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Das sind die EM-Hits 2016

Musiker im Fußballfieber Das sind die EM-Hits 2016

Mit ihrer Fußballhymne "’54, ’74, ’90, 2006" stürmten die Sportfreunde Stiller die Charts. Welcher EM-Song wird in diesem Jahr zum Ohrwurm, wenn am Freitag die Fußball-Europameisterschaft beginnt? Imre Grimm hat sie unter die Lupe genommen.

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Welcher EM-Song wird in diesem Jahr zum Ohrwurm, wenn am Freitag die Fußball-Europameisterschaft beginnt?

Quelle: dpa/Montage

Hannover. Willkommen zum Europameisterschaftskurs "Wir basteln uns einen EM-Song"! Lernen Sie, wie Sie einen Fußballheuler produzieren und im Windschatten des Wahnsinns ein paar Youtube-Euro verdienen können.

Lektion eins: Ihr Song beginnt mit dumpfem Stadionjubel zu Zeitlupenbildern, dazu ertönt Tom Bartels eruptiver Freundenkiekser "Mach ihn, mach ihn, er macht iiihn – Maaario Götzeee...!", gefolgt von Autoskooter-Stampfbums aus dem Drumcomputer.

Lyrisch ist alles erlaubt

Lektion zwei: Textlich bewegen Sie sich bitte im Schnittmengenbereich zwischen Kirchentag und Ballermann. Keine Scheu vor ausgelutschten Reimpaaren ("vor/Tor", "Schuss/Kuss"). Seit der "Leidenschaft im Bein" (Sportfreunde Stiller) ist lyrisch alles erlaubt.

Lektion drei: In Ihrem Video lassen Sie Mietblondinen in Size-Zero-Trikots herumtanzen wie Linienrichter bei einem Foul mit offenem Bruch.

Mehr als 60 Produktionen firmieren aktuell bei Youtube unter dem Trittbrettfahrer-Titel "EM Song 2016". Sie alle sind auf erstaunlich vielen Ebenen gleichzeitig schrecklich: akustisch, optisch, musikalisch, grammatikalisch und vom Feeling her.

Eine Geschichte voller Missverständnisse

Fußball und Pop – das ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Mit wenigen glücklichen Ausnahmen: "Three Lions" von den Lightning Seeds (1996) natürlich, "Seven Nation Army" von den White Stripes (2003), "Wavin’ Flag" von K’naan (2010) oder das hundertfach gecoverte "You’ll Never Walk Alone" aus dem Rodgers-und-Hammerstein-Musical "Carousel" von 1945 in der Version von Gerry & the Pacemakers (1963). Von eher nostalgischem Charme sind Wencke Myhres "Er steht im Tor" oder "Böörti Böörti Vogts" von Stefan Raab.

David Guetta und Zara Larsson

Und diesmal? Der offizielle EM-Song von Star-DJ David Guetta und Zara Larsson klingt exakt wie ein offizieller EM-Song von David Guetta: viel "Hey Hey" und "Ho Ho" zum unzerstörbaren "Waka Waka"-Beat von Shakira.

Mark Forster

Mark Forster verantwortet den EM-Song des ZDF und reimt: "Was sagt der Rest der Bande, macht es Sinn? / Wie’s war, weiß ich morgen, okay, komm lass da hin." Immer noch besser als Nickelback (!) bei der EM 2004 mit "See You at the Show". Platz 82 in den Charts, damals.

Herbert Grönemeyer und Felix Jaehn

Die ARD hat sich für Herbert Grönemeyer entschieden, der – im Verein mit dem global erfolgreichen DJ Felix Jaehn – aus liegen gebliebenen Lyrikschnipseln einen schaumigen Text zusammengerührt hat, der sich anhört wie akustisches Freistoßspray: "Die Furcht vorm Fallen, die lohnt sich nicht / denn jeder Versuch ist ein Schatz in sich. / Es gibt Reste von Zweifeln, die deine Herzen durchwühl’n / aber es ist nur der Atem, der sich alleine anfühlt." Und so weiter. Da ist das innere Poesiealbum-Mädchen mit ihm durchgegangen.

Klaus Eberhartinger und Schmidhammer

Österreich erklärt sich gleich selbst zum Verlierer: Was Poplegende Klaus Eberhartinger – Frontmann der Ersten Allgemeinen Verunsicherung – mit der Band Schmidhammer da singt, hört sich an wie "Niemals stärker, niemals härter, niemals besser – ja, das sind wir!".

Konsequenter hat sich selten ein Team noch vor dem Turnier in den Staub geworfen. In Wahrheit singt er "Nie war es stärker..." – aber man versteht’s halt nicht, himmelherrschoftszeitn.

 

Die wilden Rabimmelböcke und Cuba Libre

Doch in der Ursuppe des Hobbyschlagerwesens gedeiht noch Seltsameres – etwa der Song "Turniermannschaft" der Band Die Wilden Rabimmelböcke. "Fifa ist scheiße, Fußball ist geil / Wir fahr’n nach Frankreich und holen den Pokal", heißt es da. Obwohl es natürlich "Pokeil" heißen müsste. Oder das in schönstem Französisch gehaltene "Arriba Deutschland" der Kapelle Cuba Libre, die eigens einen syrischen Flüchtling in ihr Video integrierte, das in einem Kasseler Gelenkbus gedreht wurde.

Willi Herren

Der schmerzfreie Stimmungsmusiker Willi Herren – bekannt aus "Lindenstraße" und einem öffentlichen Kokainentzug bei RTL – hofft auf bisschen Restruhm mit einem Discoding, das so billig ist wie ein Witz über Philipp Lahm: Textauszug: "Die Zeit, die wahre Helden macht, weil sie immer an sich glaubt." Unklar bleibt, ob die Zeit an sich glaubt oder die Helden oder beide. Und eine Band mit dem programmatischen Titel MiseryKid fragt sich zu uninteressantem Hardrock "Wohin wohl die Reise geht". Tja, in die Charts jedenfalls nicht.

Singende Fußballer

Was ihre musikalischen Ambitionen angeht, hält sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit 22 Jahren angenehm zurück. Der letzte Sündenfall war 1994 "Far Away in America" zur WM in den USA. Im selben Jahr rappte (!) Thomas Helmer mit den "4Reeves" "Everybody’s Going to the USA".

Man hätte es besser wissen können seit Franz Beckenbauers Murmelhit "Gute Freunde kann niemand trennen" von 1966. Zur WM 1974 komponierte Jack White für die späteren Weltmeister das Fußballbekenntnis "Fußball ist unser Leben". Die DDR schickte anlässlich ihrer einzigen WM-Teilnahme Frank Schöbel ins Rennen ("Ja, der Fußball ist rund wie die Welt"). Vier Jahre später hieß es mit Udo Jürgens "Buenos dias Argentina". Bei Michael Schanzes "Olé España" von 1982 sang dann wenigstens die Bundestrainerfrohnatur Jupp Derwall heftig mit. 1986 saßen Pierre Littbarski und Lothar Matthäus zu Peter Alexanders "Mexico mi amor" traurig in Ponchos an einem Tischchen. 1990 erhielt dann wieder Udo Jürgens den Auftrag, das Land musikalisch auf das Äußerste vorzubereiten – mit dem schlimmen "Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf". Deutschland wurde trotzdem Weltmeister.

Die Website www.fc45.de zählt allein für Deutschland 105 Fälle von singenden Fußballern. Dazu kommt "Oei Oei Oei (dat was me eer een loei)" von Johan Cruyff oder der Titel "World in Motion" von der englischen Post-Punk-Band New Order (1990), den der "Rolling Stone" einst zum besten Fußballlied aller Zeiten kürte. Was für ein Fehler. Das war in Wirklichkeit natürlich Gerd Müllers Welthit "Dann macht es Bumm".

Von Imre Grimm/RND

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