Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Der Schotte Charles Avery fasziniert im Kunstverein Hannover
Nachrichten Kultur Der Schotte Charles Avery fasziniert im Kunstverein Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:34 26.08.2010
Humbug oder Hintersinn? Charles Avery im Kunstverein Hannover neben einem stacheligen Hutmodel für Einzelgänger. Quelle: Martin Steiner

Man stelle sich vor: Eine Welt in einer fernen Ecke des Universums, vielleicht sogar außerhalb davon, ja überhaupt außerhalb aller bekannten Kategorien und Dimensionen, eine im Grunde unmögliche Welt; ein Archipel, zu dem man niemals gelangen kann, es sei denn in Gedanken. In einer solchen Phantasiewelt, ersonnen und ersponnen vom schottischen Fabulierkünstler Charles Avery, gibt es ein „Meer der Klarheit“, eine Insel namens „Realität“ und eine zweite namens „Ultimative Realität“.

Eine fiktive Weltkarte steht am Beginn des Rundgangs im Kunstverein Hannover, der die literarische und mit Zeichnungen und Objekten visuell dargestellte Utopie des mehrfachen Teilnehmers der Venedig-Biennale so umfassend präsentiert, wie sie noch nie in einer Kunsteinrichtung zu sehen war. Anhand detailreicher Bilder kann man Schritt für Schritt tiefer in die Geheimnisse der Phantasie-Inseln des 1973 geborenen Künstlers eindringen. Er ist selbst auf einer Insel aufgewachsen, auf der Schottland vorgelagerten Isle of Mull.

Die Zeichnungen sind zum Teil von beeindruckender Größe. Ein rund fünf Meter breites Bild des Hafens der Hauptstadt Onomatopoeia musste sogar mit einem Kran durchs Fenster des Kunstvereins gehievt werden. Daneben stößt man auf surreale Objekte wie Tierpräparate einer einarmigen Schlange oder eines „Angeber-Hasen“.

Die Einwohner der ironischen Gesellschaftsfiktion in der Tradition literarischer Utopien und Dystopien (Gesellschaften im Verfall) sind verrückt nach in Gin eingelegten Eiern. Auf Marktplätzen werden sie feilgeboten. Die Onomatopoeianer haben zum Teil Menschengestalt. Man begegnet auf den versponnenen Zeichnungen aber auch Schnabelwesen im Frack, rattenartigen Kreaturen und anderen absurden Figuren.

Das Praktische an dem „Außenposten der Wirklichkeit“ (Avery), den der Künstler und Autor seit sechs Jahren immer weiter ausschmückt: Er ist touristisch erschlossen. In mächtigen Dampfern kommen die Schau- und Entdeckungslustigen im Hafen von Onomatopoeia an. Der Tourismus bringt allerdings auch Nachteile mit sich: Die Insulaner, ausgesprochene Geistesmenschen (die philosophische Denkrichtung kann man an den Hutformen ablesen), werden von den Touristen wie Zootiere bestaunt und zur ­Attraktion degradiert. Ihre kultischen Objekte werden in Souvenirform verramscht, die Götter tauchen auf T-Shirts auf. „Dialektik und Sprache“, so drückte es der Kunstvereinsleiter René Zechlin gestern schmunzelnd aus, seien zur Touristenattraktion verkommen.

Räumliche Darstellungsversuche von Erzählungen misslingen häufig. Oft hat man den Eindruck, eine Geschichte wäre zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben oder würde als Computeranimation mehr beeindrucken. Nicht so bei Avery: Bei ihm beglaubigen die Objekte die Bildergeschichte. Mit Charles Avery stellt der Kunstverein einen weiteren Künstler aus dem poetischen und fabulierenden Zweig der Gegenwartskunst vor. In der Tradition der Romantik, mit ihrer Ironie und ihrem bewussten Vorführen des Waltens der Phantasie, muss man den Künstler wohl sehen.

Romantiker wie Ludwig Tieck betrachteten das Fabulieren als spezielle Aktivität der Seele vor dem Hintergrund des beängstigenden Nichts. Auch Avery gefällt es, die Phantasie vorzuführen und immer auch die Konstruiertheit der Geschichten durchscheinen zu lassen. Seine Parallelwelt, gemixt aus Humbug und Hintersinn, speist sich aus bekannten Elementen fiktiver Erzählungen wie „Herr der Ringe“ oder „Alice im Wunderland“ (man muss etwa an den verrückten Hutmacher denken) sowie aus philosophischen Traktaten.

Onomatopoeia erscheint als eine heitere Ironisierung klassischer Utopien wie Platons Philosophenstaat oder Francis Bacons „Nova Atlantis“ ohne moralisierenden Anspruch. Während klassische Utopien ideale Staatsformen vorführen, ist Averys Utopie bislang ohne Regierung. Hier möchte der Künstler nachbessern.

Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, 28. August bis 7. November. Eröffnung ist Am Freitag um 20 Uhr, der Katalog kostet 25 Euro.

Johanna di Blasi

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Schauspiel Köln ist „Theater des Jahres“. Eine Jury von 42 Theaterkritikern wählte die von Karin Beier (44) geleitete Bühne mit klarer Mehrheit auf den ersten Platz.

26.08.2010

Drei Jahre haben Wir sind Helden für ihr neues Album gebraucht - doch das innehalten hat sich gelohnt. „Bring mich nach Hause“ ist wohl das schönste Album der Band geworden.

26.08.2010

Schwarzer Humor, Travestie und Heinz Erhardt: Das Neue Theater Hannover stellt das neue Programm der neuen Spielzeit vor.

26.08.2010