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Das Schlosstheater Celle präsentiert die "Nibelungen"

Celle Das Schlosstheater Celle präsentiert die "Nibelungen"

Auf Prunk und Plüsch müssen die Celler Theaterbesucher vorerst verzichten. Das Schlosstheater ist in eine frühere Panzerhalle umgezogen. Der Spielzeitauftakt mit den „Nibelungen“ in einer Textversion von Moritz Rinke zeigt, welch großartige Möglichkeiten die provisorische Spielstätte bietet.

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"Niebelungen" im Schlosstheater Celle: Hagen (Tim Bierbaum) hat ein Problem am Hals.

Quelle: Handout

Auf Prunk und Plüsch müssen die Celler Theaterbesucher vorerst verzichten. Das Schlosstheater ist in eine frühere Panzerhalle umgezogen. Während die barocke Bühne im Schloss umgebaut wird, gastiert das Ensemble zwei Jahre auf einem ehemaligen Kasernengelände.

Das muss aber kein Nachteil sein. Der Spielzeitauftakt mit den „Nibelungen“ in einer Textversion von Moritz Rinke zeigt, welch großartige Möglichkeiten die provisorische Spielstätte bietet. Ein breiter Laufsteg zieht sich durch die gesamte Residenzhalle – begrenzt durch einen Triumphbogen auf der einen und eine Treppe auf der anderen Seite. Und wenn sich die Akteure im Abstand von 20 Metern gegenüberstehen, ist die Wirkung natürlich größer als auf der kleinen Schlossbühne.

Regisseur Kalle Kubik nutzt die neuen Möglichkeiten, indem er 24 Akteure auftreten lässt und eine Choreografie entwickelt, die an Tanztheater erinnert. Ein weibliches Ballettensemble verkörpert kriegerische Amazonen ebenso eindrucksvoll wie Elfen, und wenn die männlichen Darsteller die Klingen kreuzen oder im Testosteron-Rausch aufeinanderprallen, dann ergeben sich ebenfalls Bilder, die ohne Worte auskommen.

Der Celler Künstler Frank Schult hat nicht nur den Bühnenraum, sondern auch die Kostüme entworfen. Märchenhafte Mittelalterkluft kommt dabei genauso zu Ehren wie ein Armani-Anzug. Auch sonst befreit Regisseur Kubik das Heldenepos von musealem Kolorit, um die alten Konflikte in die Jetztzeit zu transportieren. Ganz im Einklang mit Moritz Rinke, der das Stück 2002 für die Nibelungenspiele in Worms geschrieben und den Mythos auf menschliches Maß zurückgestutzt hat – verbunden mit Ironie und Persiflage. Dabei kommt alles zur Entfaltung, was ein saftiges Bühnenspektakel auszeichnet: Liebe und Sex, Mord und Totschlag, Bosheit und Betrug. Harte Männer treffen auf eine rachsüchtige Frau, und es fließt jede Menge Blut.

Regisseur Kubik mischt Wagner-Zitate mit „Tulpen aus Amsterdam“, spielt mit Kriegsszenarien und Männlichkeitsgehabe. Im Zuge dieser spielerischen Ent- heroisierung wird König Gunther (Peter Andreas Landerl) zum Deppen, der säuft und Kette raucht, und Siegfried (Ronald Schober) zum Großmaul. Als Siegfried plötzlich seiner Angebeteten gegenübersteht und nur noch stammeln kann, schrumpft der Recke in der roten Lederweste plötzlich auf Siggi-Format.

Emotionen sind ins Riesenhafte vergrößert. Gunther, der in der Hochzeitsnacht versagt, hängt plakativ am Galgen. Und Kriemhild (Sara Wortmann) nimmt am Ende Rache als schwarz gewandete Witwe – furchtbar und wahnsinnig schön. Inmitten dieses Taumels der Leidenschaften ist Hagen (abgründig böse gespielt von Tim Bierbaum) der Einzige, der einen kühlen Kopf bewahrt.

Am Ende geht es Schlag auf Schlag. Da rollt ein Kopf nach dem anderen. Besonders nahe geht einem das Morden und die damit verbundene Nibelungentreue indessen nicht. Die actionbetonte Straffung lässt nur wenig Mitgefühl aufkommen. Die an sich sehenswerte Inszenierung läuft dadurch leer. Und als sich die zumeist blutüberströmten Akteure am Ende verbeugen, bleibt der Applaus verhalten.

Die nächsten Aufführungen: heute bis kommenden Freitag, jeweils 20 Uhr. Karten und Infos (0 51 41) 9 05 08-75 oder -76.

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