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Eine Bettgeschichte auf der Bühne

"Der Traumgörge" von Alexander Zemlinsky Eine Bettgeschichte auf der Bühne

Wieder wiederentdeckt: Alexander Zemlinskys „Der Traumgörge“ erzählt wie die meisten Opern eine Liebesgeschichte. Die hannoversche Erstaufführung an der Staatsoper unter der Regie von Johannes von Matischka zeigt, warum es eine Herausforderung ist, das Stück auf die Bühne zu bringen.

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Erweckungserlebnis: Görge (Robert Künzli) wird von seiner Verlobten im Traum doppelt bedrängt.

Quelle: Landsberg

Hannover. Es gibt nicht viele Erstaufführungen an der hannoverschen Staatsoper. Das Repertoire ist hier wie in den meisten anderen Opernhäusern der Welt seit vielen Jahrzehnten eng abgesteckt. Der Aufwand einer Neuproduktion ist im Musiktheater schließlich ungleich größer als in jeder anderen Kunstform. Da setzt man vorsichtshalber auf die bewährten Meisterwerke von Mozart, Wagner, Verdi, Strauss und Puccini. Umso erfreulicher, dass man sich in Hannover nun eines Komponisten angenommen hat, dessen Wiederentdeckung allseits begrüßt wird und trotzdem äußerst schleppend verläuft: Alexander Zemlinsky war eine der zentralen Figuren im spannenden Musikleben der Wende zum 20. Jahrhundert - und doch ist er bis heute ein großer Unbekannter.

Das gilt vor allem für seine Oper „Der Traumgörge“, die Gustav Mahler 1907 an der Wiener Hofoper dirigieren wollte und die nach dessen unfreiwilligem Weggang ungespielt in der Schublade verschwand. Erst 1980 wurde das Stück in Nürnberg uraufgeführt. Trotz des großen Erfolges dieser Aufführung wurde es seither aber kaum nachgespielt. Nun konnte man es erstmals in Hannover erleben - und dabei auch die Gründe für die beispiellos widersprüchliche Rezeptionsgeschichte dieser Oper erahnen.

„Der Traumgörge“ erzählt wie die meisten Opern eine Liebesgeschichte. Allerdings ist diese Geschichte hier sonderbar nach innen gewendet: Der Titelheld ist durch seine Träumereien ein Außenseiter in der Dorfgesellschaft, die den Hintergrund des Stückes bildet. Eine geplante Verlobung platzt, weil Görge einer imaginierten Märchenprinzessin folgt, die er schließlich in plötzlich kriegerischem Umfeld in der Person einer anderen Außenseiterin findet und mit der er im gut halbstündigen Epilog als unvermittelt hochgeachteter Mann glücklich zusammenlebt. Seine Träume sind Wirklichkeit geworden.

Für einen heutigen Regisseur ist ein derart symbolistisch verbrämtes, noch dazu rustikal gereimtes Libretto vermutlich eher ein Albtraum. Der Schauspieler und Theaterregisseur Johannes von Matuschka, der mit dem „Traumgörgen“ nun sein Operndebüt gegeben hat, erzählt sie eng am Text vor allem als Bettgeschichte. Zu Beginn umstehen fantasievoll verkleidete Statisten (Kostüme: Amit Epstein) die Ruhestätte des Titelhelden wie Fleisch gewordene Träume. Die Matratze wird Görge fortan immer wieder mit unwiderstehlicher Macht anziehen: ein weich gepolstertes Gefängnis, von dem aus er nur einen schmalen Ausblick auf die Realität hat. Kein Wunder, dass dieser zwischen Selbsthass und Euphorie gefangenen Figur am Ende auch die vermeintliche Märchenprinzessin wieder durch die transparenten Wände (Bühne: David Hohmann) ins Reich der Träume entgleitet.

Erheblich fassbarer ist dagegen die Musik. Im „Traumgörgen“ erweist sich Zemlinsky vor allem als Sängerkomponist. Bei ihm behalten Stimme und Melodie auch im spätromantischen Massenklang stets die Oberhand und verleihen seinem Stück damit einen unverkennbaren, sehr charakteristischen Tonfall. Dirigent Mark Rohe gelingt es über weite Strecken sehr gut, das herauszuarbeiten: Er bereitet den Sängern die Bühne, ohne dabei das oft fulminant aufbrausende Orchester unnötig zu dämpfen.

Für Robert Künzli in der sehr fordernden Titelrolle ist es sicher trotzdem ein anstrengender Abend. Fast bis zum Schluss steht er die Partie aber gut durch - auch, wenn sein metallischer, immer unter Druck stehender Tenor vielleicht keine Idealbesetzung für diese trotz aller Kraft eher jugendlich angelegten Rolle ist. Noch überzeugender sind die Auftritte von Kelly God als Gertraud: Vor allem bei ihr entfaltet sich die spezielle Magie von Zemlinskys Musik: ein Strom der Klänge, der den Zuhörer hineinziehen kann in das Innenleben der Figuren.

Der Vergleich der beiden Hauptakteure der hannoverschen Produktion zeigt auch, wie außergewöhnlich empfindlich diese Komposition ist: Ihre Wirkung steht und fällt mit der Qualität und dem Einfühlungsvermögen der Sänger. Das gilt auch für die kleineren Partien. Zum Glück kann man dabei in Hannover auf ein hochkarätiges Ensemble bauen. Ein wunderbares Rollenporträt gelingt etwa Stefan Adam als kriegerischer Strippenzieher Kasper, und auch die übrigen Nebenfiguren nutzen erfolgreich den Spielraum, den der Komponist ihnen gibt.

Dem Orchester bleibt allen anspruchsvollen klanglichen und solistischen Aufgaben in Zemlinsky thematisch dicht verzahnten Satz zum Trotz eher eine untergeordnete Rolle. Überwältigungsmusik, wie viele seiner Zeitgenossen und Vorläufer sie geschrieben haben, ist diesem feinsinnigen Komponisten offenbar völlig fremd. Das macht es nicht leichter, beim einmaligen Hören die Raffinesse, aber auch die manchmal überraschende Deutlichkeit dieser Partitur zu erfassen. Man ahnt immerhin, dass es sich lohnt. Und versteht, warum es so selten versucht wird.

Wieder am 22. und 28. April sowie am 8., 20. und 28, Mai. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11. Im Opernfoyer gibt es eine Ausstellung zu Leben und Werk Zemlinskys, und auch die Musikhochschule widmet sich dem Komponisten am 22. April und am 23. Juni mit Konzerten und Vorträgen.

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