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Der Gorilla in uns

Kino Der Gorilla in uns

Erkenn dich selbst: Der Cannes-Sieger „The Square“ ist eine clevere Gesellschaftssatire, in der einem manches vertraut vorkommt. Vielleicht sogar allzu vertraut.

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Aus Spaß wird Ernst: Der muskelbepackte Affenmensch ist beim Sponsorendinner nicht mehr zu stoppen.

Quelle: Foto: Alamode

Hannover. Die menschliche Evolution ist noch nicht hundertprozentig abgeschlossen, zeitigt aber in der Person von Christian schon einen schönen Erfolg. Christian, Ende vierzig, sieht nicht nur gut aus, kleidet sich nicht nur lässig schick (inklusive farbenfroher Socken), sondern fährt auch ein schadstoffarmes Elektroauto. Der Museumskurator in Stockholm appelliert in seinen Ausstellungen gern an das soziale Verantwortungsgefühl des Publikums, lässt schreiende Babys bei Arbeitstreffen im Büro zu, schaut Bettlern grundsätzlich in die Augen (auch wenn er ihnen nicht immer Geld gibt – sorry, gerade keine Münzen zur Hand!), benutzt bei einem One-Night-Stand selbstverständlich ein Kondom und kann sich sogar den Namen seiner Sexpartnerin merken. Seine beiden Kinder aus einer gescheiterten Beziehung vergisst er an den Wochenenden auch beinahe nie.

Was aber, wenn man Christian (Claes Bang) mal so richtig in die Bredouille gerät? Wenn er aus seiner wohlstandsgesättigten Komfortzone herausgeholt und seiner scheinbar unzerrüttbaren Selbstgewissheiten beraubt wird, wonach er ein guter Mensch ist und ein noch besserer werden will? Könnte ja sein, dass er dann seiner Selbstzufriedenheit verlustig geht, die auf manchen Menschen in seiner Umgebung geradezu aufreizend wirkt.

Schwer zu kontrollierende Triebe

Genau das testet der schwedische Regisseur Ruben Östlund in seiner ebenso bissigen wie amüsanten Gesellschaftssatire „The Square“, mit der er im Mai die Goldene Palme in Cannes gewann. Und siehe da: Unter dem zivilisatorischen Firnis brechen bald schon schwer zu kontrollierende egoistische Triebe hervor. Christian vergisst seine politische Korrektheit und lässt den Macho raus. Plötzlich sieht es verdächtig danach aus, dass in seinen Augen doch nicht alle Menschen gleich viel wert sind und folglich auch gleich behandelt werden sollten.

Es fängt damit an, dass Christian Opfer eines Trickbetrügers wird und ihm Handy und Geldbörse abhandenkommen. Er kann sein Telefon per App aufspüren, gerät aber in seinem siegesgewissen Hochmut an eine soziale Klientel, das für intellektuelle Diskurse wenig zugänglich ist und in lautstarkem Ton einfache Antworten verlangt. Dann ist da die Sache mit der Ausstellung „The Square“, mit der in einer kunstvollen Versuchsanordnung das menschliche Mitgefühl aktiviert werden soll. Doch alsbald befindet sich der Kurator wegen eines allzu provokativen und wenig durchdachten Werbevideos inmitten eines Shitstorms und muss öffentlich zu Kreuze kriechen.

Tierisches Imponiergehabe

Die womöglich schönste, weil entlarvendste Szene dieses Films aber ist das Sponsorendinner im Museum. An edel gedeckten Tischen bei Kerzenschein wird der Affe rausgelassen: Ein Performance-Künstler gibt den Gorilla und trumpft mit tierischem Imponiergehabe auf, und das animierte Publikum genießt seine kulturelle Überlegenheit. Ist doch ganz schön, dass wir nicht mehr im Dschungel hausen. So werden Wohlbefinden und Appetit gestärkt und hoffentlich auch die Spendenbereitschaft.

Dann aber ist der muskelbepackte Gorillamensch nicht mehr zu stoppen, springt auf die Tische, zerdeppert Geschirr und Gläser und wird handgreiflich. Aus Spaß wird Ernst. Einzelne Sponsorenmännchen verlassen gedemütigt die Veranstaltung, andere rotten sich zur kämpferischen Sippe zusammen. Glücklich, wer an diesem Abend nicht inmitten der Stockholmer Kulturschickeria sitzt.

Christian ist einer von uns

Womit schon angedeutet ist: Der Wiedererkennungseffekt von „The Square“ ist groß. Mancher dürfte sich im einen oder anderen Moment in die Rolle von Christian versetzt fühlen – und umso mehr an dessen wachsender Verzweiflung Spaß haben. Der Mann ist einer von uns mittelständisch sozialisierten Kleinintellektuellen. Es geschieht ihm nur recht, wenn er irgendwann im strömenden Regen in einem Müllberg sitzt und nach einem Ausweg sucht.

Schon einmal hat Regisseur Östland ein Experiment über Verantwortung und Vertrauen angestellt: In „Höhere Gewalt“ brachte ein Familienvater im Skiurlaub vor einer niedergehenden Lawine sich selbst in Sicherheit – und kümmerte sich erst danach um Frau und Kinder. Niemandem war etwas passiert, aber die Familie zerbrach an den Folgen des Vorfalls. Das Dramatische verlagert Östlund in „The Square“ ins Spielerisch-Witzige, aber der Erkenntniswert über die Brüchigkeit der Zivilisation ist groß.

Von Stefan Stosch / RND

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