Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Es brodelt unterm Eis

"Carol" mit Cate Blanchett Es brodelt unterm Eis

Verbotene Liebe nach Patricia Highsmith: In dem Melodram "Carol" mi Cate Blanchett und Rooney Mara geht es um die Sehnsucht zweier Frauen zueinander in einer Gesellschaft, in der die gleichgeschlechtliche Liebe einem Verbrechen gleichkommt.

Voriger Artikel
"Thriller Live" in der Swiss Life Hall
Nächster Artikel
Warum der "Freischütz" in Hannover polarisiert

Majestätisch: Cate Blanchett als Carol.

Quelle: Verleih

Hannover. Im Winter 1948 jobbte die junge Patricia Highsmith in der Spielzeugabteilung des New Yorker Kaufhauses Bloomingdale’s, ihr Romandebüt „Zwei Fremde im Zug“ war da noch nicht erschienen. Eine elegante Blondine im Nerzmantel trat zu ihr an den Tresen. Viel mehr geschah wohl nicht zwischen den beiden. Doch Highsmith fühlte sich nach eigenen Worten „merkwürdig benommen, wie knapp vor einer Ohnmacht, zugleich aber auch erhoben, so als hätte ich eine Vision gehabt“.

Diese kurze Begegnung war die Initialzündung für ihre Geschichte „Carol“, die von der Sehnsucht zweier Frauen zueinander in einem gesellschaftlichen Umfeld erzählt, in dem die gleichgeschlechtliche Liebe einem Verbrechen gleichkommt. Die Zeiten waren so homophob, dass Kommunistenjäger Joseph McCarthy Homosexuelle als Sicherheitsrisiko einstufte.

Einige Jahrzehnte lang wagte es die bald schon überaus erfolgreiche Krimiautorin Highsmith nicht, ihr vermutlich persönlichstes Werk unter dem eigenen Namen herauszugeben; „Carol“ erschien 1952 unter Pseudonym. Nun endlich hat es ihr Roman auch auf die Leinwand geschafft. Nur mal zum Vergleich: Bei ihrem 1949 erschienenen Erstlingswerk „Zwei Fremde im Zug“ griff Alfred Hitchcock sofort zu.

Melodram-Experte Todd Haynes spürt dieser lesbischen Liebe so feinfühlig nach, dass es ein wenig braucht, bis einem aufgeht, welche Anziehungskräfte zwischen der angehenden Fotografin Therese (Rooney Mara) und der majestätischen Pelzmantel-Frau Carol (Cate Blanchett) wirken. Tatsächlich begegnen sich die beiden erstmals bei Blooming­dale’s: Carol vergisst - womöglich absichtlich - ihre Handschuhe, und so bietet sich Therese die Möglichkeit, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Zunächst scheinen die beiden jede Annäherung vor sich selbst verbergen zu wollen. Sie treffen sich in Restaurants und Bars, wo zwei Frauen nicht weiter auffallen. Aber ihr Verlangen treibt sie weiter aufeinander zu. Carol weiß um die Risiken dieser Liebe. Therese ist gerade erst dabei, sich selbst und ihre Gefühle für Frauen zu entdecken. Die zunächst so überlegen scheinende Ältere ist ihr Schlüssel dazu. Die Jüngere ist bereit zu tun, was Carol tut. Aber die Abhängigkeit wird nicht bleiben. Thereses Selbstbewusstsein wächst.

Der Kampf um verbotene Gefühle wird in „Carol“ ganz dezent ausgetragen. Es sind die versteckten Berührungen, die fragenden Blicke, die verstohlenen Gesten, für die der Zuschauer seine Aufmerksamkeit schärfen sollte. Haynes und seine Darstellerinnen beherrschen meisterlich die Kunst der eindeutigen Zweideutigkeiten.

Parallel muss Carol einen dreckigen Krieg um das Sorgerecht für ihre Tochter austragen. Ihr Mann (Kyle Chandler) betrachtet sie als moralisch ungeeignet und hetzt einen Detektiv auf sie - bei dieser Gelegenheit entdecken wir eine funkelnde Pistole in Carols Gepäck, eine hübsche kleine Anspielung auf die Krimi-Vorliebe von Autorin Highsmith.

Das Dekor vom Möbelstück bis zum Automobil in diesem Film ist so edel, dass man beständig Angst vor Kratzern hat - in dieser repressiven Gesellschaft sollte besser nichts angerührt oder verändert werden. Die größte Kostbarkeit aber ist Cate Blanchett: Wie ein Schutzschild trägt Carol ihre Makellosigkeit vor sich her. Den Darstellerinnenpreis in Cannes bekam allerdings, ebenso verdient, Rooney Mara.

Schon einmal gelang dem bekennenden Douglas-Sirk-Verehrer Haynes mit „Dem Himmel so fern“ ein elegantes Melodram um Homosexualität in den Fünfzigern. „Carol“ steht in dieser Reihe: Hier brodelt das Verlangen unter dem Eis.

Und Patricia Highsmith? Viel später schrieb sie in einem Nachwort zu dem Roman: „Bis zu diesem Buch mussten weibliche wie männliche Homosexuelle in amerikanischen Romanen ihre Neigungen büßen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, sich in einem Swimmingpool ertränkten oder indem sie zu heterosexuellen Beziehungen ,überwechselten‘, wie man das damals nannte, oder allein, elend und gemieden in qualvolle Depressionen fielen.“ So ein deprimierendes Ende hatte Highsmith für ihre Heldinnen nicht vorgesehen. Viele Leserinnen bedankten sich bei ihr dafür mit Zuschriften.

Ab Donnerstag im Kino.

Von Stefan Stosch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche

Machet die Tore weit – unter diesem Motto stand das Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche. Und eine federnd leichte, hoffnungsfrohe und zuversichtliche Interpretation der gleichnamigen Motette von Andreas Hammerschmidt liefert der Chor dann auch.