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Die Revolution verlacht ihre Kinder

„Der Auftrag“ am Schauspiel Hannover Die Revolution verlacht ihre Kinder

Mit Heiner Müllers „Der Auftrag“ wurde am Freitagabend die Spielzeit am Schauspiel Hannover eröffnet. Eine Kritik von unserem Kulturchef Ronald Meyer-Arlt.

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Corinna Harfouch und Sarah Franke (rechts).

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Heiner Müller lacht. Ha ha. Ein kurzes, trockenes Lachen ist das. Ein Lachen, wie aus dem Automaten. Ha ha. Ein Lachen, das keine Falten macht und niemanden zum Mitlachen auffordert. Es ist ein müdes, trauriges, ein ironisches und ein verlorenes Lachen. Ha ha. Es ist das Lachen eines Toten.

Heiner Müllers Lachen kommt aus den Lautsprechern des Schauspiels Hannover. Dort wird zur Saisoneröffnung sein Stück „Der Auftrag“ gespielt. Erstaunlicherweise ist das keine Premiere. Die Inszenierung ist eine Koproduktion des Schauspiels Hannover mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, die Premiere war im Juni im Stadttheater Marl. Auf der Bühne stehen Schauspieler aus dem hannoverschen Ensemble und als Gast die Schauspielerin Corinna Harfouch. Zu hören ist Heiner Müller. Das Original. 1980 hat er das Stück öffentlich vorgetragen. Die Aufnahme rauscht ein bisschen. Er hat alle Rollen gesprochen.  Und zwar in seiner ganz eigenen Art - als Dichter, nicht als Schauspieler. Das heißt: ohne Ausdruck, ohne Verstellung. Für Ausdruck und Verstellung sind die Schauspieler auf der Bühne zuständig. Sie bewegen den Mund zu Müllers Worten, und seine Zurückhaltung stachelt sie zu Ausdruck und Verstellung an. Sie bewegen die Lippen überdeutlich, die gestikulieren viel und setzen vieles auch pantomimisch um.

Mit Heiner Müllers „Der Auftrag“ wurde die Spielzeit am Schauspiel Hannover eröffnet. 

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Das wirkt fremd. Und es dauert lange. Aber dieses Unterstreichungstheater – unterlegt mit packenden und manchmal auch witzigen Klängen der Band „Die Tentakel von Delphi“ – hat auch etwas. Es verdeutlicht Müllers Text zwar nicht, aber es trifft ihn in seinem Kern. Denn hier geht es auch Marionetten. Hier geht es um Menschen, die keine Stimme haben. Hier geht es ums Sprechen für andere. Hier geht es um die Revolution. Und um ihr Scheitern. Müller erzählt - aufbauend auf Anna Seghers Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von drei Abgesandten der französischen Revolution. Sie sollen das Licht der Aufklärung nach Tahiti tragen und einen Aufstand anzetteln. Als sie dort ankommen, hat in Frankreich bereits Napoleon die Macht übernommen. Die Revolution ist Geschichte und die drei haben ihren Auftrag verloren.

Die Worte des Meisters aus der Konserve erklingen nicht die ganze Zeit. Nach der Hälfte der anderthalbstündigen Aufführung hat der Gaststar das Wort: Corinna Harfouch spricht den Monolog des Mannes im Fahrstuhl. Dem soll auch ein Auftrag erteilt werden, aber auf dem Weg zum Büro des Chefs verfährt sich der Aufzug, der Angestellte landet in einer Dorfstraße irgendwo in Peru. Corinna Harfouch hält diesen Monolog ziemlich hinreißend auf sächsisch. Sie ist als Clown verkleidet – eine Kostümlösung, die eigentlich immer passt, wenn man nicht genau weiß, wie jemand aussehen soll, oder sich nicht entscheiden kann. Egal. Der Clown ist großartig - und am Ende bekommt Corinna Harfouch viele Bravo des recht enthusiasmierten Publikums.

Nach dem Fahrstuhl-Monolog glücken dem Regieteam (Tom Kühnel und Jürgen Kuttner) noch einige sehr schöne Szenen aus dem „Revolutionstheater“. Marx, Lenin, Stalin, Mao und Che Guevara treten auf. Hinten wird gespielt, vorn werden die Szenen auf einen halbdurchsichtigen Vorhang projiziert - wie früher in der Berliner Volksbühne.

Das Spannende aber ist die Hörhaltung, die man jetzt eingenommen hat. Darauf trainiert, nur Mundbewegungen zum pathosreichen (und irgendwie auch aus der Zeit gefallenenen) Müller-Text zu sehen, kommen einem nun auch die echten Worte der echten Schauspieler jetzt ganz fremd vor. Man hört aufmerksamer und kritischer. Brecht hätte seine Freude daran gehabt.

Ein schönes Experiment zum Spielzeitbeginn.

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