottel“, sondern eine „unglaublich souveräne Person“. Erstaunlich altbacken wirkten hingegen moderne Adaptionen. Für Filmcover („E. T.“, „Bruce Allmächtig“) oder Magazinillustrationen ist vor allem die weltberühmte Zeigefingergeste häufig nachgestellt worden. „Da wird ein mittelalterliches Weltbild tradiert, mit dem Mensch als Befehlsempfänger“, sagt der Kunsthistoriker, der bewusst keine neuen Interpretationen liefern, aber zum Sehen ermutigen möchte.

Papst Julius II. hatte Michelangelo vor 500 Jahren bei der Themenwahl und Gestaltung freie Bahn gelassen. „Mach, was du willst!“, hatte der Papst zu ihm gesagt. Die Römer seien vom fertigen Fresko zu Begeisterungsstürmen hingerissen worden, heißt es oft. In Wahrheit verstummten sie - vor Begeisterung. Die jüngste Reinigung des Freskos brachte zutage, dass der Maler das zentrale, 20 Quadratmeter große Bild an einem einzigen Tag gemalt hat.

Eine gewaltige Leistung verlangt das Fresko auch dem Betrachter ab. Man blickt, eingezwängt zwischen Touristen, angestrengt nach oben. Oben blickt Gott angestrengt nach oben. Und vor einem halben Jahrtausend blickte der Maler nach oben - und klagte in einem Sonett: „Den Bart reck’ ich gen Himmel, mit dem Nacken / rückwärts gelehnt, und mit Harpyien-Bauch, / Derweil der Pinsel, immer über’m Aug’, ein schönes Mosaiko kleckst auf die Backen.“

David Hornemann von Laer: „Vom Geschöpf zum Schöpfer - Die Genesisfresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle“. Johannes M. Mayer Verlag. 208 Seiten, 48 Euro.

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