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Einblicke in Siegfried Neuenhausens Künstlerbücher

Sprengel-Museum Einblicke in Siegfried Neuenhausens Künstlerbücher

Die Ausstellung „Das vielseitige Ganze“ gibt einen Einblick in das Werk von Siegfried Neuenhausen. Sie präsentiert eine wenig beachtete Form des künstlerischen Ausdrucks, die Neuenhausen besonders intensiv pflegt: das Künstlerbuch. Die Ausstellung wird am Dienstag um 18.30 Uhr im Sprengel-Museum eröffnet.

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Die Ausstellung läuft bis zum 12. Februar 2017.

Quelle: Sprengel-Museum

Hannover. Dramatische Entwicklung“ steht dick unterstrichen über der Zeichnung, die Putin und Trump im Kuss vereint zeigt, und wie ein abwartender Kommentar nach dem Wahlsieg des Milliardärs prangen darunter in Blockbuchstaben die Worte „Bis jetzt ging es ja“. Die Collage stammt von Siegfried Neuenhausen, der hier das lange vor der US-Wahl verfertigte Graffito seines litauischen Künstlerkollegen Mindaugas Bonanu verarbeitet hat. Wie Neuenhausen, der in Hannover lebt und in Braunschweig mehr als drei Jahrzehnte Kunstprofessor an der HBK war, dabei Politisches und Persönliches kombiniert – das lässt sich jetzt in einer Ausstellung besichtigen, die das Sprengel-Museum ihm zum
85. Geburtstag am Mittwoch widmet.  

Das Sprengel-Museum widmet Siegfried Neuenhausen zu seinem 85. Geburtstag eine Ausstellung.

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In diesem Falle beispielsweise beziehen sich die skeptischen Notizen auf dem Kussbild außer auf sich verdüsternde globale Aussichten auch auf die des Künstlers – denn Neuenhausen leidet seit einigen Monaten unter einem sich verschlechternden Sehvermögen. „Ich zeichne kaum noch, was ich sehe“, hat er auf den Köpfen der beiden Männer notiert, „sondern was ich weiß.“

Aber man sieht ja ohnehin nur, was man weiß. Im Falle Neuenhausens ist das eine ganze Menge, weshalb die Ausstellung im Zwischengeschoss des Sprengel-Museums denn auch „Das vielseitige Ganze“ heißt. „Das Bildgeschehen im Weltverlauf ist die Folie, auf der dieser Künstler  in seinen Büchern sein eigenes Erleben und Produzieren schafft“, sagt Museumschef Reinhard Spieler bei der Präsentation der Ausstellung, die außer vier großen Neuenhausen-Arbeiten und 15 kleineren Werken aus dem Bestand des Sprengel-Museums vor allem Künstlerbücher zeigt. Insgesamt 35 davon werden präsentiert, das ist gerade die Hälfte der 70 Künstlerbücher, die Neuenhausen seit 1994 produziert hat. Immerhin 31 Künstlerbücher sind als Dauerleihgaben der Stiftung Niedersachsen in den Sammlungsbestand des Wilhelm-Busch-Museums übergegangen.  

Je nach Bedarf nutzt Neuenhausen für seine Künstlerbücher kleine Oktav- oder große Foliantformate, schreibt mal in neue Skizzenhefte, mal in alte Poesiealben, was ihm aktuell unterkommt oder was er an historischen Aufzeichnungen findet. Zum Beispiel die freudigen Erinnerungen seiner Eltern an eine Reise mit dem „Kraft durch Freude“-Schiff „Wilhelm Gustloff“. Das war 1938, sieben Jahre bevor der „KdF“-Dampfer mit 9000 Flüchtlingen an Bord vor der Küste Pommerns versenkt wurde, weshalb Neuenhausen die glücklichen und die traumatischen Assoziationen zusammenfügt, die mit dem Namen Gustloff verknüpft sind.

Auf diese Weise nimmt der Künstler Öffentliches und Privates in seine Bücher auf – und in einem Falle sogar einen ganzen Künstlernachlass. Dabei ging es um Werner Schreiner, der sich infolge einer psychischen Erkrankung das Leben genommen hat, davor aber Student an der HBK Braunschweig war. Den Inhalt zweier Kartons mit Schreiners Nachlass hat Neuenhausen in zwei Künstlerbüchern verarbeitet. Eines davon trägt den fast selbstkritisch anmutenden Titel „Vernachlässigter Nachlass“, dabei bewahrt ja vielleicht gerade dieses Künstlerbuch Werner Schreiner vor dem Vergessen.

Schreiner hat übrigens eine Zeitlang mit in der Kornbrennerei gelebt, die seit 1983 Neuenhausens Künstlerdomizil ist und sich im Stadtteil Hainholz in dieser Zeit zu einer Art kreativem Kraftzentrum entwickelt hat. Kein Wunder, dass eines der Künstlerbücher Entwürfe der Keramikfigurinen zeigt, die Neuenhausen für Hainholz entwickelt hat. Kein Wunder auch, dass Neuenhausen am 6. Dezember mit dem Stadtkulturpreis des Freundeskreises Hannover geehrt wird. 

Von der Vielfalt eines Künstlerlebens zeugt „Das vielseitige Ganze“  in besonderer Weise. Denn die 35 Künstlerbücher sind nicht nur in Vitrinen ausgestellt. Vier davon werden überdies doppelseitenweise auf Monitoren gezeigt, und auf einer Leinwand ist in gleicher Weise „Vernachlässigter Nachlass“ zu sehen. „Meine 70 Künstlerbücher enthalten mehr als 50.000 Zeichnungen, doch gesehen haben die höchstens zehn Leute“, begründet Neuenhausen, was ihn gerade an dieser Ausstellung erfreut. „Künstlerbücher sind nicht kunstmarktkonform“, sagt er, und das habe auch Vorteile: „Dafür muss ich nicht über Preise oder Galerien nachdenken – nirgends sonst habe ich so große künstlerische Freiheit.“

„Siegfried Neuenhausen: Das vielseitige Ganze“. Bis 12. Februar 2017. Eröffnung am Dienstag um 18.30 Uhr im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Am 12. Dezember um 18.30 Uhr findet dort ein Künstlergespräch mit Siegfried Neuenhausen statt.

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