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22:09 17.09.2014
 Kollegah (rechts) rappt im ausverkauften Capitol. Quelle: Peschke
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Hannover

Dicke Arme, schwarze Sonnenbrille, markige Sprüche: Rapper Kollegah sieht aus wie ein Actionheld aus einem Hollywoodfilm – oder eben wie das Klischee eines Gangsta-Rappers. Er ballert seine aggressiven Reime ins ausverkaufte Capitol, schwitzt in seiner schwarzen Steppweste, und Hunderte Handys in Jungshänden wippen mit.

Seine Texte sind bissig und bieten den bekannten Mix aus Gewaltverherrlichung, Frauenhass und Angebertum („Ich bin der Godfather wie Zeus/ Fahre bossartig im Royce/ Und schieß mit Pumpguns umher“). Mit solchen Sätzen bricht der Herr aus Hessen Rekorde, sein im Mai veröffentlichtes Album „King“ legte nicht nur die beste erste Verkaufswoche eines Deutschrap-Albums aller Zeiten hin, es ist die stärkste erste Verkaufswoche überhaupt in Deutschland – seit knapp zehn Jahren. Und auch beim Musikstreaming-Dienst Spotify belegte er als erster deutscher Künstler Platz eins.

Felix Blume alias Kollegah hält sich für den König der Rapper.

Kollegah alias Felix Blume ist also ein Phänomen. Aber nicht, weil er in dieselbe Kerbe wie grobkörnige Typen wie Bushido oder Fler schlägt – sondern weil er der Erste ist, der sich über das Genre Gangsta-Rap lustig macht. Seine Posen, sein Outfit und seine Selbstglorifizierung kommen derart übertrieben daher, dass sein Publikum im Capitol öfter mal ein Grinsen im Gesicht hat. „Von Salat schrumpft der Bizeps!“, brüllt der 30-Jährige in seinem gleichnamigen Lied. „Wer geht pumpen?“, hatte er vorher sein Publikum gefragt – und wer nicht ins Fitnessstudio geht, für den hat er in seinem Lied gleich einen Tipp: „Bruder, besser du hast ein Rumpsteak parat!“ Das Publikum versteht Kollegah, den Jurastudenten. „Wer von euch hat Abi?“, will Kollegah wissen. Einige melden sich. Im Publikum stehen die wohlerzogenen Poloshirt-Jungs aus der Oberstufe und zwischen zwei von ihnen würde immer noch ein dritter passen.

Seine Texte haben zwar nicht den Tiefgang und die Doppeldeutigkeit, die Genrekritiker in Zeilen wie diesen sehen: „Während ihr zähneknirschend resigniert / führe ich ein Übermenschen-Dasein wie ein Regenschirm.“ Aber ob man darin eine zweite Ebene sieht oder nicht: Kollegah feiert an diesem Abend eine Party, und das macht Spaß.

Er tituliert sich als King, setzt sich in einen als Thron improvisierten Stuhl und lässt sich von einem Diener im Frack eine Zigarre anstecken. Seine Stimme ist tief, der Sound ist dürftig, und die eigentlich präzise akzentuierten Reime verschwinden oft hinter dröhnenden Bässen. Während der eineinhalb Stunden wird Kollegah von mehreren anderen Rappern wie Majoe unterstützt, die vom Publikum ebenso bejubelt werden wie er selbst. Dynamik haben allerdings nur seine Songs, der König selbst schlurft behäbig umher und beschränkt sich aufs Posen. Begeisterungsstürme gibt es immer dann, wenn er im sogenannten Doubletime-Stil rappt, also mit doppelter Geschwindigkeit. „Technisch bin ich der beste Rapper“, erklärte  Kollegah einst in einem Interview, „der intelligenteste Rapper, wenn nicht sogar intelligenteste Mensch Deutschlands. Da Vinci hätte noch einiges lernen können von mir.“

Klar, alles nur Ironie. Und die Fans kapieren schon, glaubt Kollegah, dass seine Musik nur Unterhaltung ist. Aber man müsse das halt „so ernst rüberbringen“, weil sonst der Text die Wirkung verfehle. Und Deutschrap war schon immer intelligent, sagt er und denkt dabei wahrscheinlich an dessen Pioniere, die Fantastischen Vier. Aber im Gangsta-Rap gab es diese Ironie noch nicht, da hat er ein neues Fass aufgemacht. Und zwischen den ernsten Gesellschaftskritikern wie Marteria und wirklich Kriminellen wie Bushido spielt Kollegah in seiner eigenen Liga.

„Das Problem mit dem deutschen Gangster-Rap ist, dass er nicht mehr hervorbringt als Musik, die dreizehnjährigen Mädchen gefallen will, und gleichzeitig die stumpfsinnigsten, reaktionärsten und langweiligsten Werte perpetuiert“, lästerte Peter Richter in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ noch 2008. Für solche Leute hat Kollegah sein Schlusslied parat: „Wat is’ denn los mit dir?“

Von Sabrina Mazzola

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