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Das war das Popjahr 2015

Bestenliste Das war das Popjahr 2015

Von den Libertines über Tocotronic bis zu Adele: Wir haben für Sie die die größten Hits des Popjahres 2015 in einer sehr subjektiven Bestenliste zusammengefasst.

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The-Libertines-Frontmann Pete Doherty.

Quelle: dpa

Was war das für ein Jahrgang? Beim Pop lässt sich das schwerer sagen als beim Wein. Immer mäkelt man über den Pop, er schieße nicht mehr scharf, er wisse nicht mehr, wie man Emotionen schürt. Doch auch 2015 gab es Platten, die bleiben werden. Hier eine Bestenliste – subjektiv, streitbar und ganz persönlich.

The Libertines: Anthems For Doomed Youth. Man hat sie live gesehen dieses Jahr, es schien, als liege Fieber über dieser Band. Pete Doherty, Carl Barât – zwei  Männer, die Verbrüderung gefeiert haben, nachdem das Porzellan zerschlagen war. Ein Gefühl wie beim Krankenbesuch: Zu derangiert und fahrig schienen diese Auftritte. Doch dann das Album! Konzentriert, beseelt, und irgendwo pulsierte immer eine Wunde. Es gibt nur Schwarz und Weiß, dazwischen ein paar zarte Tupfer, halt die Haltung des Punk. Eine exzellente Platte.

Lou Doillon: Lay Low. Lou also, höhere Tochter, stolz-schönes Gesicht, Stimme wie nach zwei durchwachten Nächten. Ja, das ist zu viel des Guten. Und doch fügt sich hier alles trefflich. Das Kind von Jane Birkin hat seinen Platz als Sängerin gefunden, obwohl es auch als Model und Schauspielerin gut lief. „Lay Low“ ist ihre zweite Platte, elektrischer als die erste, und doch gefühlsecht. Cool, ohne dass es kalkuliert wirkt. Von dieser Frau darf man sich auch als längst erwachsener Mann ein Poster übers Bett hängen.

Dave Gahan: Angels & Ghosts. Das Düstere nimmt man ihm ja schon eine Weile nicht mehr ab, dem Mann geht’s gut, verdammt, er kann jetzt ruhig mal dazu stehen. Und trotzdem wieder diese Finsternis, die niemals enden will auf seinem neuen Album, aufgenommen ohne Depeche Mode, dafür mit Soulsavers, stilvoll schlecht gelaunten Briten – kein guter Umgang, würde Mutti sagen, doch wer hört noch auf Mutti! Moritaten vom Feinsten. Gahan ist ein Großer, am größten ist er, zugegeben, wohl als Prediger der Nacht.

Wilco: Star Wars. Eigentlich ein Zwischenalbum, nachdem Wilco-Chef Jeff Tweedy 2014 noch eine Platte mit dem eigenen Sohn am Schlagzeug aufgenommen hat. Aber Zwischenalben spielen bei Wilco, diesen extrem wachen und beweglichen Folkrockern aus Chicago, in einer Liga, die andere Bands (besonders aus Amerika) ihr ganzes Leben nicht erreichen. Gemüt, Gitarre und Donnerwetter gehen wieder Hand in Hand. Nächstes Jahr soll es ein reguläres Album geben: nicht auszudenken!

Courtney Barnett: Some­times I Sit and Think … Ein Mädchen aus Australien, das einem im Bus gegenübersitzen könnte. Ungeschminkt, unverstelltes Lächeln, immer ein leichter Durst auf Bier im Blick. Die möchte man ansprechen. Traut sich aber nicht. Aus Ehrfurcht. Denn sie ist eine begnadete Songwriterin, die das Kuriose zur großen Kunst erhebt. Glücklicherweise nicht zur allzu großen. Ihre Songs sind Kleinode, nicht mal die Stimme ist besonders stark, doch wie sie Kurt Cobains Musik ins Weibliche hinüberrettet, ist unvergesslich.

Wanda: Bussi. Über Wanda aus Wien ist viel geschrieben worden. Und wenig gesagt. Man weiß nicht, wer sie sind. Rock ’n’ Roller? Kneipenpoeten? Das zweite Album (innerhalb eines Jahres) zeigt wieder ungeschützten Wiener Schmäh, der sich die weite Welt herbeisehnt. Und die scharfe Schwarzhaarige da hinten soll sich bitte jetzt mal hersetzen ... Aber wichtiger ist eigentlich ein guter Schnaps. Hemmungslos vertonen Wanda unverstellte Jungsträume. Texte, über die Sigmund Freud jubeln würde. Wir auch.

Tocotronic: Rotes Album. Die Hamburger sind lange Zeit neben der Spur gewesen – der Pubertät und auch dem Gestus einer Schülerband entwachsen, zeigten sie einen Ehrgeiz in Musik und Texten, der übermotiviert daherkam und mit seinem Avantgardegehabe auf die Nerven ging. Jetzt das „Rote Album“: Der Knoten scheint gelöst, die Lyrics sind persönlicher, und die Musik ist sich nicht mehr für Rock ’n’ Roll zu schade. Ein Album zum Fühlen und Denken. Endlich!

Motörhead: Bad Magic. Was unterscheidet dieses Album von den 20 Alben zuvor? Nichts. Vielleicht ist „Bad Magic“ noch ein bisschen kopfloser, weil Lemmy Kilmister, Anführer der britischen Hardrocker, sich auf diesem letzten Album vor seinem Tod zu einer Coverversion von „Sympathy for the Devil“ der Stones hinreißen ließ. Das Stück ging in die Hose. Der Rest aber ist kompromisslos und innovationsfeindlich. Nichts muss man sich hier schön trinken. Obwohl ein halber Liter Whisky die Wucht des Albums trefflich verstärkt.

Blur: The Magic Whip. Wiedervereinigung nach mehr als zehn Jahren. Damon Albarn, Blurs Vordenker, hat sich längst den Ruf des Heiligen erarbeitet, weil er eine Oper schrieb und dennoch besoffen auf der Bühne Weltmusik spielen kann. „The Magic Whip“ ist nun als neues Blur-Album ein so erwachsenes Werk, dass man sich gar nicht traut, es nicht zu mögen. Keine Taschenspielertricks, nur seriöses Handwerk. Und Texte, die auch bei Suhrkamp erscheinen könnten.

Adele: 25. Wer als Mann der Frau oder der Freundin zum entsprechenden Anlass kein Adele-Album (oder Karten fürs Adele-Konzert) schenkt, der muss mit der Trennung rechnen. Frauen fliegen auf Adele Laurie Blue Adkins, 27 Jahre alt, weil sie nicht dünn ist und trotzdem selbstbewusst. Weil sie das Leben nicht schönt, sondern stilvoll bejammert. Und eine Stimme hat, die eigentlich dem Pop entwachsen ist und auch das Alte Testament gut intonieren könnte. Große, starke, wichtige Platte. Wie gesagt, für Frauen.

Von Lars Grote

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