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Christoph Meckel erhält den Hölty-Preis

Festakt in der Orangerie Christoph Meckel erhält den Hölty-Preis

Am Donnerstag erhält der 81-jährige Lyriker Christoph Meckel in der Orangerie Herrenhausen den hannoverschen Hölty-Preis. Die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung, ist der höchstdotierte Lyrikpreis im deutschsprachigen Raum.

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Eröffnet Freiräume: Christoph Meckel.

Quelle: Annette Pohnert

Hannover. Verschwinden, unsichtbar werden? Nein, dagegen wehrt sich das lyrische Ich in dem Gedicht „Tarnkappe“. Da kann der „riesige, lautlose, schwarze“ Schatten noch so meutern, raunen und murmeln, es gibt Wichtigeres zu tun: „Ich muss für mein leeres Zimmer Blumen stehlen/denn mein Schutzengel kommt zu mir zum Abendessen.“ Vor 60 Jahren erschien das Gedicht im ersten Buch eines damals noch unbekannten jungen Mannes. Gerade mal 20 Jahre alt war der Verfasser, Christoph Meckel. Längst gehört der mittlerweile 81-Jährige zu den wichtigen deutschen Lyrikern. Am Donnerstag erhält er in der Orangerie Herrenhausen den hannoverschen Hölty-Lyrikpreis, benannt nach dem 1776 in Hannover gestorbenen Dichter Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung, die Stadt und Sparkasse zum fünften Mal verleihen, ist der höchstdotierte Lyrikpreis im deutschsprachigen Raum.

Der „Tarnkappe“-Band bildet den Beginn eines umfassenden Werks; gut 30 Titel hat Meckel seitdem veröffentlicht. „Tarnkappe“ heißt auch der Band mit den gesammelten Gedichten, der im vergangenen Jahr zu Meckels 80. Geburtstag im Münchner Hanser Verlag erschienen ist. 961 Seiten umfasst das Buch – und wirkt doch nahezu bescheiden: Kein einschüchternder Foliant liegt da vor einem, sondern eine beinah handliche Dünndruckausgabe. Auf dem Schutzumschlag ist eine Grafik Meckels abgebildet. Auch das macht diesen Künstler aus: Meckel, der einige Semester Kunst studiert hat, fertigt Radierungen, Zeichnungen, Holzschnitte, Grafiken.

Als ich nach Hause kam

Von Christoph Meckel

Als ich nach Hause kam,
traf ich einen Matrosen
in meinem Zimmer
der mit einem Kahn auf dem Schrank gelandet war
und sich bemühte, herunterzukommen –
den Grund seines Hierseins
konnte er nicht erklären.

Gestern überraschte ich eine Ziegenherde
die die Zotteln meiner Teppiche anfraß,
vorgestern einen Chinesen,
der meine Garderoben anprobierte und vorgab,
die Treppe nicht gefunden zu haben.

Wenn morgen ein Kranichzug ins Fenster fliegt,
dann ist das nicht seltsamer, als wenn übermorgen
ein Elefant kommt und mich bittet, ihn abzuwaschen,
Ähnliches wiederholt sich in den Nächten.
Ich werde das Zimmer aufgeben.

aus: „Tarnkappe“,
herausgegeben von Wolfgang Matz.
Hanser Verlag. 961 Seiten, 34,90 Euro.

In gewisser Hinsicht passt der Begriff Tarnkappe auch für die Person Meckel: Er lebt und arbeitet – wie zahlreiche weitere Lyriker –, ohne von der ganz großen Masse der Leser wahrgenommen zu werden. Dabei hat er ein umfangreiches und vielfach ausgezeichnetes Werk vorgelegt, neben Gedichten auch essayistische Erinnerungen an Kollegen wie Peter Huchel und Marie-Luise Kaschnitz. Und auch Bücher mit Erinnerungen an seine Eltern: 1980 erschien „Suchbild. Über meinen Vater“, gut zwei Jahrzehnte später „Suchbild: meine Mutter“.

Das erste „Suchbild“ war zwar ein Buch über den Vater, doch auch ein Text über den Versuch, die Elterngeneration zu begreifen. An Eberhard Meckel hatte der 1935 geborene Sohn durchaus schöne Erinnerungen. Der Vater, ein in den Dreißiger-, frühen Vierzigerjahren recht prominenter Lyriker, war Antisemit und Nazi-Mitläufer.

Christoph Meckel hingegen hat sich politischen Parolen und literarischen Moden ebenso sanft wie beharrlich widersetzt. Die fünfköpfige Jury des Hölty-Preises – darunter der hannoversche Germanist Martin Rector und der frühere Hanser-Chef Michael Krüger – lobt das vielfältige Gesamtwerk des Preisträgers, das „einer ästhetischen Subversion gegen jede Hierarchie und Routine“ gleichkomme. In den Gedichten schwingt dabei immer etwas Nichtfassbares, Träumerisches, Verrücktes mit – und sei es ein Matrose, den es im Gedicht „Als ich nach Hause kam“ auf den Schrank verschlagen hat (siehe Kasten).

Seine Gedichte eröffnen dem Leser die Möglichkeit und den Freiraum, genauer und neugieriger als meist üblich auf die Welt zu schauen. Und bei aller Melancholie in Meckels Lyrik (in den jüngeren Gedichten geht es oft um die Vergänglichkeit des Daseins) können einen die Gedichte dennoch in eine gelöste, angenehm schwebende Stimmung versetzen.

Meckel, der nach Jahren in Berlin und im Ausland in Freiburg lebt, ist eine gute Entscheidung für den Hölty-Preis 2016. Die hannoversche Würdigung animiert dazu, diesen Lyriker und Grafiker (wieder) zu entdecken – am besten nachhaltig – und ihn nicht nur für einen Abend aus einem „Elfenbeinbunker“ zu holen. So lautet der Titel eines jüngeren Meckel-Gedichts. Dort heißt es: „Zum Fest seiner ersten hundert Jahre/holten wir ihn aus dem Elfenbeinbunker/und flogen ihn ein in die City ... Am Abend brachten/wir ihn zurück in den Bunker ... Das ist, was wir wissen nach hundert Jahren/Das ist die Legende vom Dichter.“ In einem Bunker sollten Lyriker grundsätzlich nicht verschwinden – egal, ob Elfenbein oder nicht.

Die Preisverleihung am 15. September, 20 Uhr, in der Orangerie ist öffentlich. Um Anmeldung wird gebeten unter: 15.1@hannover-stadt.de. Lyriker Uwe Kolbe hält die Laudatio.

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