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Der Kulturkampf ist eine Sackgasse

Islamkritik nach Oslo-Anschlägen Der Kulturkampf ist eine Sackgasse

Ist die Islamkritik schuld an den Attentaten von Norwegen? Das ist eine der derzeit diskutierten Fragen, die nicht weiterführen. Stattdessen kommt es darauf an, eine grundlegende Unterscheidung zu beachten. Wem es um die Demokratie geht, der darf nicht am militanten Kulturkampf gegen „den“ Islam teilnehmen, sondern muss einen Kampf für eine offene politische Kultur führen.

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Wohin führt der Weg? Utøya, der Schauplatz des Massakers vom 22. Juli, symbolisierte bis dahin das problemlose Zusammenleben junger Norweger unterschiedlicher Herkunft.

Schaut man genauer hin, findet der Kampf der Kulturen nicht, wie die Kulturkämpfer es sehen, zwischen den Kulturkreisen, sondern in den Kulturen statt. Es gibt in jeder religiösen Tradition die unterschiedlichsten Richtungen, das heißt: Gläubige, die sich auf die Bedingungen der modernen Welt einlassen wollen und die reale kulturelle und soziale Vielfalt der heutigen Gesellschaften akzeptieren – und andere, die sich nach einer kulturellen Homogenität sehnen, die es historisch nie gegeben hat. Im Namen ihrer rückwärtsgewandten, fundamentalistischen Utopie bekämpfen sie dann neue, noch fremde Kultureinflüsse mit Gewalt – im Namen der einzig wahren, reinen Kultur oder Religion.

Dabei entstammen bei Attentaten in den meisten Fällen Täter und Opfer demselben Kulturkreis: Das war nicht nur in Norwegen so, das Gleiche ist in der muslimischen Welt zu beobachten, wie sich in Pakistan, Irak oder Indonesien zeigt. Paradox ist das nur auf den ersten Blick: Es handelt sich bei den Opfern islamistischer Terroristen oft um Angehörige einer anderen islamischen Richtung, manchmal um Personen, die für säkulare Positionen stehen, also Menschen, die durch ihre bloße Existenz, Denk- und Lebensweise das geschlossene wahnhafte Weltbild des Täters infrage stellen.

Gleichwohl erscheint es in unseren öffentlichen Debatten oft so, als ob muslimische Fanatiker sich vor allem in der westlichen Hemisphäre ihre Opfer suchten. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Attentat vom 11. September 2001 als paradigmatisches, die gegenwärtige Epoche bezeichnendes und bestimmendes Ereignis behandelt wird.

Die offensichtliche Tatsache, dass die Opfer des islamistischen Terrors in ihrer übergroßen Mehrheit selbst Muslime sind, wird von einem Teil der sogenannten Islamkritiker schlicht ignoriert. Nur so lässt sich auch die Vorstellung aufrechterhalten, es handele sich bei Anhängern des Islams um einen festen Block, der „uns“ gegenübersteht. Wobei nicht klar ist, wer dieses „Wir“ ist und was es eigentlich zusammenhält.

Umso eindeutiger ist das Bild, das von „denen“ gezeichnet wird. „Der“ Islam ist eben frauenfeindlich, gewaltbereit, mit Demokratie nicht kompatibel – und dafür finden sich dann die entsprechenden Koranzitate. Schaut man sich die europäische Kirchengeschichte an, könnte man zu vergleichbaren Schlüssen nicht nur für das frühere Christentum kommen. Die katholische Kirche gelangte erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Anerkennung der Menschenrechte und damit der Religionsfreiheit.

Tatsache ist, dass es auch im Islam unterschiedliche Lesarten gibt und dass Muslime sich sehr wohl als Demokraten oder in Nordafrika als Kämpfer für die Freiheit erwiesen haben. Paradoxerweise erklären aggressive Islamkritiker die fundamentalistische Lesart des muslimischen Glaubens als die einzig richtige und bestätigen damit den religiösen Irrsinn der Radikalen. Sie müssen zugleich Muslime, die nicht ins Schema passen, als Ausnahmen abtun oder als Heuchler brandmarken. Folgt man dieser Logik, dann muss der Bevölkerungsteil, der sich mit dem Islam verbunden weiß, unter Generalverdacht gestellt und letztlich ausgegrenzt werden.

Der Islam wäre, folgt man dieser Logik weiter, das einzige kulturelle Phänomen, das unhistorisch, also unwandelbar ist. Die einzige Religion, die sich nicht auf Dauer jener Lebenswelt anpassen würde, in der die Gläubigen ihren sozialen und wirtschaftlichen Erfolg suchen.

Wenn man, immer noch nach dieser Logik, einen historischen Wandlungsprozess für unmöglich erklärt, dann muss man auch behaupten, dass es früher oder später zu einer gewaltsamen Konfrontation zwischen „dem“ Islam und „uns“ kommen muss, die sich manche gern als Entscheidungs-, als apokalyptischen Endkampf ausmalen. Dieses Weltbild führt logisch zur Gewalt, die sich natürlich als Gegengewalt sieht.

Wer Islamkritik nicht als klassische Version von Religions- und Kulturkritik betreibt, sondern sich dem Islam seinerseits als Kulturkämpfer entgegenstellt, der für „das Christentum“ oder „die Aufklärung“ den Kampf gegen Eindringlinge, Fremde führt, kann sich nicht auf die Aufklärung berufen. Militante Islamfeinde erklären „den“ Islam zum absoluten Feind, ersetzen Differenzierung durch pauschale Diffamierung, argumentieren damit unfair und unhistorisch. Politisch ist diese Kulturkampf­attitüde zudem unklug, weil sie innerhalb der muslimischen Milieus irrationale Solidarisierungszwänge fördert und die notwendigen innerislamischen Kontroversen stilllegen könnte. Sinnvoll wäre es, die Muslime stärker bei den öffentlichen Kontroversen einzubeziehen – es könnte sich bald herausstellen, dass sich weltoffene, die Moderne und ihre Wirklichkeit akzeptierende Vertreter beider Seiten und Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen gegenüberstehen. Die Unterscheidung, auf die es ankommt, ist nicht eine religiöse, sondern eine politische: Es geht um das Verhältnis zur Gewalt, zur geltenden Verfassungs- und Rechtsordnung.

Diese demokratische Ordnung verlangt Anerkennung und Einhaltung ihrer Regeln, aber keineswegs die kulturelle oder religiöse Selbstaufgabe des Einzelnen. Auch die Religionsgemeinschaften müssen die Religionsfreiheit als Freiheit des Individuums akzeptieren, dürfen also keinen Zwang auf ihre Gläubigen ausüben. Wer die religiöse Gemeinschaft verlassen will, muss unbehelligt bleiben.

Damit wird in jeder modernen Gesellschaft jeder Glaubensgemeinschaft immer ein Zwiespalt zugemutet. Jede monotheistische Religion hat notwendigerweise einen Absolutheitsanspruch, sie ist für die Gläubigen die einzig wahre und nicht zu relativieren. Zugleich müssen sie (an-)erkennen, dass andere Menschen an etwas anderes glauben.

Da Religionen eine öffentliche Rolle spielen wollen, sind sie auch legitimer Gegenstand offener rationalerReligionskritik, was selbstverständlich auch für den Islam gilt. Es ist für eine säkulare Gesellschaft genauso selbstverständlich, dass Religionen sich (im Rahmen der bestehenden Verfassung) frei entwickeln dürfen. Das gilt auch für fundamentalistische, nicht gewaltorientierte Richtungen, weil der weltanschaulich neutrale Staat die Sinngebung dem Einzelnen überlassen muss – auch wenn das bedeutet, dass dieser sich rigiden Regeln unterwirft. Das gilt für das Tragen von Kopftüchern oder den Verzicht auf die Ehe bei katholischen Priestern. Damit darf sich jeder den Geboten einer Religionsgemeinschaft unterwerfen, auch wenn die von außen skurril, altertümlich oder vormodern erscheinen. Es handelt sich hier um frei wählbare Lebensstile.

Eine pluralistische Demokratie interessiert sich nicht für Glaubenswahrheiten, sie unterscheidet nach politischen und juristischen, nicht nach theologischen oder ethnologischen Gesichtspunkten. Sie kann nicht antiislamisch sein, wohl aber muss sie islamistische Strömungen genau in den Blick nehmen. Die Politisierung des Religiösen ist stets gefährlich und bedarf der Beobachtung durch alle, die an einer offenen politischen Kultur interessiert sind.

Karl-Ludwig Baader

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