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Kultur Der Geiger Niklas Liepe und sein „New Paganini Project“ 
Nachrichten Kultur Der Geiger Niklas Liepe und sein „New Paganini Project“ 
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00:33 20.04.2018
Nachdenken über Paganini: Niklas Liepe nimmt auf seiner Aufnahme eine ungewöhnliche Perspektive ein. Quelle: Kaupo Kikkas
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Hannover

 Eigentlich kann es so etwas gar nicht geben. Niccolò Paganinis „Capricen“ für Violine, jene 24 Solostücke, die der 1840 gestorbene Geiger der Nachwelt hinterlassen, nie aber selbst öffentlich aufgeführt hat, sind von der Aura des Unmöglichen umgeben. All diese Triller, Doppelgriffe und grellen Flötentöne scheinen geigentechnische Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Kein Wunder, dass der, der sie auf Notenpapier gebannt hat, ein Teufelsgeiger genannt wurde: Die Seele gegen unfassbare Virtuosität – völlig abwegig wird die Vorstellung damals nicht erschienen sein. 

Bis heute eilt den „Capricen“ der Ruf von technischem Teufelszeug ohne Seele voraus. Wer etwas auf sich hält, spielt lieber Bach. Der Geiger Niklas Liepe aber will sich mit solchen Vorurteilen nicht abfinden. Es genügt ihm nicht, das eine oder andere Stück gelegentlich als Zugabe zu spielen. Er möchte dem ganzen Zyklus einen Platz im Konzertbetrieb verschaffen. Und so hat sich Liepe, 1990 in Göttingen geboren und in Hannover und Köln ausgebildet, die Capricen jetzt für sein CD-Debüt beim renommierten Label Sony Classics vorgenommen.

Neu komponierte Versionen

Dabei begnügt er sich nicht damit, die Stücke in der Originalform aufzunehmen: Das Album trägt zu recht den Titel „The New Paganini Project“. Liepe greift auf die in der Romantik übliche Tradition zurück, Werke für Sologeige mit einer Begleitung zu versehen. So finden sich auf der CD nun Ergänzungen zu Paganinis Solostimme von Robert Schumann und komponierenden Geigern wie Fritz Kreisler. Andreas N. Tarkmann hat diese originalen Klavierstimmen für die Aufnahmen sehr plastisch und farbig orchestriert. 

Der Großteil der 24 Begleitungen wurde aber neu geschrieben. Liepe hat Komponisten aller möglichen Stile gebeten, sich mit jeweils einer Caprice auseinanderzusetzen. Die Geigenstimme sollte unangetastet bleiben, ansonsten hatten die Musiker freie Hand. So ist ein Zyklus entstanden, in dem sich unterschiedlichste Elemente zu einem geschlossenen Ganzen runden. 

Avantgarde-Klänge des französischen Komponisten Gérard Tamestit, die die Solostimme wie eine Folie aus futuristischem Material hinterlegen, stehen neben der unbeschwerten Leroy-Andersson-Mechanik, mit der Bastian Bund seine Caprice auf die Tanzfläche führt. Tobias Rokahr nimmt mit seiner bewusstseinsverändernden Orchesterbegleitung dem Beinamen des sechsten Caprice beim Wort: Seine Musik kann tatsächlich in „Trance“ versetzen. Sidney Corbett komponiert seine Version wie eine Gottesanbeterin, die scheinbar erstarrt auf der Lauer liegt, bevor sie pfeilschnell ihre Beute greift. Und in der berühmten 24. Caprice lässt Stephan Koncz erst Gustav Mahlers Weltschmerz aufscheinen, bevor ausgelassen eine Samba-Band aufmarschiert. 

Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern bringt diese erstaunliche Vielfalt unter Leitung des hannoverschen Dirigenten Gregor Bühl lustvoll und gekonnt zum Klingen. Und Niklas Liepe präsentiert sich nicht nur als interessanter Projektplaner, sondern auch als raffiniert abgeklärter Geiger: All die Triller, Doppelgriffe und grellen Flötentöne scheinen ihm keine Probleme zu bereiten. Seine Seele hat er dafür aber offenkundig nicht verkaufen müssen: Man hört in jeder Note, dass diese Aufnahme eine Herzensangelegenheit ist.

Niklas Liepe: „The New Paganini Projekt“, Deutsche Radio Philharmonie, Gregor Bühl (Sony Classical). Vom 8. bis zum 10. Juni veranstaltet der Geiger das Festival „Liepe & Co“ in den Stahlhallen am hannoverschen Südbahnhof.

Mehr neue CDs aus Hannover

Der Kammerchor Hannover setzt seine Gegenüberstellung der Motteten von Bach mit denen des 1942 geborenen schwedischen Komponisten Sven-David Sandström fort. Unter Leitung von Stephan Doormann beweisen die Sänger und das Orchester La festa musicale ihre Klasse (Rondeau Production).

Das Klavierduo Genova & Dimitrov leistet mit einer Aufnahme des Konzertes für Klavierduo von Carl Czerny einen Beitrag zur Ehrenrettung des Etüden-Komponisten Carl Czerny. Auf der CD sind auch Werke von Max Bruch zu hören (cpo).

Von Stefan Arndt

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