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Kultur Philosoph Peter Nickl präsentiert das Philosophiefestival
Nachrichten Kultur Philosoph Peter Nickl präsentiert das Philosophiefestival
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00:28 16.06.2018
Der Philosoph Peter Nickl. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Der Philosophieprofessor Peter Nickl erläutert im Interview das Leitthema des von ihm organisierten 8. Festivals der Philosophie, das vom 20. bis zum 24. Juni ein breites Angebot an Veranstaltungen in Hannover bietet.


Herr Nickl, Identität ist das Thema des diesjährigen Festivals der Philosophie. Dabei spannen Sie einen Bogen vom deutschen Idealismus bis zu den gebrochenen Identitäten der Gegenwart. Aber war die Vorstellung vom ungebrochenen Individuum, vom autarken Einzelnen nicht immer schon eine Illusion?

Tatsächlich wirft ja schon Blaise Pascal solche Fragen auf: Gibt es überhaupt die Person, sind Eigenschaften stabil als Merkmale eines Individuums fassbar? Aber in der Philosophiegeschichte denkt man natürlich zuerst an den deutschen Idealismus mit Kant, Fichte, Schelling. Und da war das Leitbild eben dieses hypertrophe Ich, das aus sich heraus die Welt erklären, ja, deduzieren kann. Das hat sich aber relativ rasch erledigt, was wir natürlich in unsere Reflexion einbeziehen müssen: Das Ich war mal wahnsinnig groß – und es konnte sich in dieser Größe zu Recht nicht behaupten.


Der Einzelne definiert sich in der Regel über andere, sei es in Abgrenzung von oder durch Identifikation mit ihnen. Damit ist ja schon die Vorstellung eines abgrenzbaren Individuums eine Fiktion …

Genau. Dazu hat ja schon Novalis angemerkt: „Wir sind gar nicht ich, wir können und sollen aber ich werden, wir sind Keime zum Ich-Werden, wir sollen alles in ein Du – in ein zweites Ich verwandeln.“ Kurz, man hat ziemlich früh gesehen, dass das Ich ohne Du eigentlich nicht funktioniert.


Für die Gegenwart konstatieren Experten

eine fortschreitende Individualisierung. Aber ist Individualität überhaupt der treffende Begriff, wenn sie nur aus Moden besteht, aus dem besonderen Tattoo oder der besonderen Nische im Spartenfernsehen oder dem Internet?

Tja, diese Individualität braucht nicht einmal mehr den Menschen. Ich bin in der Wolfsburger Autostadt darüber belehrt worden, dass man einen VW Golf in mehr als einer Million verschiedener Ausführungen bestellen kann. Das klingt nach totaler Individualisierung, aber diese Millionen Autos werden sich doch nicht so wesentlich unterscheiden. Wenn man Individualisierung nur aus äußerlichen Attributen herleitet, dann geht das an den Faktoren des Ich-Seins oder der Persönlichkeitsbildung vorbei. Deren Quellen dürften wohl weder im Markt noch bei den Algorithmen zu finden sein.


Wo könnten diese Quellen liegen, wenn es eben nicht geborgte, über Konsum- oder Gruppenzwänge geschaffene Identitäten sind
?

Es ist immer schwerer, das Richtige und Eigentliche zu benennen als das Falsche und Uneigentliche. Wenn ich einen Menschen habe, der mir als Person, als Du gegenübersteht und mir etwas bedeutet, dann kann ich mich, dann können wir beide uns entwickeln. Nicht unbedingt in der Weise, dass wir uns einander angleichen, sondern eher so, dass wir unsere unverwechselbare Besonderheit entfalten. Was natürlich Zeit erfordert. Das Ich-Werden am Du - das ist eine lange Geschichte.


Gibt es dazu wegweisende Punkte im Programm, Veranstaltungen, die Breschen durchs philosophische Dickicht schlagen?

Das Festival ist ja sehr breit, ganz interdisziplinär angelegt, es hat philosophische, literarische, soziologische, politische und theologische Dimensionen. Ein guter Start ist zweifellos der Auftakt mit Michael Hauskeller, der jetzt in Liverpool lehrt und einen Überblick bieten wird, wie man mit der Philosophie, aber auch aus der Alltagserfahrung an das Thema „Ich“ herangeht. Ein weiteres Highlight wird Volker Weiß sein, der Autor des Buches „Die autoritäre Revolte“, der sich mit dem Identitätsverständnis der sogenannten Identitären befasst. Die greifen ja aus einer Situation der gefühlten Überfremdung auf alte nationale Identitäten zurück. Das ist natürlich nicht unser Bezugsrahmen, aber damit müssen wir uns auseinandersetzen. Ganz zentral ist außerdem das Genderthema, die Frage nach dem Einfluss des Geschlechts und der sexuellen Orientierung bei der Identitätsbildung. Dazu wird beispielsweise Christina von Braun einen Vortrag und ihren Film „Das geteilte Ich“ beisteuern.

Die wichtigsten Termine

Das im Zweijahrestakt stattfindende Festival der Philosophie, befasst sich im zehnten Jahr seines Bestehens in mehr als 50 Einzelveranstaltungen mit dem Thema Identität. Ein Überblick über die wichtigsten Termine:

Eröffnung: Ich-Sein:
Ein Auftakt mit Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann, Italiens Generalkonsul Giorgio Taborri, Regionspräsident Hauke Jagau sowie Michael Hauskeller als Vortragendem und dem Popduo Schneewittchen. Mittwoch, 20. Juni, 18 Uhr in der Marktkirche.


Das geteilte Ich“: Vortrag, Diskussion und Filmvorführung mit der Dokumentarfilmkünstlerin Christina von Braun. Freitag, 22. Juni, 15 Uhr, im Kommunalen Kino im Künstlerhaus, Sophienstraße 2.


Die abklingende Psychose“ und „Das fragmentarische Selbst“: Vorträge von Jann E. Schlimme und Till Bastian. Freitag, 22. Juni, 18 Uhr (Schlimme) und 19 Uhr (Bastian) im Hofsaal im Künstlerhaus.


Allah und die Ganzheit des Menschen“: Vortrag von Mouhanad Khorchide. Sonnabend, 23. Juni, 18 Uhr, im Hofsaal im Künstlerhaus.


Die autoritäre Revolte“: Lesung und Diskussion mit Volker Weiß, Sonntag, 24. Juni, 15 Uhr, in der Literaturetage im Künstlerhaus.

Das ganze Programm
unter www.philosophiefestival.com.


Weshalb gibt es eineKooperation mit dem italienischen Generalkonsulat?

Der Generalkonsul hatte ja schon 2016, beim Thema „Schönheit“, zusammen mit Landtagspräsident Bernd Busemann die Schirmherrschaft übernommen, jetzt ist Kulturminister Björn Thümler als deutscher Schirmherr dabei.


Und wieso gerade Italien?

Aus Italien stammt das Vorbild für das Festival der Philosophie, die der Tradition nach ja auf den Marktplatz, auf die Piazza, die Agora gehört. Im oberitalienischen Modena gibt es seit Langem ein solches Festival, das höchst erfolgreich ist und sogar sechsstellige Besucherzahlen aufweist. Daran sieht man: Philosophie, das muss nicht nur für Fachleute sein, das kann alle interessieren. Das Erfolgsrezept, auf das auch wir setzen, ist die Präsentation nicht von bloßer Philosophie, sondern auch von Ausstellungen, Konzerten, Kino, einem künstlerischen Beiprogramm, damit das Publikum nicht fürchten muss, von lauter abstrakten Kategorien erschlagen zu werden. Und wie in Modena gehen wir auch in Hannover thematisch vor: 2012 war die Vernunft, 2014 war die Gerechtigkeit, 2016 die Schönheit das Thema, und jetzt ist es eben die Identität. Wie dort ist auch hier der Eintritt meist kostenlos, und ebenso setzen wir auch hier auf Nachhaltigkeit, machen Tagungsmaterial digital bei Youtube und analog durch eine Buchpublikation verfügbar. Damit das nicht ein Event ist, der verpufft, sondern dauerhaft verfügbar bleibt.


Das Festival bietet binnen fünf Tagen 52 Einzelveranstaltungen, darunter zwei Ausstellungen, eine Meditation, Musical und Performance. Was sollte man in diesem Riesenprogramm auf keinen Fall verpassen?

Ein Highlight des Programms ist am Anfang zweifellos der Auftritt des Popduos Schneewittchen. Und wir wollen ja am Ende auch den Blick auf ein mögliches Wiederganzwerden des Ichs werfen. Dazu werden Psychologen etwas sagen. Etwa Jann E. Schlimme aus Berlin, der über die abklingende Psychose spricht. Oder auch Till Bastian, der engagierte Arzt und psychologische Autor, der über das fragmentarische Ich und sein Ringen um Identität spricht. Und geradezu der thematische Höhepunkt ist die Theologie – denn wo tritt die Ganzheit des göttlichen Ichs klarer hervor als in der Religion? Und nach dem christlichen Rahmen beim Auftakt in der Marktkirche lassen wir uns über die Ganzheit des Menschen etwas aus islamischer Sicht sagen. „Allah und die Ganzheit des Menschen“ – ein Vortrag von Mouhanad Khorchide, dessen Eltern aus Palästina geflohen sind und der Religionspädagoge an der Uni Münster ist.

Von Daniel Alexander Schacht

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