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Wird der "Freischütz" ein Fall für den Landtag?

Inszenierung an der Staatsoper Wird der "Freischütz" ein Fall für den Landtag?

Die umstrittene „Freischütz“-Inszenierung an der Staatsoper Hannover soll Thema im niedersächsischen Landtag werden. Die CDU moniert, dass das Gleichgewicht zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und Unterhaltung nicht mehr gewahrt werde. Die Stadt hat Eingriffe in die künstlerische Freiheit bislang abgelehnt.

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Im Würgegriff des Regietheaters? Szene aus dem hannoverschen „Freischütz“. 

Quelle: Jauk

Hannover. Es ist ja nur eine Oper. Angesichts der Probleme, die es auf der Welt gibt, ist die Aufregung um den neuen „Freischütz“ verwunderlich. Und doch scheint die aktuelle Produktion nicht nur einige Zuschauer mehr aufzubringen als jedes andere Stück der vergangenen Jahre. Auch viele Menschen, die die Aufführung noch gar nicht gesehen haben, fühlen sich herausgefordert und formulieren ein allgemeines Unbehagen am Theater der Gegenwart.

Staatsopernintendant Michael Klügl überrascht das nicht. Emotionalität sei nun einmal ein zentrales Wesensmerkmal von Oper, sagt er. Vom „Kraftwerk der Gefühle“ sprach auch schon der Soziologe Alexander Kluge. In Hannover kann man nun erleben, dass sein berühmter Ausspruch keine leere Phrase ist: Weil die emotionale Grundstimmung eines Opernbesuchers besonders hoch ist, kann eine Aufführung, die so stark vom Gewohnten abweicht wie diese, schnell und heftig polarisieren.

Was meinen Sie?

Die CDU-Ratsfraktion fordert Hannovers Kulturdezernenten Harald Härke auf, beim umstrittenen "Freischütz" an der Staatsoper durchzugreifen. Was sagen Sie dazu?

Auch in der Vergangenheit gab es dafür immer wieder Beispiele. Ein Theaterkampf, dessen Nachbeben heute noch mancherorts zu spüren sind, war die Uraufführung von Hans Werner Henzes erster großer Oper „Boulevard Solitude“ 1952 an der Staatsoper Hannover. 1980 löste die Premiere „Jesu Hochzeit“ von Gottfried von Einem Proteste wegen Gotteslästerei aus, und fünf Jahre später gab es aufgeregte Diskussionen, ob Arnold Schönbergs „Moses und Aaron“ wohl das richtige Stück für die festliche Wiedereröffnung des Opernhauses sei.

In jüngerer Zeit waren es eher die Inszenierungen als die Stücke selbst, die für Wirbel in der Stadt sorgten. Der Wechsel der künstlerischen Perspektive, die mit dem Amtsantritt von Albrecht Puhlmann als Opernintendant energisch vollzogen wurde, offenbarte sich gleich 2001, als Andreas Homoki „Aida“ in ein prolliges Putzfrauendrama verwandelte. Höher schlugen die Wellen noch in Calixto Bieitos brutaler Version von Verdis „Troubadour“, die das angestammte Opernpublikum zwischenzeitlich enorm verkleinerte. Dem hannoverschen Opernhaus aber bescherten diese Produktionen viel überregionale Aufmerksamkeit. Und Bieito startete von hier eine große, internationale Karriere.

Entgegen der ursprünglichen Einschätzung sei die aktuelle Inszenierung des „Freischütz“ nicht für Heranwachsende unter 16 Jahren geeignet.

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Im Fall des aktuellen „Freischütz“ scheinen sich in der Kritik nun verschiedene Aspekte zu vermischen und gegenseitig noch zu verstärken: Manche Kritiker stören sich eher technisch an der kurzfristig ausgesprochenen Empfehlung der Oper,  die Aufführung erst ab einem Alter von 16 Jahren zu besuchen. Einige finden die Bilder von Neonazis und Pegida-Anhängern schwer erträglich, andere stören sich an der kurzen, aber expliziten Darstellung einer Penis-amputation oder am szenischen „Kasperletheater“ von Weihnachtsmännern und Zwergengruppen.

Doch so fragwürdig viele dieser Details auch sein mögen - allein hätten sie die teilweise große Empörung nicht ausgelöst. Es ist wohl eher die Abkehr vom vermeintlich Gewohnten, die nun sogar Forderungen von Zensur hervorrufen. Dabei haben die meisten Inszenierungen der vergangenen Jahrzehnte schon deutlich gemacht, was im Stück selbst recht klar angelegt ist: Der „Freischütz“ ist alles andere als ein launiges Jägerstück. Die Sehnsucht nach einem unbeschwerten Unterhaltungsabend mit schöner Musik ist bei Carl Maria von Webers Klassiker utopisch.

Vielleicht wird auf dieses Stück auch gerade deshalb empfindlich reagiert. „Wie? Was? Entsetzen!“, heißt es im Stück, wenn Max seiner geliebten Agathe eröffnet, dass er sich in die unbekannte Welt der Wolfsschlucht begeben muss. Experimente sind hier Kraftanstrengungen. Und was Regisseur Kay Voges in Hannover unternommen hat, ist vor allem das: ein Experiment, ein Vortasten in die Wolfsschlucht einer noch nicht bewährte Bühnenwelt, in der nicht nur die Zuschauer unsicher sind.

Zensur im  Opernhaus?

Die umstrittene „Freischütz“-Inszenierung hat eine Grundsatzdiskussion in der Stadtpolitik ausgelöst. Am Montag hatte der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion, Oliver Kiaman, die Produktion als „symptomatisch für den Verfall eines ganzen Hauses“ erklärt und den Kulturdezernenten der Stadt, Harald Härke, aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Härke solle für angemessenere Inszenierungen sorgen oder „die Oper ganz zuschließen“. Der Dezernent, der als einziger Vertreter der Stadt im sonst von Ländervertretern besetzten Aufsichtsrat der Staatsoper ohnehin kaum Handlungsspielraum hätte, wehrt sich genau wie Vertreter von Grünen und SPD vehement gegen solche Forderungen, die er als Zensur bezeichnet. In der Mitteilung der CDU werde die Arbeit der Oper im Ganzen völlig grundlos nach unten gezogen, so Härke.

Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer dagegen vertiefte die Zweifel an der Qualität des Hauses. Er glaubt, Opernintendant Michael Klügl nehme das Publikum mit seinen Produktionen nicht mehr mit. „Wenn der Intendant das nicht ändert, ist er der falsche Mann auf dieser Position“, so Toepffer. Der angesprochene Opernchef gibt sich derweil gelassen – und verweist auf zahlreiche Preise, die die überregionale Strahlkraft seines Hauses belegten sowie auf eine erhebliche Steigerung der Auslastung während seiner Amtszeit: Als Klügl vor zehn Jahren begann, waren bei Vorstellungen durchschnittlich rund 60 Prozent aller Plätze belegt. Heute sind es regelmäßig mehr als 80 Prozent.

Das beweist auch eine Reaktion des Videogestalters Voxi Bärenklau auf die Vorwürfe der hannoverschen CDU. Darin bescheinigte der Berliner Künstler den Christdemokraten gestern eine „Nähe zur AfD“ und bezeichnet deren Kritik als „geistigen Dünnschiss“. Die Empörung über seine Arbeit habe nur in einer „tief dumpfen und braunen Provinz“ stattfinden können. Es wirkt wie ein Rückfall in alte Zeiten: Während die einen das Theater als unmoralische Anstalt verteufeln, halten die anderen ihr Publikum für dumm und rechtsradikal. Zur Deeskalation tragen beide Haltungen nicht bei.

Intendant Michael Klügl ist mit der Produktion derweil sehr zufrieden. „Ich finde, die Arbeit, die Kay Voges hier gemacht hat, ist richtungsweisend für das Theater in Deutschland“, sagte er gestern. Darin ist er sich immerhin mit Teilen der professionellen Musikkritik einig. Unter anderem die „Welt“ und „Deutschlandradio Kultur“ lobten den zukunftsweisenden Charakter der Inszenierung.

Wie Regisseur Voges und der Umgang mit seiner Arbeit sich weiterentwickeln werden, wird man vermutlich weiter in Hannover beobachten können. Klügl hat den Regisseur bereits gefragt, ob er noch einmal an der Staatsoper arbeiten würde. Wie die Antwort ausfiel, verriet er allerdings nicht.

Das sagen die HAZ-Leser

Eine mutige Zumutung
Vor der Aufführung erwartete ich – wie ich zukünftig auch weiterhin hoffe – eine Oper in traditioneller und vom Komponisten gewollter Form zu sehen. Danach war ich daher zunächst frustriert, weil die Oper zur Darstellung der heutigen Umstände verfremdet und missbraucht wurde. (...) Spätestens im Rückblick ist die Produktion jedoch eine beachtenswerte und wirkungsvolle Leistung von Videodesigner und Regisseur – und eine mutige Zumutung der Opernhausleitung. Nur: Es war keine Oper; zwar wirklich erlebenswert, aber nicht ohne eine von einer Opernerwartung ablenkende Vorwarnung.
Isernhagen , Gerd Bischoff

Sie kennen kein Pardon
Was ist da in der Oper passiert? Eine Orgie in Hass, besser: deutschem Selbsthass ergoss sich über das Haus! Keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema der Oper, der Musik, dem Komponisten (...), geschweige denn der Frage, was eine Nation oder Nationalismus ist, war oder heutzutage sein könnte (...)! Stattdessen kruder pseudo-intellektuell verbrämter, blanker sadistischer Hass! (...) Mit Kunst hatte diese Sucht nach Selbstzerstörung nichts mehr zu tun! (...) Frau Kamensek verlässt uns zum Ende der Spielzeit. Ihre Arbeit bot erfreuliche Lichtblicke. Man kann ihren Entschluss gut verstehen. Wir müssen bleiben. Es wird uns noch manches blühen von den Herren Angermann und Klügl, sie kennen kein Pardon. Sie werden die Oper erfolgreich an die Wand fahren.
Hannover, Dr. Wolfgang Kämmerer.

Nicht ständig!
Als langjähriger Abonnementinhaber der Oper habe ich die Besuche aufgegeben, als die Aufführungen immer abstruser, komischer und weltfremd wurden. Nichts gegen moderne Inszenierungen, aber nicht ständig! Es gibt in Hannover auch noch genug Publikum, welches sich an Klassikern erfreuen würde.
Wedemark , Andreas Ringat

Wieder ein Flop
Nach dem „Parsifal“ von Schlingensief in Bayreuth ahnte ich im Voraus, was in etwa beim „Freischütz“ auf mich zukommen wird. Aber diese Inszenierung ist viel schlimmer und einfach eine Zumutung für Zuhörer und besonders auch für die Interpreten. Wenn der Regisseur meint, seinen eigenen Protest gegen alles in einer Oper verarbeiten zu müssen, dann soll er eine neue schreiben, aber nicht unbedingt den „Freischütz“ verunglimpfen. Wenn Ihr Rezensent (...) meint, diese Inszenierung des „Freischütz“ ist wagemutig, verrückt und sehenswert, kann ich dieser Meinung überhaupt nicht folgen. Hat denn Herr Dr. Klügl, der Intendant des Opernhauses, nicht im Voraus gewusst, welche Produktion er da eingekauft hat? Auch diese Inszenierung wird sich nicht lange auf dem Spielplan des Opernhauses halten; wieder ein Flop, wie schon mehrere andere Inszenierungen an diesem Haus, die schnell wieder in der Versenkung verschwunden sind.
Garbsen, Renate Rohde

Überflüssig und abstoßend
Die Rezension der Premiere der Oper „Freischütz“ bedient alle modernen Klischees: wagemutig, zukunftsweisend u. v. a. m. Zu Recht stellt der Rezensent fest: „Wichtiger als der Inhalt ist hier eine Form, die man zunächst als Reizüberflutung wahrnehmen kann.“ Diese Feststellung ist richtig, wirft jedoch die vom Rezensenten unbeantwortet gebliebene Frage auf, warum dann der eigentliche Inhalt in einer überflüssigen und abstoßenden Weise verfremdet und künstlerisch nicht überzeugender Weise verarbeitet wurde. (...) In der Pause wurde von dem keineswegs „dummen“ Opernpublikum über die Elemente der Inszenierung diskutiert, nicht dagegen über den Inhalt im Lichte der heutigen Zeit. Das kann nicht der Sinn einer modernen Inszenierung einer Oper sein.
Hannover, Prof. Karl-Friedrich Sewing

Katastrophaler Abend
Ich habe noch nie eine derart missglückte Aufführung einer Oper wie den „Freischütz“ gesehen. Die romantische Oper von Carl Maria von Weber spielt nach dem Dreißigjährigen Krieg und wurde 1821 uraufgeführt. Ich habe Verständnis dafür, dass die Oper etwas modernisiert wird, aber diese Inszenierung ist keinesfalls für Kinder geeignet. Sie ist skandalös! (...) Der einzige Trost war die wunderschöne Musik, um diesen katastrophalen Abend zu überstehen.
Hannover, Gudrun Rohde

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