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02:15 12.03.2017
Stößt auf große Resonanz: Hartmut Rosa. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Die Kollegen hatten Hartmut Rosa gewarnt. Er könne unmöglich Beschleunigung als Zentralkategorie der Moderne einführen, hatten sie insistiert, es gebe ja noch nicht einmal eine einheitliche Vorstellung von Moderne. „Soziologen neigen dazu, die Dinge differenziert zu betrachten“, erklärt Rosa im ausverkauften Literaturhaus lächelnd. Und er fügt ernster hinzu: „Wir müssen es aber wieder wagen, in Ganzheiten zu denken, sonst ist die Soziologie am Ende.“

Hartmut Rosa lehrt als Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Jahr 2005 erschien seine Habilitationsschrift „Soziale Beschleunigung“ und wurde als monumentale Theorie der Spätmoderne gefeiert. Seine Schilderung der Entfremdung in einem Leben, das man verpasst, während man Dinge tut, die man gar nicht tun will, traf einen Nerv bei vielen Lesern.

Nun stellt Hartmut Rosa seine weitergedachte Theorie vor. „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“, heißt sein neues Buch. Es umfasst 816 Seiten und es ist ein gewaltiger Entwurf, der mutige Versuch, in einem großen Rundumschlag nach Antworten auf die von ihm bislang skizzierten Probleme zu suchen. Seine Kernthese fasst der Soziologe gleich im ersten Satz zusammen: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“

Der Autor prescht vor

Rosa legt Wert auf das einschränkende Vielleicht. Er erörtert seinen Stoff mit Entschlossenheit, aber zugleich mit maximaler Offenheit. Er hat sichtlich Freude am gemeinsamen Hinterfragen. Als leidenschaftlicher Wissenschaftler ist er beseelt von den Zusammenhängen, die er schildert. Er tut dies mit großem Charme, aber stets an der Grenze zum Überfordernden.

Moderator Ulrich Kühn vermag seinen Gast kaum zu bremsen. Er versucht, Wege durch Rosas monumentales Buch vorzuschlagen. Doch der Autor ist meist schon vorausgeprescht. Irgendwann sagt Kühn entwaffnet: „Wer ihnen beim Denken zusieht, käme nie auf das Thema Entschleunigung.“ Damit fasst er nicht nur Hartmut Rosa als Redner ganz gut zusammen, sondern weist auf ein zentrales Missverständnis hin. Zwar diagnostiziert Rosa eine problematische Beschleunigung der Gesellschaft. Er ruft jedoch an keiner Stelle zur Entschleunigung auf – die sei einerseits schlicht unmöglich und andererseits heute meist auch gar nicht wünschenswert. Rosa spitzt das zu: „Wollen Sie etwa Langsamkeit bei Internet, Notarzt oder Achterbahn?“

Die von ihm als Lösung vorgeschlagene Resonanz zielt darauf ab, die eigene Beziehung zur beschleunigten Welt zu verändern. Rosa schlägt vor, den Impuls, sich die Welt anzueignen, sie verfügbar zu machen und damit unter Kontrolle zu bringen, zu ersetzen – und zwar durch die Bereitschaft zur Anverwandlung. Dabei geht es darum, sich durch Unerwartetes berühren und verändern zu lassen, der Welt zuzuhören und ihr zu antworten. Die Ergebnisse ließen sich nicht vorhersagen, betont Rosa und erzählt die Anekdote von den Unternehmensberatern, die versuchten, die Methode im Rahmen eines Resonanzwochenendes für Führungskräfte zu instrumentalisieren. „Am Montag haben dann alle gekündigt“, sagt er.

Rosa besteht allerdings darauf, dass Resonanz über Selbsterfahrung hinausgeht und im größeren Zusammenhang die Welt verändern könnte. Umwälzungen in Politik und Wirtschaft hält er langfristig für notwendig, eine Blaupause dafür könne es aber gar nicht geben. „Das wäre, als hätte im Mittelalter jemand gefragt: Wie kommen wir zur Moderne?“, sagt Rosa. Und freut sich über Resonanz bei seinen Zuhörern.

Nächster Termin: Am Donnerstag, 16. März, spricht Michael Krüger um 19.30 Uhr im Literaturhaus über seine Gedichte.

Von Thomas Kaestle

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