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Ein Zug wird kommen

David Gilmour: „Rattle that Lock“ Ein Zug wird kommen

Pink Floyd ist Vergangenheit, aber David Gilmour macht weiter: Das Album „Rattle that Lock“. HAZ-Redakteur Uwe Janssen hat sich die Scheibe mal genauer angehört. Die Kritik dazu lesen Sie hier.

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Ein ganz normaler Superstar: David Gilmour und seine Frau Polly Samson fahren Bahn.

Quelle: Sony

Hannover. Erkennungsmelodien sind wichtig. Kurz und schlicht. In Bahnhöfen beispielsweise weiß der Reisende bei einer solchen Tonfolge: Jetzt kommt eine Ansage. In ganz seltenen Fällen wie jetzt in Aix-en-Provence kommt ein Rockstar vorbei und ist so begeistert, dass er den Jingle zu einem Song verarbeitet. David Gilmour hat das jetzt getan. Die vier Töne der französischen Bahngesellschaft SNCF hätten ihn jedesmal fast zum Tanzen gebracht, hat der frühere Pink-Floyd-Gitarrist gesagt. Nun werden sie weltbekannt. Und als mitpfeifbarer Teil des Titelstücks quasi der Jingle des Albums „Rattle that Lock“, das jetzt erscheint.

Satte neun Jahre sind seit Gilmours letztem Solowerk „On an Island“ vergangen, in denen sogar von seinen Kindern mehr zu hören war als von ihm. Charlie, der Älteste, fiel wegen versuchter Brandstiftung bei einer Studentendemo auf, zwei der drei anderen, Gabriel und Romany, spielen bei der Serie „Downton Abbey“ mit.

Überhaupt ist Gilmours Werk jenseits von Pink Floyd überschaubar: Vier eigene Alben in 37 Jahren, dazu ein paar Gastauftritte bei alten Weggefährten wie Supertramp, seinem früheren „Dark Side of the Moon“-Soundtechniker Alan Parsons, der von ihm entdeckten Kate Bush oder dem Projekt The Orb, dem er vor fünf Jahren seinen Schwebesound lieh. Dazu eine Live-Aufnahme aus Danzig 2008, die aber zeigte, dass ein David Gilmour im Konzert nicht umhinkommt, die Legende zu pflegen und ein paar nostalgische Reizpunkte zu setzen.

Wie sich die Bilder wandeln. Waren seine ersten Alben noch vom Bemühen geprägt, den weiten Klangwelten seiner Stammband eine kleinere Form, fast Songwriterpop, entgegenzusetzen, bemüht er sich seit dem absehbaren Ende von Pink Floyd eher, das klangliche Erbe anzutreten. Ex-Kollege Roger Waters ist nie wirklich von „The Wall“ weggekommen, Keyboarder Rick Wright ist 2008 gestorben. Nun hat Gilmour das Kapitel Pink Floyd auch offiziell für beendet erklärt. Gut so.
Das resteverwertende Album „The Endless River“ war 2014 ein erschreckendes, aus der Zeit gefallenes Stück Fahrstuhlmusik. Und wer sich einen Konzertabend lang auf die dunkle Seite des Mondes schießen will, geht eh längst zur Australian Pink Floyd Show. Perfekte Kopisten, sie verwalten das Gefühl, sie haben sogar Gilmours Segen.

Was macht also das Original? Zunächst lässt es einmal die Gitarre fliegen. Mit dem Instrumentalstück „5.A.M.“ hätte auch jede Floyd-Platte starten können. Besagtes Titelstück ist Oldschoolrock mittleren Tempos, spannender als der Song ist das apokalyptische Zeichentrickvideo. Inspiriert ist der Clip wie auch einige von Gilmours Ehefrau Polly Samson verfassten Songtexte von John Miltons Gedicht „Paradise Lost“, doch er führt unweigerlich auch zu Gerald Scarfes düsteren Animationen in Alan Parkers Verfilmung von „The Wall“.

Vieles schließt an den späten Floyd-Sound an, ohnehin von Gilmour geprägt. Soulige Backgroundstimmen unterfüttern des Sängers Stimme, einsame Klavierakkorde verhallen zwischen den Strophen in unendlichen Weiten, und irgendwann erhebt sich aus dem elegischen Klangteppich kreischend, flehend oder drohend ein dramatisches Gitarrensolo. Wer „Comforably Numb“ mochte, und das sind nicht wenige, wird sich mit Songs wie „In Any Tongue“ anfreunden. Ein Blick in die Besetzungsliste offenbart, dass Gilmour auch hier mit altem Material gepuzzelt hat. Neben David Crosby, Graham Nash, Mica Paris, Phil Manzanera und Jools Holland stößt man auch auf die Namen Nick Mason und Rick Wright.

Das alles macht es einem unmöglich, dieses Gilmour-Album von seinem eigenen monströsen Schatten der Rocklegende zu abstrahieren. Dass der 69-Jährige Hausbootbesitzer in Interviews behauptet, das Thema Pink Floyd langweile ihn, mag marketingtechnisch richtig sein. Zum Album passen solche Aussagen nicht. Vielleicht noch am ehesten zu einem Song wie „The Girl in the Yellow Dress“, einem lässigen Jazzstück, das tatsächlich in eine andere, neue Richtung führt. Aber wenn er demnächst auf Tournee ist – das einzige Deutschland-Konzert in Oberhausen ist ausverkauft –, kommt er um sein früheres musikalisches Leben nicht herum. Oder um es als Bahnhofsansage zu formulieren: Dieser Zug ist abgefahren.
David Gilmour: „Rattle that Lock“ (Sony)

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