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„Das sind lebende Tote“

Interview mit David Cronenberg „Das sind lebende Tote“

Der Regisseur David Cronenberg spricht im Interview über seine Hollywood-Satire „Maps to the Stars“, die am 11. September startet.

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Julianne Moore spielt in David Cronenbergs neuer Hollywood-Satire (ab 11. September) die gealterte Hollywood-Schönheit Havana Segrand.

Quelle: Caitlin Cronenberg

Mr. Cronenberg, hassen Sie Hollywood?
Ich habe keine Antipathie gegen Hollywood, ich wollte auch nie einen Film übers Filmemachen drehen. Das ist nicht meine Obsession, sondern die meines Drehbuchautors Bruce Wagner. Er hat bitter-bissige Romane über Hollywood geschrieben, und er lebt dort. Es war sein Skript, das mich zu dem Film brachte.

Trotzdem steckt in „Maps to the Stars“ viel Wut.
Ja, aber es ist zuerst die Wut von Bruce. Ich bin Kanadier, wir sind friedfertige Leute. Ich war eher neugierig, die Grundbedingungen menschlicher Existenz zu ergründen. Und ich habe natürlich genügend Absurditäten im Filmgeschäft erlebt.

Bitte ein Beispiel!
Ich kann Ihnen versichern: Wenn ich diese Geschichten auf die Leinwand gebracht hätte, würden Sie denken, dass ich sie erfunden habe - obwohl ich ja gar nicht in Hollywood drehe und mich meine Produzenten glücklicherweise immer abgeschirmt haben. Es gibt keinen Studio-Executive, der mir reinredet. Rob Pattinson war schon bei „Cosmopolis“ erstaunt, dass ich alle Entscheidungen traf. In „Twilight“ musste bei jedem T-Shirt-Wechsel beim Studio nachgefragt werden, ob die Farbe stimmt.

Ihr Teeniestar Benjie im Film erinnert an Justin Bieber.
Stimmt, aber als wir begonnen haben, gab es Justin Bieber noch gar nicht als Teeniestar. Es hat aber immer schon Jugendliche gegeben, mit denen es übel geendet hat. Der Druck ist riesig. Kinderstars haben Manager und Agenten, aber nicht unbedingt Rollenvorbilder in der Familie. Im schlimmsten Fall werden sie von ihren Eltern als Einkommens- und Ruhmesquelle missbraucht.

Ihr Projekt nahm bereits vor zehn Jahren seinen Anfang. Ist Hollywood denn noch dasselbe wie damals?
Momentan gibt es mehr „Men“-Movies - „X-Men“, „Superman“, „Batman“, aber in der Essenz ist es dasselbe. Hollywood bewegt sich in Kreisen. Als Ende der Sechziger „Easy Rider“ erfolgreich war, vertrauten die Studios plötzlich originellen Stoffen, heute gilt diese Zeit als Goldene Ära. Und vielleicht werden diese ganzen Supermänner-Filme demnächst implodieren. Aber solange sie Geld bringen, wird sich nichts ändern.

Wollten Sie auch schon mal einen Superhelden-Film drehen?
Vor zwei Jahren hat mich mal jemand zu locken versucht. Er behauptete, „Batman“ sei heute der Höhepunkt der Kinokunst. Ich habe zurückgefragt: Von was reden Sie? Meinen Sie Technik und Einspielzahlen? Ein Superhero-Film richtet sich an Heranwachsende. Egal wie trickreich du zu Werke gehst, du musst dieses Publikum bedienen.

Welche Filme über Hollywood haben Sie zur Vorbereitung gesehen?
Viele, „Boulevard der Dämmerung“, „The Player“, „Mulholland Drive“. All diese Filme fragen nach dem Kern von Hollywood. Aber wenn ich drehe, existiert kein anderer Film für mich, das gilt übrigens auch für meine eigenen.

Warum übt Hollywood so eine Faszination als Filmstoff aus?
Nehmen Sie als Vergleich die Wall Street. Sogar in „The Wolf of Wall Street“ gucken die Typen hauptsächlich auf Bildschirme, das ist langweilig. Im Silicon Valley sitzen Nerds vor Computern. In Hollywood aber laufen alle über den roten Teppich. Wer in Hollywood existieren will, muss gesehen werden. Allein das Bild von dir zählt.

Dieses Prinzip gilt doch nicht allein für Hollywood.
Ja, es breitet sich aus. Andy Warhol hat gesagt, jeder sei für 15 Minuten berühmt. Jetzt ist jeder jederzeit berühmt - auf Facebook und Twitter. Bei einem Selfie bist du dein eigener Paparazzo. So eine vermeintliche Macht hatten Normalsterbliche noch nie. Da mag Wahn drinstecken, aber so denken die Leute - auch dank Hollywood.

Wirklich Wahn?
In Hollywood sind die Leute nicht allein von der Angst vor dem Tod ergriffen. Sie sterben schon, bevor sie sterben - sobald sie nicht mehr auf Bildern existieren, sobald sie als nicht mehr vermarktbar gelten. Dann sind sie nicht mehr existent. Sie sind nur noch lebende Tote. Wenn die Schauspieler jemals hören würden, wie Produzenten über sie reden, würden sie sich erschießen. Da werden Namen allein an Einspielergebnisse geknüpft.

Gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen?
Julianne Moore hat gesagt, dass sie viele Vorbilder für ihre Rolle gehabt hat. Gerade für Frauen ist die Altersfrage fürchterlich. Es sind nun mal nicht alle Frauen mit Anfang fünfzig so sexy wie Julianne. Du kannst mit Schönheitsoperationen gegen das Altern ankämpfen, aber Vorsicht: Die Bilder sind heute gnadenlos: Jede OP-Narbe wird in Großaufnahme herangezoomt.

Im Zentrum Ihres Films steht aber eine Familie, nicht Hollywood.
Da haben Sie recht. Aber durch Hollywood wird der Druck auf den Kinderstar Benjie aufgebaut. Wenn wir in eine Familie hineingeschaut hätten, die von Kindesmissbrauch oder Inzest betroffen ist: Das wäre was anderes. Hier verdient das Kind das ganze Geld. So etwas gibt es nur in Hollywood.

Ihr Film hatte bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere. Gab es damals Reaktionen? Schließlich war halb Hollywood versammelt.
Ja, ein ziemlich bekannter Hollywood-Verantwortlicher sagte, der Film habe ihm Albträume verursacht. Er sei auf einer Party gewesen, und alles dort habe ihn plötzlich an meinen Film erinnert. Ich dachte nur: Was für eine wundervolle Filmkritik!

Interview: Stefan Stosch

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