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Nachrichten Kultur Der Generalist: Direktor Jaap Brakke
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09:19 14.03.2009
Von Simon Benne
"Eigentlich ist es unmöglich – aber alle packen mit an": Jaap Brakke. Quelle: Martin Steiner

Vergangene Woche hatte dieser jetzt seinen ersten offiziellen Arbeitstag. Die Erwartungen sind groß – und es sieht so aus, als wollte Brakke diesen auf ganzer Linie gerecht werden. Sonst hätte er die „Indianer Kanadas“ nicht mitgebracht.

Bei einer Abschiedsparty für eine Kollegin in Ottawa hörte Brakke beiläufig, dass die Indianer-Ausstellung, konzipiert vom Canadian Museum of Civilization, zwischen Stationen in Peking, Osaka und Mexico City noch vier Monate Pause haben würde – und holte sie spontan nach Hannover: „Wir gehören einfach in die Reihe dieser Städte“, sagt er und lächelt kaum merklich. Nur wenige Monate vor der geplanten Eröffnung am 24. April erfuhren seine Mitarbeiter im Landesmuseum von dem Großprojekt. Eine Morgengabe, auf die mancher wohl lieber verzichtet hätte: Museumsleute denken in langen Zeiträumen, eine so atemraubend kurzfristige Planung bringt nicht nur viel Arbeit, sie könnte auch zulasten der wissenschaftlichen Tiefe gehen.

„Eigentlich ist so ein Projekt unmöglich, aber alle im Haus packen mit an“, sagt Brakke. Inzwischen ist fast die gesamte Archäologie-Abteilung leer geräumt, um Platz für die 800 Quadratmeter große Indianer-Schau zu schaffen. Für die Zukunft des Museums hat diese einen gewissen Symbolwert: „Das ist eine ethnologische Ausstellung, und es wird nicht die letzte hier sein“, sagt der neue Direktor. „Das Landesmuseum wird ein Vierspartenhaus bleiben.“

Im vergangenen Jahr hatte Minister Stratmann hitzige Debatten ausgelöst mit seinen Plänen, museale Schwerpunkte für Archäologie in Braunschweig und für Ethnologie in Göttingen zu schaffen. In dieser Hinsicht denkt Brakke undogmatisch – und fordert Flexibilität. Auch das Drents Museum im niederländischen Assen, wo er bislang arbeitete, habe eine große Archäologiesammlung gehabt: „Doch 90 Prozent der Stücke waren nur für Wissenschaftler interessant – wir haben sie an ein zentrales Sammellager abgegeben“, sagt er. „So etwas könnte ich mir auch für Niedersachsen vorstellen. Wichtig ist, dass wir die Exponate weiter für Ausstellungen nutzen können.“

Brakke pflegt einen kraftvollen Pragmatismus. Sein Enthusiasmus ist von großer Nüchternheit. Als er jetzt sein Büro bezog, verbannte er als Erstes den altehrwürdigen Direktorenschreibtisch, an dem in den dreißiger Jahren schon sein von ihm geschätzter Amtsvorgänger Alexander Dorner gesessen hatte, ins Museumsdepot: „Er war zu niedrig – ich habe mir immer die Knie gestoßen“, sagt er unsentimental.

Der gelernte Museumspädagoge fing vor 40 Jahren in einem Museum für moderne Kunst in Eindhoven an, bald wechselte er an das Drents Museum, wo er sein ganzes Berufsleben über blieb – bis jetzt. Über die Jahrzehnte hat er sich dort nach oben gearbeitet: Pressestelle, Museumspädagogik, Sammlungsbetreuung, am Ende war er Vizedirektor. Die Geschichte dieses Hauses ist auch seine Geschichte. „Das Drents Museum liegt in der tiefsten Provinz – und spielt jetzt in der ersten Liga“, sagt er stolz. Es ist der Stolz eines Kämpfers. Eines Mannes, der bei jedem Wetter mit dem Fahrrad von seiner Wohnung in der List ins Museum fährt, „weil man nicht zimperlich sein darf“.

Brakke ist kein Kunsthistoriker und kein Archäologe, kein Ethnologe und kein Naturkundler. „Ich bin ein Generalist“, sagt er über sich selbst. Ein Generalist, der viel von Zahlen spricht: Er sagt, dass die von ihm organisierte Ausstellung „Der Tempel im Moor“ mehr als eine Million Besucher in fünf Ländern hatte. Dass die chinesischen Terrakotta-Krieger rund 350.000 Besucher in sein Museum in Assen lockten. Und selbstbewusst prophezeit er, dass auch das Landesmuseum künftig mehr Gäste haben wird: „Ein so schönes Haus mit Sammlungen von internationalem Rang sollte mehr als nur 140.000 Besucher haben.“

Man merkt dem energiegeladenen Kulturmanager in solchen Momenten nicht an, dass er vor Kurzem 62 Jahre alt geworden ist. „Für 2014 planen wir mit dem Imperial War Museum in London eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg“, sagt er. Eine Schau über kanadische Impressionisten ist ebenfalls angedacht. Und im Gegenzug habe ein Museum aus Kanada schon Interesse an Exponaten für eine große Mittelalterausstellung angemeldet. Internationale Kooperation, kostensparende Vernetzung, das Einwerben von Drittmitteln – das ist das Feld, auf dem Brakke seine ganze Umtriebigkeit entfaltet. Es wirkt fast, als wollte er in den sechs Jahren, für die er in Hannover unterschrieben hat, noch so viel wie möglich auf die Beine stellen: „In zwei Jahren“, sagt er, „würde man ja nichts zustande kriegen.“

Obwohl er sehr geschäftsmäßig auf sein Museum blicken kann, ist er nicht blind für die Schönheit seiner Schätze. Er kann regelrecht ins Schwärmen geraten über die Altäre der Landesgalerie oder über die Liebermann-Gemälde. Und mit dem „Roten Franz“, der berühmten Moorleiche, ist er seit der „Tempel im Moor“-Ausstellung praktisch auf Du und Du: „Mit ihm habe ich sechs Jahre lang die ganze Welt bereist – meist im selben Flugzeug“, sagt er schmunzelnd. „Zusammen haben wir ganz schön Bonusmeilen gesammelt.“

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