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Zwischen Ekel und Erregung

"Mädchen für alles" von Charlotte Roche Zwischen Ekel und Erregung

Charlotte Roche verfolgt mit ihren Büchern vor allem ein Ziel: Provokation. Mit "Mädchen für alles" steht nun ihr dritter Roman in den Regalen: Eine brutale Geschichte über eine Frau, die es ihrer Umwelt heimzahlen will.

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Provokation über alles: die Autorin Charlotte Roche.

Quelle: Angelika Warmuth/dpa

Hannover. Ihre Eltern liegen nackt in Frischhaltefolie gewickelt auf dem Tisch. Erst trennten sie sich und versauten damit die Kindheit von Chrissi, jetzt schicken sie ihr plötzlich eine gemeinsame Postkarte aus Spanien. Als wenn nichts gewesen wäre. Mit einem Pilzmesser sticht sie in die Genitalien ihres Erzeugers und suhlt sich in seinem Blut. So beschreibt Charlotte Roche eine Fantasie der Icherzählerin in ihrem dritten Roman „Mädchen für alles“, der heute mit einer Startauflage von 300.000 Exemplaren erscheint.

Roches Heldinnen pflegen eine destruktive Haltung zum eigenen Körper. In dem Debüt der Autorin landet die Erzählerin Helen beim Rasieren des Intimbereiches mit einer Analfissur im Krankenhaus. In Roches neuem Roman wenden sich die Gewaltfantasien jetzt nach außen. Inspiriert von Fernsehsendungen sehnt sich die Protagonistin danach, es ihrer Umwelt heimzuzahlen. Gleich zu Beginn probt sie schon mal, als sie bei einer Hochzeit genüsslich wodkagetränkte Melonenstücke an Hochschwangere verteilt.

Die 37-jährige Ex-Moderatorin ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands. Von ihren ersten beiden Romanen „Feuchtgebiete“ (2008) und „Schoßgebete“ (2011) wurden mehr als drei Millionen Exemplare verkauft. Jeweils steht eine Frau im Mittelpunkt, die ihren Platz in der Welt auf teils drastische Weise auslotet. Das reicht heutzutage noch für einen handfesten Skandal. Tabubrecherin, Pornoautorin, Selbstdarstellerin – all diese wenig zutreffenden Attribute mehrten den Hype um Roche.

Die Icherzählerin ist eine junge Mutter, die sich von ihrem Baby und ihrem Partner entfremdet und deshalb Schuldgefühle verspürt. Sie verbringt ihre Tage lethargisch auf dem Sofa. Bis Marie, die neue attraktive Haushälterin, in ihr Leben tritt. Nun buhlen ihr Mann und sie selbst um das „Mädchen für alles“.

Wie schon in ihrem Debüt spiegeln äußere Verletzungen innere Konflikte. Das absonderliche Verhältnis zum eigenen Körper und die ständige Reflexion darüber von Menstruation über Flatulenzen bis zum Hygienewahn beim Waschen des Pos – das ist alles ganz Roche. Auch der lapidare Tonfall und der rotzige Stil haben sich nicht geändert.

Man könnte von einer Entwicklung ihrer Protagonistinnen sprechen: von der pubertären Helen über die in einer Langzeitbeziehung lebende Elizabeth, die in „Schoßgebete“ mit ihrem Mann in den Puff geht, bis zur Mutter Chrissi. Roche karikiert traditionelle Beziehungsmodelle jedoch nur. Im Innern ist Chrissi genauso tief verunsichert wie Helen. Ihre Flugangst ist die Metapher dafür.

Charlotte Roche: „Mädchen für alles“.
Piper Verlag, 
240 Seiten, 
14,99 Euro.

Von Nina May

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