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Lust am Schmerz

David Fray bei Kunstfestspielen Lust am Schmerz

Ah, Bach! Und auch noch das „Wohltemperierte Klavier“: Albert Schweitzer schätzte morgendliches Fugenspiel daraus als „musikalische Hygiene“, für Hans von Bülow waren die Stücke gleich das „Alte Testament“. Was kann ein Interpret diesem übergroßen Werk schon anhaben?

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Der Pianist David Fray.

Quelle: Sumyo Ida

David Fray, der Auszüge daraus nun bei den Kunstfestspielen Herrenhausen in der bestens besuchten Orangerie gespielt hat, vermag immerhin erhebliche Zweifel in den Glauben zu mischen. Und allzu reinlich mag es der 35-jährige französische Pianist in musikalischen Dingen offenbar auch nicht. „Wohltemperiert“ klingt sein Bach jedenfalls nicht. Eher erschreckend abgründig.

Brutal meißelt er etwa den pulsend wiederkehrenden Grundton aus dem Flügel: eine steinerne Klangsäule, an die die übrigen Töne des c-Moll-Präludiums gefesselt sind. Mit Lust am Schmerz kostet Fray auch die oft heftigen Dissonanzen am Schluss der Stücke aus, um die befreiende harmonische Auflösung fast unhörbar verhauchen zu lassen. Kein Wunder, dass der Pianist schwer an diesen Werken zu tragen hat: Nach jeder Fuge und jedem Präludium wischt er nervös mit einem Tuch über Hände und Tasten, und mehr als einmal scheint ihm die Musik fast unkontrolliert zu enteilen, als wolle sie endlich ausbrechen aus dem streng geometrischen Gefängnis des Kontrapunkts.

Beim Publikum dürfte der Leidensdruck erheblich geringer sein: Es ist anstrengend, diesem exzentrischen Bach-Spiel zuzuhören, aber auch faszinierend. Dennoch wirken Pierre Boulez’ „Douze Notations“ von 1945 und Arnold Schönbergs „Drei Klavierstücke“ danach wie eine Befreiung: Derart sinnlich, logisch aufgebaut und emotional aufgeladen klingt atonale Musik längst nicht immer. So schwer es Fray sich mit Bach macht, so leicht und beredt gerät ihm die nur scheinbar schwerer zugängliche modernere Musik.

Mit dem gleichen unbedingten Gestaltungswillen geht Fray schließlich auch die späten „Fantasien“ von Johannes Brahms an. Er greift in die Tasten, dass Arme und Haare zu fliegen scheinen. Und statt eines spröden Alterswerks hört man bei ihm Musik, in der Klang und Stimmung so stark konzentriert sind, wie Blumenduft in einer Parfümessenz. Ein außergewöhnliches, eindringliches Konzert, das Fray mit dem Beginn von Schumanns „Kinderszenen“ und Bachs Choralvorspiel zu „Nun komm der Heiden Heiland“ in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni als Zugaben nachklingen lässt.

Am Freitag um 20 Uhr spielt die Geigerin Isabelle Faust Werke von Bach und Nono in der Galerie

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