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Musik Das volle Programm

Eigentlich hat man sie ja alle: die CDs der Lieblingsbands. Doch dann kommen sie in einer neuen Aufmachung auf den Markt. Man greift zu, bei dem Box-Set von The Smiths oder Blur - warum nur?

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Musik aus fünf Jahren,
Geschäft für Generationen danach – Editionen von „The Smiths“.

Hannover. Ein Sammler? Niemals. Mit Sammeln verbinde ich etwas Zwanghaftes, Besessenheit und die gleiche stumpfe Routine, mit der manch einer jeden Mittag „Mahlzeit!“ ruft. Hier dagegen geht es um Lebensgefühle und Leidenschaft. Obwohl sich in all den Jahren einiges angesammelt hat, formuliere ich es lieber so: Ich lebe mit Popmusik.

Die Musikindustrie hat ein Zielgruppenprofil für Leute wie mich erstellt: Lebt mit Musik und ist alt genug, um auch mal nostalgisch zu werden. Die Produkte, die man für uns entwickelte, heißen Deluxe Edition, Super Deluxe Edition oder Limited Super Deluxe Edition. Die Folge: Manche Alben, die ich schon als Langspielplatte oder CD seit Jahrzehnten besitze, kaufe ich heute als aufwendig gestaltete Wiederveröffentlichung noch einmal. Und das ist super. Ich besitze zum Beispiel das auf 4000 Stück limitierte Box-Set „Complete“ von The Smiths. Das ist eine ziemlich schwere und recht teure Schachtel, die alle 25 Vinyl-Singles und acht Alben der englischen Indie-Band, die sie zwischen 1983 und 1988 veröffentlichte, enthält, und zwar als LP und als CD. Mitgeliefert wurde außerdem ein Download-Code für alle Songs.

Nun habe ich jeden Smiths-Song mindestens fünfmal. Warum macht man so etwas? Der alternative Sound der Gruppe hat mir einst auf die Sprünge geholfen, eine eigene Stimme und einen eigenen Weg zu finden. Der Wiederkauf ein Vierteljahrhundert später fühlte sich an wie ein Statement. Er war für mich ein Akt der Selbstvergewisserung. Die Box ist nun ein Teil der Kulisse, in der ich wohne und in der ich mich wohlfühle. Der Blick zurück sagt mir, dass die Richtung, die ich damals eingeschlagen habe, bis heute stimmt.

Ich bin nicht der Einzige, der so tickt. Box-Sets boomen. Es herrscht Retromania. Die illegalen Downloads hatten der Musikbranche erheblich zugesetzt, ihr Zustand scheint sich stabilisiert zu haben. Geholfen hat dabei die genial anmutende Geschäftsidee, alte Alben klangentstaubt, mit allerlei Zugaben wie Live-Mitschnitten, unveröffentlichten Songs, nie gezeigten Fotos und historischen Dokumenten noch einmal zu verkaufen, und das alles hübsch verpackt. Das Box-Set „The Promise: Darkness on the Edge of Town Story“ von Bruce Springsteen etwa besteht aus drei CDs und drei DVDs. Die detailverliebte Aufmachung imitiert Springsteens Notizbuch, in das er 1977 seine Textideen schrieb - samt Akkordfolgen, Eselsohren und Kaffeeflecken. Als „Achtung Baby“ von U2 nach 20 Jahren wiederveröffentlicht wurde, lag der supertollsten Fassung sogar Bonos The-Fly-Sonnenbrille bei.

Im Oktober erscheint das berühmte vierte Led-Zeppelin-Album - das mit „Stairway to Heaven“ - in mehreren Formaten erneut. Wen die Nostalgie-Magie dazu verführt, für knapp 110 Euro die Super Deluxe Edition Box zu kaufen, der weiß bereits jetzt, was er bekommt - und kann damit überhaupt nicht falschliegen. Das Album gilt als wegweisend, seine hervorragende künstlerische Qualität ist quasi amtlich beglaubigt, weil es nicht nur von Millionen Fans geliebt, sondern auch von allen Kritikern gelobt wird. Der Kauf ist eine sichere Sache. Die Suche nach ansprechenden neuen Songs, Bands und Sounds, Produktionen aus dem Jetzt, ist dagegen ungewiss und anstrengend.

„Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Nostalgie unter anderem bei negativen Gefühlen ausgelöst wird, wenn Menschen sich unsicher fühlen, einsam oder traurig - und dass es ihnen besser geht, wenn sie in Erinnerungen schwelgen oder auf nostalgische Produkte zurückgreifen“, sagt der Journalist und Volkswirt Daniel Rettig. In seinem Buch „Die guten alten Zeiten - warum Nostalgie uns glücklich macht“ (erschienen bei dtv praemium) erklärt er, warum Menschen retro einkaufen, etwa beim Versandhandel Manufactum bestellen, dessen Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ lautet.

„Das Unternehmen spielt ganz bewusst mit dem Charme der Vergangenheit“, sagt Rettig. „Eine Zeit, in der es noch keine Geiz-ist-geil-Mentalität gab, keine Ramschware, keine Billigprodukte. Deshalb haftet vielen Produkten der Vergangenheit eben der Reiz an, besonders authentisch und wertvoll zu sein - und das erhöht die Zahlungsbereitschaft. Oder anders gesagt: Nostalgie wärmt die Herzen und öffnet die Portemonnaies.“ Das gilt auch für Popmusik. Retromania, findet der Musikjournalist Klaus Walter, sei sogar „ein Schutzschild, ein Akt der Verteidigung der eigenen Vergangenheit vor der viel zu komplizierten Gegenwart“.

Ich weiß nicht mehr, ob mir die Welt, als es The Smiths und den Kalten Krieg mit nur zwei Weltmächten noch gab, übersichtlicher vorkam als die heutige. Aber das allgemeine Lebenstempo erscheint mir höher als früher. Um zu erkennen, wie sehr es angezogen hat, muss man nur die Geschwindigkeiten vergleichen, mit denen die deutschen WM-Teams bei ihren Titelgewinnen 1974 und 2014 Fußball spielten.

Auch auf Musik konnte man früher nicht so schnell wie heute zurückgreifen. Ein Mixtape zusammenzustellen, war zeitaufwendig. „Road to Nowhere“ von den Talking Heads, „Darklands“ von The Jesus and Mary Chain und „The One I Love“ von R.E.M. in dieser Reihenfolge aufzunehmen, dauerte mindestens 13 Minuten und fünf Sekunden, nicht eingerechnet, die LP aus der Hülle zu nehmen, auf den Plattenspieler zu legen, den Staub in den Rillen mit einer speziellen Bürste zu entfernen, die Nadel per Hand in der Leerrille vor „Road to Nowhere“ aufzusetzen, die Platte nach vier Minuten und 19 Sekunden wieder in die Hülle zu schieben und so weiter und so fort. War man danach der Meinung, die Liedfolge ist falsch, ging die Prozedur noch einmal los.

Heute lassen sich Songs in digitalen Musikbibliotheken in Sekundenschnelle zu Wiedergabelisten kombinieren oder umsortieren. CDs brennen wir mit bis zu 52-facher Geschwindigkeit. Aber das ist fast schon out. Genauso wie Downloaden. Streamen ist jetzt in. Wer das Tempo mitgehen will, muss oft online sein.

Wer sich mit einem Retro-Box-Set beschäftigt, ist automatisch für eine gewisse Zeit offline. Zuhören, im Booklet stöbern, lesen, sich erinnern, sich selbstvergewissern, wirkt entschleunigend. Man kann dabei zur Ruhe kommen.

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