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07:15 18.09.2017
Albert Speer (1934-2017) verstarb am Freitag nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt im Alter von 83 Jahren. Quelle: dpa
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Es war schwer. Von Anfang an und fast das ganze Leben lang. Mit aller Anerkennung, mit allen Erfolgen - immer war es eine Belastung. Dieser Name: Albert Speer. Der Name des Vaters. Der Schatten. Die Bürde. Der Rüstungsminister, Hitlers Leibarchitekt, der Baumeister des Unrechtsstaats und des Größenwahns. Und erst in den vergangenen Jahren, als Albert Speer schon über 70 war, hatte die Welt endlich begriffen, dass er nicht der Vater war.

Albert Speer war Albert Speer. Punkt. Er musste zu seinem Vater weder auf- noch auf ihn herabschauen. Er musste sich nicht mit ihm messen. Er hatte ihn schon vor Jahrzehnten übertroffen.

Albert Speer kam 1934 in Berlin zur Welt, wuchs bei Berchtesgaden auf. Hitler war ein netter Onkel für das älteste der sechs Kinder der Speers, der Diktator strich dem Jungen manchmal über den Kopf, steckte ihm Süßigkeiten zu.

Als alles vorbei war, fing alles andere an. Albert Speer senior saß im Gefängnis und arbeitete an der Legende, er sei nur ein Mitläufer gewesen. Mutter Speer zog mit den Kindern nach Heidelberg, der junge Albert musste die Schule 1952 verlassen, weil er schwer stotterte.

Speer selbst hat angedeutet, dass das mit seiner Familiengeschichte, mit dem bei den Nürnberger Prozessen verurteilten, abwesenden Vater zu tun gehabt haben könnte. „Einen Vater in dem Sinne hatte ich ja nicht“, hat er bei einer Veranstaltung der Architektenkammer Niedersachsen gesagt.

Speer wurde Schreiner. Aber er war niemand, der so leicht aufgab. Also biss er sich bis zum Abitur durch die Abendschule und begann 1955 ein Architekturstudium. Und das Stottern überwand er auch, langsam, beharrlich. Schon im Studium begab er sich bewusst in die Situationen, die er eigentlich hasste, in denen er nämlich reden musste. Später, im Beruf, war das gang und gäbe: Vorträge, Erläuterungen, Seminare. Er wusste, dass er das Stottern nur überwinden würde, wenn er ihm nicht auswich: „Man darf Probleme nicht umgehen, man muss sich richtig reinsetzen.“ So wurde er sicherer. Sein Motto war: „Das Leben ist Risiko.“

Vom Vater abgesetzt

Albert Speer musste seinen Vater nicht verdammen. Er konnte ihn differenziert betrachten, konnte öffentlich sagen, dass Speer senior auch ein ganz guter Architekt war, jedenfalls bis 1938. Beinahe modern. Erst als ihn alles zerfressender Ehrgeiz zum Handlanger Hitlers machte, als er dessen Pläne ins Gigantomanische umzusetzen begann, wurde er verbrecherisch. Und in diesem Punkt hat sich Albert Speer von Anfang an von seinem Vater abgesetzt. 1964 gründete er sein eigenes Büro in Frankfurt. Schon zwei Jahre später war er Träger des Deutschen Architektennachwuchspreises, und nach noch mal zwei Jahren bekam er seinen ersten Auslandsauftrag in Libyen. Während sein Vater der Vermessenheit und der Führerverehrung diente, konzentrierte sich Albert Speer immer auf das menschliche Maß. Es ging ihm um den lebenswerten Raum, um umweltgerechtes Bauen. Es ging ihm um Nachhaltigkeit - und damit befasste er sich schon, als noch niemand wusste, wie man das Wort überhaupt schreibt. Er achtete auf Grün und auf Licht. Er verbannte Autos unter die Erde, damit die Leute oben Luft und Raum vorfanden.

Für Mensch und Natur

Er achtete auf das Wohl von Mensch und Natur. In dem Sinne fiel auch der Masterplan aus, den er für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover entworfen hat. Mit dieser Haltung hat Albert Speer für sich überwunden, was sein Vater falsch gemacht hat. Und er hat geholfen aufzuklären, dass der andere Speer, der von früher, kein Mitläufer, sondern ein Täter war, dass er Juden aus ihren Wohnungen vertrieben hat, dass er genau wusste, was in Auschwitz geschah.

Der richtige Albert Speer war anders. Er baute sich vor Jahrzehnten ein Ferienhaus an einem See in Bayern, sehr klein, sehr schlicht, nur aus Holz. Sein Vater wollte es nicht einmal betreten.

Am vergangenen Donnerstag ist Albert Speer in seiner Wohnung gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen. Er kam ins Krankenhaus, wurde operiert. Am Freitag ist er gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.

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