Gibt es wirklich so etwas wie Glaubwürdigkeit im Showgeschäft? Und woran misst man das? Wenn sich die Glaubwürdigkeit einer Popband an der verkauften Zahl der Fan-T-Shirts bemisst, ist Depeche Mode neben den Metal-Bands die Krönung der Wahrhaftigkeit. Am Dienstagabend, 12.000 Fans in der ausverkauften hannoverschen TUI Arena, eine riesige Fankurve, wie bei 96, nur in bedruckt Schwarz. Euphorie und La Ola schon vor dem Anpfiff, und als gegen 21 Uhr die ersten Töne von „In Chains“ durch den Saal tuckern, flippen alle aus. Was wollen die erst machen, wenn’s hier ans Eingemachte geht? Man ahnt es, als Sänger Dave Gahan als letzter auf der Bühne erscheint. Es wird noch lauter. Begeisterung wie beim Rockkonzert. Kein Wunder. Es ist ja auch eins.
Ein Phänomen ist dieses Trio. 30 Jahre im Geschäft, angefangen mit ein paar Synthesizern und Fiepsmusik, mit mehr Enthusiasmus als Virtuosität und dem Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und während die meisten Kollegen spätestens Ende der Achtziger fiepend in den kommerziellen Abgrund rauschten, bekam Depeche Mode die Kurve und bediente sich bei seinen Spöttern. Woran, bekommen die 12 000 Menschen in Hannover von Beginn an vorgeführt. Von Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher, der sich aber wie die Gastmusiker dezent im Hintergrund hält. Keyboarder sind eben so.
Gahan nicht. Er hat das gesamte Posenprogramm seiner Rockkollegen in sein Bewegungsrepertoire eingebaut. Er steht, im schwarzen Ärmellosen, breitbeinig an der Rampe, stolziert, schwingt den Mikroständer, breitet die Arme aus. Sein Körpereinsatz scheint den Gesang ebenso zu verstärken wie das Mikrofon. Und: Der Mann weiß, wo er ist: „Good Evening, Hannover!“ brüllt er in die Menge. Das ist eindeutig. Im Internet diskutiert man immer noch eifrig, ob er sich bei einem Konzert in Peru kürzlich mit einem herzlichen „Goodbye, Chile“ verabschiedet hat.
Dass er überhaupt so über die Bühne turnt, ist ein kleines Wunder. Nach schwerer Drogensucht und einem Selbstmordversuch in den neunziger Jahren war er erstmals zurückgekehrt. Nun wurde im Mai dieses Jahres während der Welttournee ein bösartiger Blasentumor festgestellt und entfernt. Und nun steht er da und singt „A Question of Time“.
Bevor die Fans in der TUI Arena Hits wie diesen zu hören bekommen, nimmt die Band sie zunächst mit in die Sphären ihres aktuellen Albums „Sounds of the Universe“. Die Single „Wrong“, das rockende „Hole to feed“, bei denen Blondschopf Martin Gore mit seiner großen Gitarre mehr an Rockabilly-Held Brian Setzer erinnert als an einen sterilen Tastendrücker. Songs wie „Walking in my Shoes“ oder „It’s no good“, die dann langsam den Weg in die Bandvergangenheit leiten, haben zwar nach wie vor ein elektronisches Klangkorsett angelegt, doch die Wucht ist eine ganz analoge. Der Schlagzeuger drischt in die Felle, dass jeder Schlag bis in die letzte Reihe reicht. Die Bühne ist recht einfach gehalten – und auch einfach aufgeteilt. Vorn stehen Gore und Gahan, hinten Fletcher und der Rest, noch weiter hinten laufen Videos mit schnell alternden Menschen oder großen schwarzen Vögeln, die sicher ganz viel Bedeutung haben, die man aber nicht unbedingt verstehen muss.
Als Gahan dann mal zwischendurch zwei Songs Pause bekommt, rückt Gore allein in den Mittelpunkt und zelebriert zwei Songs zur Klavierbegleitung - auch das ein klassisches Rockshowelement, das von den Fans mit dankbaren Chören aufgenommen wird - und einer Dame, die sich mit einem spitzen Soloschrei („Maaaaaartin“) in der Chronologie des Abends verewigt. Auch hier: Stadionatmosphäre à la „You’ll never walk alone“.
Sitzplätze im Tribünenbereich – der Innenraum ist ohnehin unbestuhlt – bleiben weitgehend ungenutzt. Man feiert ein Familienfest. Und Depeche Mode macht die Tanzmusik dazu. „In your Room“, „I feel you“, „Enjoy the Silence“. Bei „Policy of Truth“ freut sich das Publikum besonders. Ob die Herren da vorne wissen, dass die hannoversche Band Terry Hoax mit diesem Song ihren größten Hit hatte? Wenn ja, ist die Sache mit Chile endgültig vergessen.
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Kommentare
DM rocken Hannover Daveoteee – 07.11.09
Ich habe den Eindruck der Reporter war in seinem Leben bisher nur auf Rock-Konzerten oder beim Fußball, anders kann ich mir die Vergleiche nicht erklären. Nebenbei bemerkt, Dave beherrscht seinen Hüftschwung schon seit mehr als 20 Jahren und braucht sich da bei keinem Rockkollegen bedienen, das läuft wohl eher umgekehrt!...ooohh dressed in black again...
DM @Hannover Daveoteee – 07.11.09
Mir scheint der Reporter war in seinem Leben bislang nur auf Rock-Konzerten oder beim Fußball, anders kann ich mir diese Vergleiche nicht erklären.Noch zu erwähnen, die Hüftschwünge beherrscht Dave seit mehr als 20 Jahren und braucht sich da von niemanden etwas abgucken, das läuft wohl eher umgekehrt.Aufklärung Balufantine – 04.11.09
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich fand das Konzert genial, den Artikel aber weniger. Das war ja wohl keine Rockshow, Depeche Mode ist doch keine pure Rockband! Naja, und sprachlich ist der Artikel auch nicht gerade überragend … was solls!Schnulli haken – 04.11.09
Also mal ehrlich das Konzert war gut ..aber di Stimmung noch lange nicht so gut wie in Leipzig oder Berlin die OSSI sind halt die besseren ........DM Bericht gelungen - Bilder dürftig DMel – 04.11.09
Der Bericht gibt die Stimmung beim gestrigen Konzert gut wieder. Allerdings ist die Bilderauswahl recht dürftig, besteht doch die Band nicht nur aus Dave Gahan sondern ebenso aus Martin Gore und Andy Fletcher, die man genauso einiger Bilder hätte würdigen sollen. Besonders Martin, der mit seinen pianobegleiteten Soli für einige Highlights des Abends sorgte, hätte es verdient ebenfalls gezeigt zu werden.dm@hannover 90ets – 04.11.09
soweit gut formulierter artikel, der die stimmung des concerts treffend wiedergibt...aber mal ganz ehrlich: wen interessiert, ob dave in peru einen versprecher hatte ??? (was er übrigens nicht hatte, wenn man sich mal den ausschnitt angehört hat...) da sollten sich die autoren (nicht nur der HA sondern auch anderer zeitungen...) lieber mal damit beschäftigen was die faszination dieser Band ausmacht, anstatt sich mit so lächerlichkeiten aufzuhalten...
in diesem sinne:
see you next time (whereever...)
Super Kommentar morle – 04.11.09
Es war großartig - so gibt es der Artikel auch wieder. Nur das Highlight des Abends, nämlich Martins unglaubliches "Dressed in Black" hätte man noch erwähnen können.Sehr gelungen! Der kleine Junge – 04.11.09
Ich finde das der Bericht den Abend wunderbar wiedergibt. Selten einen so guten Bericht über Depeche Mode in den letzten Jahren gelesen. Danke! See you next time !Depeche Mode Claudia – 04.11.09
Depeche Mode haben gestern abend Hannover gerockt, das steht mal fest. Insofern ist der Artikel genau richtig, so wie er ist.Depeche Mode Balufantine – 04.11.09
Der Artikel ist schlecht.