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Tanz ums Geld

„Der Besuch“ in der Staatsoper Tanz ums Geld

Was für eine Vorstellung! Da kehrt eine verletzte Frau an den Ort ihrer Pein zurück und übt üble Rache: Ein Kopfgeld setzt sie für den Mord an ihrem ersten Geliebten Alfred Ill aus, der sie einst mit einem Kind hat sitzen lassen. So will es die oft gespielte „tragische Komödie“ des Dramatikers Friedrich Dürrenmatt.

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Artistisch: Joseph Gray, Tommy Rous und Demis Moretti als Claires Gefolge.

Quelle: Weigelt

Hannover. Claire Zachanassian, ein Monster? Nicht in der Inszenierung von Jörg Mannes, die jetzt im Opernhaus Premiere hatte. Der Ballettchef lässt der Figur mehr Spielraum, macht in der Täterin das Opfer sichtbar, legt deren Emotionen frei. Das funktioniert im Tanztheater ja meist sinnlicher als im Sprechtheater. Denn da zeigen die Akteure, was der oft unausgesprochene Gehalt der Worte ist. Und weil es bei der Figur der Claire um deren Vorgeschichte als junges Mädchen geht, tritt neben Claire auch deren jugendliches Alter Ego auf und tanzt wie diese mit dem Geliebten Ill.

Dabei bieten Cassia Lopes und Deniz Piza als Claire und Ill sowie Giada Zanotti als junge Claire einen Dreieckstanz, der der erste von etlichen Höhepunkten dieser Inszenierung ist. Da umkreist Ill die junge Claire, umarmt sie, trägt sie auf Händen. Und die reife Claire verdeckt die Augen, ringt die Hände, kämpft erst mit sich, dann mit der jungen Claire, zerrt sie von ihm los, drückt ihn weg, schlägt ihn, umarmt ihn. So widerspruchsvoll können Gefühle sein.

Inszeniert ist diese Rückblende als Traumsequenz vor transparentem Gaze-Vorhang, hinter dem das Publikum zuvor schon Ill mit Frau und Tochter (Aleksandra Liashenko und Catherine Franco) als inniges Tanztrio und seine Mitbürger in – noch – unschuldigem Defilee erlebt hat. Dürrenmatts Stück handelt ja davon, wie diese, von Claires Kopfgeld korrumpiert, Schuld auf sich laden. Und zu erleben war auch schon die Ankunft Claires mit ihrem Gefolge Toby, Koby und dem Butler, die Joseph Gray, Tommy Rous und Demis Moretti geradezu artistisch als willenlose Puppen aufklappen, zu Boden sacken und wieder hochklappen lassen – wofür sie den ersten Zwischenapplaus des Abends ernten.

Verdoppelt ist so nicht nur Claire, sie findet auch in der (im Stück nicht vorkommenden) Figur der Luise (Lilit Hakobyan) als Frau des Polizisten (Patrick Michael Doe, der trotz verletzungsbedingter Armbinde bravourös präsent ist) ein Pendant. Luise und Claire tanzen oftmals vor, das übrige Ensemble folgt oder setzt Kontrapunkte. Zunächst, als Claire ihre mörderische Forderung erhebt, bilden die Tänzer eine entrüstete Front dagegen, später folgen sie ihren Schritten. Nach der Pause hängt ein dicker Geldsack über der Bühne, aller Tanz findet damit unterm (und um den) Geldsack statt. Und Claire gibt, wörtlich und metaphorisch, den Takt vor.

Cassia Lopes und Deniz Piza sind die Stars dieses Abends. Der Tanz, den Claire nach der Pause mit Ill aufführt, ist Kampf und Vereinigung zugleich. Da nähert sie sich ihm, doch um ihn wegzustoßen, da umfasst sie seinen Hals, als sei sein Kopf schon ihre Trophäe, und dann tritt sie übers Brustbein des am Boden Liegenden ab.

Immer wieder flankiert werden solche Pas de deux von großen Bewegungen des Ensembles auf das Publikum zu. Bei Claires Ankunft tritt diese aus dem Bühnenhintergrund von einer Gangway herab nach vorn. Und als am Ende Ill isoliert ist, weicht er vor allen anderen rückwärts und nähert sich dabei ebenso beengt wie beengend der Rampe.

Klaustrophobische Ängste schürt auch die sich nach hinten verjüngende Guckkastenbühne. Gegen deren Achsensymmetrie lässt Jörg Mannes das Ensemble immer wieder in Diagonalen antreten, was die Enge noch unterstreicht. Gesellschaftliche als architektonische Gefangenschaft – das wird noch gesteigert, indem sich vor Ill auf der Flucht die Seitentüren dieses Bühnenraumes verschließen. Ein starkes Bühnenbild (Florian Parbs). Nur wozu bisweilen noch eine parallele Zwischenwand herunter- und wieder hochgefahren wird, bleibt etwas rätselhaft.

Der Begeisterung des Publikums tut das keinen Abbruch. Zum halbdutzendfachen Zwischenapplaus kommen am Ende Juchzen und Jauchzen, Pfiffe, Trampeln und Beifall im Stehen. Erst nach fast zehn Minuten senkt sich zum letzten Mal der Vorhang vor dem Ensemble, in dessen Mitte Cassia Lopes kniet und Kusshände ins Publikum wirft. Was für eine Vorstellung.

Nächste Termine: 22. und 29. Mai, 16 Uhr, 
27. Mai sowie 3., 8., 11., 17. und 23. Juni, 
19.30 Uhr. Kartentelefon: (05 11) 12 12 33 33.

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