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Kultur Das „Hurricane“-Festival: Scheeßel und der Rest der Welt
Nachrichten Kultur Das „Hurricane“-Festival: Scheeßel und der Rest der Welt
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19:07 21.06.2009
60.000 Besucher sind beim „Hurricane“-Festival in Scheeßel dabeigewesen. Quelle: Nigel Treblin/ddp

Es ist kalt, nass, windig. Weltschmerz liegt in der Luft, als die ersten Klavieranschläge von „Why Does My Heart Feel So Bad?“ erklingen. Die traurige Ballade des New Yorker Soundtüftlers Moby lässt die Besucher des „Hurricane“- Festivals in den wolkenverhangenen Abendhimmel blicken. Junge Paare liegen sich in den Armen, müde Menschen liegen auf der matschigen, braunen Rasenfläche vor der Bühne. Noch in derselben regnerischen Nacht zum Sonnabend erklingen die Klavierakkorde erneut. Der Ton ist diesmal leicht verzerrt, Moby schwankt: Sein Auftritt ist auf dem Internetportal YouTube zu sehen, jedenfalls 49 Sekunden davon. Der 15-jährige Lucas hat den Auftritt mit seinem Handy aufgenommen. Praktischerweise wohnt er nur 500 Meter vom Festivalgelände in Scheeßel entfernt, sodass er mal eben schnell den Clip ins Netz stellen kann. „Ich möchte auch anderen die Chance geben, an dem Festival teilzunehmen“, sagt Lucas. Er selbst hat sich von vielen der fast 70 Bands Livemitschnitte angeschaut und dann entschieden, welche er bei seinem dritten „Hurricane“-Besuch sehen wird.

Das Web 2.0, das Internet von allen für alle, ist auf den großen Musikfestivals angekommen. Mit nur wenigen Stunden Zeitversetzung findet das „Hurricane“-Festival im Netz statt. Nicht nur auf YouTube, auch in Internetportalen wie SchülerVZ und Myspace berichten Jugendliche mit ausgeprägtem Mitteilungsbedürfnis davon, dass das Publikum trotz des unnachgiebigen Regens den kargen Garagenrock der Blood Red Shoes energisch gefeiert hat. Oder sie beklagen sich darüber, dass die ersten Zuschauerreihen für den druckvollen Rock ’n’ Roll der US-Band Social Distortion nur müdes Hüpfen übrig hatten. So wird das Festival ganz ohne Zutun der Veranstalter einem Publikum nähergebracht, das über die 60.000 Besucher vor Ort bei Weitem hinausreicht.

Norddeutschlands größtes Open-Air-Spektakel ist gestartet: Bei wechselhaftem Wetter hat am Freitagnachmittag das Rockfestival Hurricane in Scheeßel am Rande der Lüneburger Heide begonnen.

Die Unterkunft auf dem schlammigen Zeltplatz ohne Strom und Spülklo mag für viele Jugendliche eine Möglichkeit sein, um von ihrem Alltag abzuschalten. Ihr Handy bleibt aber an. Es wird zum Speicher all der Erlebnisse, die drei Festivaltage mit reichlich Sangria aus Tetrapacks so mit sich bringen. Und weil man besondere Erlebnisse gerne teilt, bietet erstmals ein Stand des Onlinenetzwerks StudiVZ auf dem Festivalgelände kostenlosen Internetzugang an. Die 19-jährige Lisa aus Verden steht in der Schlange an, sie möchte eben erst aufgenommene Bilder der US-Popsängerin Katy Perry auf ihr SchülerVZ-Profil hochladen. „Katy war toll! Das sollen alle meine Freunde sehen“, sagt Lisa.

Das einstige Rockfestival „Hurricane“ ist in seiner 13. Ausgabe konturloser als seine Vorgänger – und hat 10.000 Gäste weniger als im Jahr zuvor. Beim Zuckerwattepop von Katy Perry kommt mehr Stimmung auf als bei Indierockgrößen wie den ­Pixies. Vom launigen Hip-Hop der Gruppe Fettes Brot bis zum psychedelischen Rock der Texaner The Mars Volta ist vieles dabei. Die Veranstalter setzen auf konsensfähige Bands wie Die Ärzte, Kings of Leon und auf die nach zwölf Jahren wiedervereinigten Faith No More. In cremefarbenen Trauzeugenanzügen spielen die sich durch Genres wie Death Metal und Bossa nova, das Publikum freut sich besonders über den Hit „Easy (Like Sunday Morning)“.

Die meisten Besucher waren noch nicht geboren, als die Elektropioniere von Kraftwerk Soundfragmente zusammenbastelten. Trotzdem lassen sie sich von der minimalistischen Klang- und Bildshow der Band aus Düsseldorf begeistern. Vielleicht, weil sie in „Computerwelt“ eine Generationenhymne gefunden haben.

von Gerd Schild und Marina Kormbaki

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