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Kultur Das Schauspiel Hannover spielt Euripides „Die Bakchen“
Nachrichten Kultur Das Schauspiel Hannover spielt Euripides „Die Bakchen“
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09:49 07.12.2010
Von Stefan Arndt
Im Blutrausch: Hanna Scheibe (Agaue) Quelle: Katrin Ribbe

Eine griechische Tragödie ist kein „Tatort“. Zwar gibt es auch hier immer einen Mord, aber er ist nicht einfach die Folge einer nur für den Moment entglittenen Normalität. In der Tragödie ist vielmehr die Eskalation das Normale. Euripides „Die Bakchen“ etwa schildert nichts weniger als den Rachefeldzug eines Gottes: Alles ist dabei groß, wuchtig und pathetisch. Als Zuschauer lässt es sich schön dabei schaudern. Doch so brutal es ist, wenn eine Mutter unwissend ihr eigenes Kind zerfleischt – die Überrealität der Tragödie bleibt oft ein Gedankenspiel: Sie rührt nur im Geiste.

Vielleicht mag das ein Grund gewesen sein, warum man am Schauspiel Hannover Euripides’ zeitlose Tragödie nun mit einem seltsam gegenwärtigen Epilog versehen hat: Noch bevor die blutverschmierten Griechen am Ende ihrer Geschichte die Bühne verlassen, kommt ein „Gast“ (Rainer Frank) hereingeschlendert und erzählt in beiläufigen Talk-show-Tonfall von seinem Schicksal. Nach einer Herztransplantation fühlt er das gespendete Organ als Fremdkörper im eigenen Leib und von den Medikamenten, die eine Abstoßung des neuen Herzens verhindern sollen, bekommt er Krebs. Fremdheit und Tod, bei Euripides große Themen, bekommen plötzlich einen banalen Beigeschmack. Regisseur Christian Tschirner kühlt die heroischen Gefühle mit dem Epilog des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy blitzartig ab – die Götter und Helden können nur noch peinlich berührt von der Szene schleichen.

Dabei haben sie vorher so groß aufgespielt. Ihre Bühne ist ein weißes Bretterpodest im Foyer des Schauspielhauses (Bühne: Aljoscha Begrich). Die Zuschauer sitzen auf Papphockern davor oder beugen sich über die Geländer der oberen Etagen: Das Reich des jungen Pen-theus (Florian Hertweck) wirkt sehr aufgeräumt und übersichtlich.

Hätte nicht der Pianist Juri Kudlatsch bereits unheilvolle Schumann-Klänge angestimmt, man müsste diesem selbstbewussten Herrscher glauben, wenn er sagt, er hätte alles im Griff. Tatsächlich aber hat das Chaos die Ordnung bereits zerfressen wie Krebs. Unter der oberen Erdschicht der dürren Topfpflanzen, auf die man die Natur in Theben reduziert hat, wuchert eine weiße klebrige Masse, die sich bald auf alle Figuren ausbreitet. Und wenn der missachtete Gott Dionysos (Sebastian Kaufmane) es nur will, gerät die Welt auch ganz aus den Fugen: Aus dem Podium wächst ein riesiger Ballon wie ein Ungeheuer, der bald das ganze Foyer erfüllt und sogar die Zuschauer zum Ausweichen zwingt. Nur heiße Luft und doch effektvoll.

Regisseur Christian Tschirner findet einen wunderbar leichten Mittelweg zwischen klassischem Tragödienton und amüsanten Verrücktheiten. Besonders deutlich wird das im blinden Seher Teiresias, dem die großartige Beatrice Frey eine entwaffnend debile Schamlosigkeit verleiht. Erst mit dem Auftritt von Hanna Scheibe als kindermordender Agaue kippt dieses Gleichgewicht in Richtung Pathos. Bei ihr soll die Verzweiflung echt sein – und fällt so ab gegen das vorangegangene Gottestheater des rächenden Dionysos.

Von hier ist es kein großer Schritt mehr zum prosaischen Nachspiel mit dem Herzpatienten: Das Leid ist im wirklichen Leben einfach nur eine Qual.

Weitere Termine: 7., 20., 25. und 29. Dezember sowie am 5., 7. und 14. Januar.

Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

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