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Kultur Der Untergang der alten BRD
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20:01 30.10.2009
Von Jutta Rinas
Detailgenau: Jochen Schimmang in der Literaturetage. Quelle: Striewe

Hannover kommt auch darin vor. Eine wichtige Figur aus Jochen Schimmangs neuem Buch „Das Beste, was wir hatten“, ein zwielichtiger weiblicher Stasi-Spitzel namens Sonja Seeger, ist in der niedersächsischen Landeshauptstadt geboren. Warum hat er ausgerechnet eine so fiese Figur hier angesiedelt? Der Oldenburger Schriftsteller sitzt vor seiner Lesung zum Auftakt der LiteraTour Nord in Hannover im Foyer in Kastens Hotel Luisenhof und winkt ab. Das habe nichts mit der Stadt zu tun, sondern rein persönliche Gründe, sagt er.

Aber dann erzählt der 61-Jährige doch zumindest, dass er als Sohn des Stadtkämmerers von Northeim und später von Leer manchmal von seinen Eltern in die Großstadt mitgenommen worden sei – und dass Hannover das für ihn gewesen sei: eine Großstadt, repräsentativ, eindrucksvoll, mit all dem dazugehörigen Trubel und Flair. In der Schilderung von Sonjas Leben finden sich Schimmangs Kindheitserinnerungen an Hannover wieder. Sein gesamter Roman ist voller solcher gelebter Erfahrungen, dazu Landschafts- und Ortsbeschreibungen mit Detailkenntnissen, die nur jemand haben kann, der dort gewohnt hat.

Seit Anfang der achtziger Jahre führe er Tagebuch, erzählt Schimmang, in dem er nicht nur Privates aufbewahre, sondern Zeitdokumente aller Art sammele. Das habe ihm geholfen, in seinem Buch die alte Bonner Republik wieder aufleben zu lassen. Der hohe Wiedererkennungswert für Leute, die in derselben Zeit oder an denselben Orten wie die Romanfiguren gelebt haben, fasziniert später am Abend in der ausverkauften hannoverschen Literaturetage ganz offensichtlich auch die Zuhörer. Dass Schimmang historische und soziale Realien der alten Bundesrepublik so präzise beschreiben könne, habe für ihn einen besonderen Reiz, sagt der Moderator, der emeritierte hannoversche Literaturprofessor Martin Rector. In „Das Beste, was wir hatten“ geht es um ein zentrales Stück deutscher Geschichte. Jochen Schimmang hat – passend zum 20. Jahrestag des Mauerfalls – einen Roman über die Zeit vor der Wende geschrieben.

Anders als Uwe Tellkamp oder Ingo Schulze hat er dabei nicht die DDR und deren Ende ins Blickfeld gerückt, sondern die alte Bundesrepublik, die mit dem Mauerfall auch untergegangen ist. Der Begriff der deutschen Nation, Heimat- und Landesliebe: All diese Werte, die oft so staatstragend daherkommen, werden in diesem Roman verhandelt. Und sie werden von Schimmang mit wunderbarer Leichtigkeit ins Private, Alltägliche übersetzt. Seine Hauptfigur Gregor Korff beispielsweise, ein früherer Linker, der beim Marsch durch die Institutionen zum Berater eines hochrangigen CDU-Politikers geworden ist, fühlt sich zum ersten Mal als Teil der deutschen Nation, als Boris Becker als Siebzehnjähriger in Wimbledon im Finale gegen Kevin Curren steht. „Die Nation bereitet sich auf das große Ereignis vor“, denkt Gregor bei einem Spaziergang kurz vor dem Match, als er die eigentümliche Stille registriert, die überall herrscht. Fast befremdet bemerkt er plötzlich, dass er, der sich zu Studentenzeiten sogar einer kommunistischen Vereinigung anschloss, dem Begriff der Nation nicht mehr distanziert gegenübersteht, als „der siebzehnjährigste Leimener aller Zeiten“ das Spiel seines Lebens spielt.

Aber wie wirkt eine solche Mentalitätsgeschichte der alten BRD auf junge Leute von heute? Eine 24-jährige Studentin in der Literaturetage kritisiert, dass ihr die politischen Diskussionen dieser Jahre fehlten, dass die gesamten Ereignisse um die RAF und sogar die Wende nur am Rande eine Rolle spielten. Die Zeit der großen ideologischen Auseinandersetzungen sei in den achtziger Jahren vorbei gewesen, das habe sie charakterisiert, hält Jochen Schimmang dem entgegen. Die Menschen hätten sich eingerichtet in ihrem kleinen privaten Glück. Die Politik habe sich versachlicht, auch die politische Symbolik im beschaulichen Bonn sei eine sachliche, bescheidene gewesen. Und was hält Jochen Schimmang von der Berliner Republik? Es sei bezeichnend, sagt er, dass es bei der Diskussion um das Berliner Schloss die ganze Zeit darum gegangen sei, eine frühere Fassade wieder aufzubauen.

Jochen Schimmang: „Das Beste, was wir hatten“. Nautilus. 320 Seiten, 19,90 Euro.

Als nächste Autorin der LiteraTour Nord liest Angelika Overath am 19. November von 19.30 Uhr an in der Literaturetage aus „Flughafenfische“.

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