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18:53 28.03.2012
Von Martina Sulner
Über den Dächern von Helsinki: Riikka Pulkkinen. Quelle: Riikka Hurri
Helsinki

Auf einem kleinen Tisch liegen einige ausgemusterte, doch gut erhaltene Bücher. Christine Nöstlingers „Maikäfer, flieg!“ ist dabei und die „Deutsche Sprachgeschichte“ von Hans Eggers. „Jedes Buch 0,50 Euro“ steht auf einem Zettel. Gemütlich und etwas altmodisch geht es in der Deutschen Bibliothek in Helsinki zu, wo noch Karteikästen stehen und auf den Fensterbänken Grünpflanzen. Die Bibliothek nahe dem Fährhafen ist Ausdruck der alten deutsch-finnischen Literaturfreundschaft. 1881 gründeten deutsche Emigranten und literaturbegeisterte Einheimische die Bücherei, um Goethe, Schiller und Heine im Norden bekannt zu machen.

Heute hat man in Helsinki eher den Transfer in umgekehrter Richtung im Blick. Finnland, das Land mit gerade mal 5,2 Millionen Einwohnern und einer Sprache, die für Nichtfinnen nicht eben leicht zu lernen ist, bemüht sich, seine Autoren im Ausland bekannt zu machen. 1977 wurde deshalb FILI („Finnish Literature Exchange“) gegründet, eine Art Werbeagentur für die Literatur, die zwischen Turku im Süden und Ivalo im Norden des Landes entsteht.

„Wir sind eine NGO“, sagt FILI-Projektleiterin Maria Antas beim Gespräch in der Deutschen Bibliothek, also eine Nichtregierungsorganisation für Bücher. Allerdings kommt die Hälfte des Jahresetats von derzeit 1,5 Millionen Euro vom Staat. Der Rest stammt von privater Seite, etwa Verlagen. FILI unterstützt Finnischübersetzer mit Stipendien, veranstaltet Übersetzersymposien, fördert Lesereisen heimischer Autoren im Ausland und stellt auf Messen Neuerscheinungen vor. Bislang hatte FILI sechs Mitarbeiter, seit Kurzem sind es elf: Finnland ist 2014 Gastland der Frankfurter Buchmesse, und die Vorbereitungen für die Präsentation in Frankfurt, die FILI betreut, haben begonnen.

Schon jetzt, lange vor dem Buchmessenauftritt, erregt die junge finnische Literatur im Ausland Aufmerksamkeit. Nach dem weltweiten Erfolg von Sofi Oksanens Roman „Fegefeuer“ - die Theaterfassung ist seit November auch auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover zu sehen - ist das Interesse an finnischen Autoren groß. Oksanen erzählt in ihrem Buch von zwei estnischen Frauen im vergangenen Jahrhundert, es ist eine harte, gewalttätige Geschichte über Eroberer und Eroberte. Im August erscheint bei Kiepenheuer&Witsch Oksanens Roman „Stalins Kühe“.

Gerade in Deutschland herausgekommen sind Romane von Leena Parkkinen und Riikka Pulkkinen. Parkkinens Buch „Nach dir, Max“ handelt von siamesischen Zwillingen, die in Deutschland geboren werden und mit einem Zirkus in Helsinki landen. Pulkkinens Roman „Wahr“ ist ein Buch über Lüge, Liebe und verschüttete Erinnerungen innerhalb einer Familie (siehe Kasten).

Auffällig ist, dass diese drei Autorinnen - alle so Anfang, Mitte dreißig - in die Vergangenheit Finnlands und/oder Estlands blicken. Sofi Oksanen geht in „Fegefeuer“ und auch in „Stalins Kühe“ zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und in die Ära der sechziger, siebziger Jahre. „Nach dir, Max“ spielt vor allem im Helsinki der zwanziger Jahre, und Riikka Pulkkinen verschränkt in ihrer Geschichte Erlebnisse aus den sechziger Jahren mit der Gegenwart.

Die jungen Autorinnen werfen einen mitunter kritischen, mitunter unbekümmerten Blick auf die Historie. „Wir haben Distanz zur Vergangenheit, können deshalb manches unbeschwerter erzählen als die Generation vor uns“, meint Leena Parkkinen. In der jungen Nation Finnland, die erst 1919 gegründet wurde, habe sich vieles sehr schnell entwickelt, sagt Maria Antas von FILI: „Der rasante Wandel in unserem Land wurde lange nicht reflektiert.“

„Vor allem in den vergangenen 20 Jahren“, so Riikka Pulkkinen, „haben sich das Leben und die Literatur stark verändert: Alles ist viel globaler geworden.“ Die Zeit, als Finnland noch relativ abgeschottet war, ist schon länger vorbei. Das bis in die fünfziger Jahre agrarisch geprägte und arme Land hat sich zu einem Vorzeigewohlfahrtsstaat entwickelt. „Ältere Autoren setzen sich eher mit Fragen der nationalen Identität auseinander, unsere Generation fragt eher nach der europäischen Identität“, sagt Riikka Pulkkinen.

In diesem Frühjahr und auch in den kommenden Buchsaisons können sich deutsche Leser in zahlreichen weiteren Neuerscheinungen einen Eindruck von der Vielfalt finnischer Literatur verschaffen. Im nächsten Frühjahr soll etwa der neue Roman des schwedisch schreibenden Schriftstellers Kjell Westö - gut fünf Prozent der Finnen gehören zur schwedischen Minderheit - erscheinen, „Geh nicht einsam in die Nacht“. Westös Helsinki-Saga „Wo wir einst gingen“ (auf Deutsch erschienen bei btb) war vor vier Jahren ein Erfolg in Deutschland.

Unter den geplanten Übersetzungen sind auch einige Krimis. Doch anders als in Schweden oder Norwegen konzentrieren sich Literaturagenten und Verlage nicht so sehr auf Kriminalgeschichten. FILI jedenfalls ist bemüht, die ganze Bandbreite finnischer Literatur zu transportieren. Das gelingt im Moment gut.

Leena Parkkinen: „Nach dir, Max“. Deutsch von Gabriele Schrey-Vasara. Osburg Verlag. 415 Seiten, 21,90 Euro.

Riikka Pulkkinen: „Wahr“. Deutsch von Elina Kritzokat. List Verlag. 357 Seiten, 18 Euro.

Sofi Oksanens „Fegefeuer“, Deutsch von Angela Plöger, ist gerade als Taschenbuch erschienen: btb, 400 Seiten, 9,99 Euro. Auf der Cumberlandschen Bühne steht es wieder am 7.April auf dem Programm.

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