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14:54 11.03.2018
Hoffen auf die Vernunft: Francisco Goyas „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1798). Quelle: State Central Museum of Contemporary Russian History
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Hamburg

 Drei Soldaten richten ihre Gewehre auf einen Gefangenen, ein weiterer wartet, gefesselt an einen Pflock und die Augen verbunden, auf die Erschießung, ein dritter liegt schon tot zu seinen Füßen – so zeichnet es Francisco Goya 1815 in seiner düsteren Radierung „Und es gibt kein Mittel dagegen“. 

Zehn Matrosen, vom Kamerazoom zusammengedrängt, richten ihre Gewehre auf die zaristische Armee – so inszeniert es Sergei Eisenstein 1925 in seinem Film „Panzerkreuzer Potemkin“. 

Dutzende Polizisten in Kampfmontur mit Helmen und Schildern treten einem Aufruhr entgegen, der sich gegen Polizeigewalt richtet – so zeigt es Robert Longo 2016 in seiner Kohlezeichnung „Riot Cops“. 

Werke mit Wirkungsanspruch

Drei Künstler, drei Techniken, drei Jahrhunderte – und stets zeugen die Werke nur von der Gewalt in der Geschichte? „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1798), Goyas berühmtester Stich, kündet auch vom Hoffen auf die Vernunft. Eisenstein huldigt im Film „Romance sentimentale“ (1930) auch der romantischen Liebe. Und von Longo gibt es eine Kohlezeichnung katholischer Bischöfe in vollem Ornat, eine Szene des Glaubens. Glaube, Liebe, Hoffnung – haben solche Haltungen historischen Einfluss, gibt es dafür Beweise, einen „Proof“?

Sicher ist: Unter dem Titel „Proof“ führen drei Ausstellungshäuser drei Künstler mit erklärtem Wirklichkeits- und Wirkungsanspruch zusammen. Hier würden „Einblicke in soziale, kulturelle und politische Komplexitäten widergespiegelt“, konstatiert Anton Belov, der Direktor des Moskauer Garage-Museums, im Katalog zu dieser Kunstschau. Anne Pasternak vom New Yorker Brooklyn-Museum betont die „Wirkmächtigkeit“ und „Kraft“ dieser Kunstwerke. „,Proof‘ ist der Beweis, dass diese drei großen Bilddramatiker ihrer Zeit mitreißen und aufrütteln können“, sagt Dirk Luckow, der Intendant der Hamburger Deichtorhallen, bei der Präsentation der Ausstellung. „Denn sie nehmen künstlerisch Stellung zum menschlichen Schicksal.“ 

Atemberaubende Fülle

„Proof“ ist jetzt, nach Stationen in Moskau und New York, in Hamburg zu sehen - eine Kunstschau von atemberaubender Fülle: Von Francisco José Goya y Lucientes (1746-1828) sind 21 Stiche aus seinem Zyklus „Los Caprichos“, jeweils ein Dutzend Radierungen aus den Serien „Schrecken des Krieges“ und „Stierkampf“ sowie sechs aus seinen „Proverbios“ zu sehen. Von Sergei Eisenstein ( 1898-1948) werden sieben Filme und 43 Zeichnungen und von Robert Longo (Jahrgang 1953) 26 Kohlezeichnungen gezeigt. 

Reichlich Betrachtungsstoff also für die Besucher dieser Ausstellung. Wobei Longo den meisten Raum einnimmt und Eisenstein die längste Zeit erfordert. Denn seine Filme werden so verlangsamt gezeigt, dass der ganze Loop 200 Stunden dauert – und man jedes Einzelbild sechs Sekunden lang würdigen kann. Entschleunigung ist die eine, Vergrößerung die andere Strategie dieser Ausstellung. Denn Robert Longo greift teils Motive von Goyas Miniaturen, teils dokumentarisches Material auf – und vergrößert es in seinen mit dem Pinsel aufgetragenen Kohlearbeiten fotorealistisch minutiös zu überlebensgroßen Formaten. Etwa das Triptychon „Floß auf See“ (2016), das Flüchtlinge auf dem Mittelmeer zeigt, Menschen in prekärer Lage also. „Das ist mein persönliches ,Floß der Medusa‘“, sagt Robert Longo bei der Ausstellungspräsentation über das gut drei mal acht Meter riesige Monumentalwerk. „Das zeigt menschliches Leiden und Aufbegehren – und das ist wohl der rote Faden der Menschheitsgeschichte.“ 

Als roter Faden zieht sich durch „Proof“, wie der Künstler, der mit Kate Fowles vom Moskauer Garage-Museum auch Kurator diese Ausstellung ist, solche Querbezüge herstellt. „Goya und Eisenstein waren immer schon meine Helden“, sagt Longo. Er greift aber auch viele andere Vorbilder auf, von Rembrandt van Rijn bis Jackson Pollock, also quer durch die Kunstgeschichte. 

Reizvoll und eindringlich

Geht es in dieser Bilderschau am Ende doch mehr um Kunst als um Geschichte, um bloße Kunstgeschichte? Die Frage danach wird darin jedenfalls ebenso künstlerisch reizvoll wie politisch eindringlich aufgeworfen. Er wolle „herausfinden, was die Bilder uns über unsere heutige Welt verraten“, sagt Longo. Herausfinden also, was diese Werke über die Wirklichkeit beweisen – das können jetzt auch die Besucher der Hamburger Deichtorhallen. 

Proof: Francisco Goya, Sergei Eisenstein, Robert Longo“.
 
Vom 17. Februar bis zum 27. Mai in der Halle für Aktuelle Kunst, Deichtorhallen, Deichtorstraße 1, in Hamburg. Unter dem Titel „Talking about Art“ findet dort am 5. April um 19 Uhr bei freiem Eintritt auch ein Künstlergespräch mit Robert Longo statt.

Von Daniel Alexander Schacht

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