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Patrick Modiano erhält Nobelpreis für Literatur

Überraschung in Paris Patrick Modiano erhält Nobelpreis für Literatur

Der Literaturnobelpreis des Jahres 2014 geht auch diesmal nicht an einen der Autoren, die bei den Buchmachern ganz vorne platziert waren, sondern an den Franzosen Patrick Modiano. Sein Werk kreist um die Themen Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld. Ein Porträt von unserer Autorin Jutta Rinas.

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Nobelpreis für Literatur: Modiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe, urteilte die Jury.

Quelle: dpa

Stockholm. Bei Herta Müller, der deutschen Literaturnobelpreisträgerin von 2009, war es auch schon so. Niemand hatte sie auf der Rechnung. Dann aber, in den letzten Wochen vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises, wurde plötzlich bei den englischen Buchmachern auf sie gewettet – und in kürzester Zeit stieg sie aus dem Quotennichts bis in den erweiterten Favoritenkreis hoch. Bei Patrick Modiano, dem Schriftsteller, der in Frankreich so populär ist, dass man dort den Begriff modianesque zur Bezeichnung seiner Schreibweise erfunden hat, war jetzt das gleiche Phänomen zu beobachten. Kurz vor der Bekanntgabe der weltweit bedeutendsten literarischen Auszeichnung gestern um 13 Uhr in der Schwedischen Akademie in Stockholm hatte er sich in den Wettbüros überraschend auf einen vorderen Rang vorgeschoben.

Et voilà: Der Literaturnobelpreis 2014 geht auch diesmal nicht an einen Autor, der bei den Buchmachern ganz vorne platziert waren, den Japaner Haruki Murakami oder den Kenianer Ngugi wa Thiong’o, sondern an ihn: Patrick Modiano. Bemerkenswert ist: mit dem 69-Jährigen wird nach relativ kurzer Zeit, nach 2008 mit Jean-Marie Gustave Le Clézio, wieder ein Franzose ausgezeichnet. Und: Es war der österreichische Schriftsteller Peter Handke, der Modiano durch seine Übersetzungen im deutschsprachigen Raum bekannt machte. Handke gehörte selbst zu den Anwärtern für den Nobelpreis. Der Hanser-Verlag kündigte unterdessen an, Modianos Roman „Gräser der Nacht“ schon jetzt statt wie geplant im Frühjahr 2015 herauszubringen.

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Warum also Modiano? Der Autor beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe, hieß es gestern von Seiten der Schwedischen Akademie, die ihn mit dem mit rund 880  000 Euro dotierten Preis ehrt. Sein Werk kreise um die Themen Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld.

Es hat zutiefst persönliche, aber auch politisch gefärbte Gründe, dass das bei Modiano so ist. Der Sohn einer „Schmierenschauspielerin“ und eines „opaken Geschäftsmannes“ (so nennt er die beiden selbst in seiner Autobiografie „Ein Stammbaum“, Hanser-Verlag, 2007) ist ein Kind der Okkupationszeit, 1945 geboren, Kind jüdischer Eltern, die unter den Deutschen zur Aufgabe ihrer Identität gezwungen wurden. Dem Sohn bieten die beiden aber vor allem eines: eine trostlose Kindheit. Sie trennen sich früh – und versuchen, den Sohn abzuschieben, wann immer es geht, in Internate in der Provinz, in die Armee, in die Universität von Bordeaux.

Modiano beschreibt in seiner als Roman betitelten Autobiografie eine Szene, in der er sich 1961 in einem Internat in Hochsavoyen die Krätze holt und eine Ärztin aufsucht. Der 16-Jährige ist in einem so erbärmlichen Zustand, dass sie ihn fragt: „Haben Sie Eltern?“ Dazu kommt: Modianos Vater, ein halbseidener, in Paris geborener Geschäftsmann mit griechisch-italienischen Wurzeln, verschwindet irgendwann wirklich spurlos. Modianos Bruder Rudy stirb mit zehn Jahren. Ihm sind die frühen Bücher Modianos gewidmet. „Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum. Meine Mutter und mein Vater gehören zu keinem bestimmten Milieu. So wackelig, so ungewiss sind sie, dass ich mich bemühen muss, ein paar Spuren und Markierungen in diesem Treibsand zu finden, so wie man sich bemüht, mittels halb verwischter Briefe ein Formular zum Personenstand oder einen amtlichen Fragebogen auszufüllen.“ Dieses Zitat lässt sich nicht nur auf Modianos Familiengeschichte beziehen. Es umschreibt seine gesamte Poetik.

Am klarsten zeigt sich das vielleicht in dem Roman „Dora Bruder“ (Hanser-Verlag, 1998). In einer alten Ausgabe der Zeitung „France-Soir“ vom 31. Dezember 1941 entdeckt der Schriftsteller eine Vermisstenanzeige: „Wir suchen ein junges Mädchen, Dora Bruder, 15 Jahre alt, ovales Gesicht, braungraue Augen, grauer Sportmantel, bordeauxfarbener Pullover“ heißt es da. 50 Jahre später begibt sich Patrick Modiano in seinem Roman auf Spurensuche. Was er findet, sind nur die Eckdaten einer Existenz: ein Eintrag im Geburtsregister, der Tod in Auschwitz und einige wenige Details dazwischen. Modiano braucht Jahre, um diese wenigen Daten zu finden. Und er reichert sie mit Erinnerungen aus seiner persönlichen Geschichte an, mit eigenen Leküreerfahrungen. Er schreitet die Pariser Arrondissements, in denen Doras Familie lebte, in seinem Roman noch einmal ab. Reale Eckdaten wie die Suchanzeige von Dora sind überdies nicht bloß Zutaten eines Romans. Sie sind Ausgangspunkte, Anlaufstellen für Modianos so besonderes Werk. In seiner Bibliothek soll es eine ganze Abteilung geben, in der er Material aus früheren Zeiten archiviert: alte Stadtpläne, Telefonbücher, Zugfahrpläne, Jahrgänge von Zeitungen.

Es hat vielleicht auch mit diesem wiederkehrenden Verfahren zu tun, dass man Modiano nachsagt, er schreibe immer wieder nur ein einziges Buch. Vor allem aber ist es die Tatsache, dass er die Lücken in solchen Lebensläufen nicht mit weiteren Fakten zu überdecken versucht. Seine Romane kreisen allesamt um eher blasse, konturenlose Figuren, Antihelden, die oft eines Tages im Nichts verschwinden. Immer wieder beschreibt er das „alte“ Paris. „Aus dem tiefsten Vergessen“ entreißt er seine Helden. So heißt auch ein Roman von ihm (Hanser-Verlag, 2000). Dennoch: Es ist nicht der Inhalt, der seine Bücher prägt, sondern die Stimmung, die sprachliche Melodie, diese besondere Modianomusik, ein vom Schweigen, von Sprachlosigkeit, von Träumen und von Melancholie erzählender Ton. „Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung“, sagt er einmal: „Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge blieben, desto mehr haben sie mich immer interessiert.“

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