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00:23 09.07.2014
Von Daniel Alexander Schacht
„Kritischer Begleiter der Deutschen“: Der Historiker Hans-Ulrich Wehler. Quelle: dpa
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Berlin/Bielefeld

Es ist keine zwei Monate her, da wurde sein letztes großes Werk vor internationalem Publikum als Meilenstein gewürdigt – und er selbst als Vorbild: Hans-Ulrich Wehler zeige in seinem Buch „Die neue Umverteilung“, dass es auch in Deutschland an fairer Güter- und gerechter Chancenverteilung mangele, sagte Wilhelm Krull, Chef der Volkswagenstiftung, bei einer Tagung dieser größten deutschen Wissenschaftsstiftung zum Thema globale soziale Ungleichheit.

Damit sind Stichworte genannt, die den am Wochenende im Alter von 82 Jahren verstorbenen Wehler in den letzten Jahren seines Lebens wieder besonders beschäftigt haben. „Wie lange kann das gutgehen“, hatte der Historiker 2013 zur immer weiter klaffenden Schere bei der Reichtumsverteilung gesagt, „ohne dass es politisch gefährlich wird?“ Es sei „völlig absurd“, wie viele Billionen hierzulande vererbt würden, nötig sei dagegen „eine echte Protesthaltung“ im Dienste sozialen Ausgleichs durch höhere Steuern für Reiche.

Da schien Hans-Ulrich Wehler, der in Köln, Bonn und Ohio studiert und in Berlin sowie (unterbrochen von Gastprofessuren in Harvard, Princeton, Stanford und Yale) 25 Jahre in Bielefeld geforscht und gelehrt hat, zu seinen sozialkritischen Wurzeln zurückgekehrt zu sein. Jedenfalls für Leute linksliberalen Schlages. Die waren nicht immer begeistert, wenn er in den Jahren davor einen EU-Beitritt der Türkei ablehnte, den Islam nicht integrierbar nannte oder Thilo Sarrazin verteidigte. Dabei agierte Wehler weniger aus Gesinnungsmotiven als aufgrund von Fakten. Schließlich hatte er – vor den meisten Historikern in (West-)Deutschland – an die Stelle der früher vorherrschenden Ideen- und Ereignishistoriografie die empirisch fundierte Sozialgeschichtsschreibung gesetzt.

Wie die statt der großen Männer in der Beletage die kleinen Leute im Souterrain der Gesellschaft in den Blick nehmen kann, hat er beispielhaft in seiner fünfbändigen „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ vorgeführt. Sie zählt zum Besten, was Wehlers Verständnis von Geschichtsschreibung als kritischer Sozialwissenschaft hervorgebracht hat. Die besonders von ihm geprägte „Bielefelder Schule“ hat damit auch für eine neue Historikergeneration Impulse gesetzt. Kein Wunder, dass Wehler – als achter deutscher Historikwer überhaupt – Ehrenmitglied der American Historical Society wurde. Kein „lebender Historiker“ in Nachkriegsdeutschland habe mehr „für die Neuorientierung und Belebung der modernen deutschen Geschichtswissenschaft“ getan, lautete die Begründung des größten US-Historikerverbandes. Auch Bundespräsident Joachim Gauck würdigte den Geschichtswissenschaftler als „Instanz der Orientierung“.

Jenseits von Fachkreisen bekannt geworden ist er aber weniger als Sozialhistoriker denn als wortmächtiger Impulsgeber in öffentlichen Debatten – zuerst, Mitte der achtziger Jahre, beim Historikerstreit. Den hatte Ernst Nolte mit der These ausgelöst, der Holocaust sei nur eine Reaktion auf den sowjetischen Gulag – und damit letztlich defensiv. Dieser Versuch, den Mord an den europäischen Juden zu relativieren, stieß auf den entschiedensten fachlichen Widerspruch bei Hans-Ulrich Wehler, der damit den prominenteren, seit seiner Jugend mit ihm befreundeten Soziologen Jürgen Habermas unterstützte.

„Historiker sind gewöhnlich rückwärtsgewandte Propheten“, hat Wehler in der Auseinandersetzung mit Nolte einmal gesagt. Er selbst bildet auch insofern eine Ausnahme. Zum einen, weil ihm Prophetie durchaus fremd ist, auch wenn seine Warnungen vor der neuen Umverteilung ein wenig danach klingen. Zum anderen, weil sein ganzes Werk auf Emanzipation durch das Lernen aus der Geschichte ausgerichtet ist. Und damit vorwärtsgewandt.

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