Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Der älteste Elch der Welt
Nachrichten Kultur Der älteste Elch der Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:37 22.09.2012
Von Simon Benne
Die Mutter aller Elche: Die Bernsteinfigur ist das älteste Kunstobjekt Niedersachsens. Quelle: HAZ
Hannover

Ein Acker im niedersächsischen Dorf Weitsche hat in der Geschichte der Archäologie seinen festen Platz. Am 20. September 2004 entdeckten Forscher dort, im Kreis Lüchow-Dannenberg, ein fast unscheinbares Stückchen Bernstein. Es war das Ende einer langwierigen Puzzelarbeit: Schon in den neunziger Jahren hatte der Archäologe Klaus Breest dort an einem ehemaligen Lagerplatz von Waldjägern den Rumpf und die Hinterbeine eines Bernsteintieres entdeckt. Nach mühsamen Grabungen war nun auch der dazugehörige Kopf gefunden: Das handtellergroße Tier war damit als weiblicher Elch identifiziert, mit geblähten Nüstern und charakteristischem Hautsack am Kinn.

Dank Fortschritten in der Radiokarbondatierung bestätigen Untersuchungen jetzt, was Experten bereits vermutet hatten: Die Figur ist 14.000 Jahre alt - und sie ist gewissermaßen die Mutter aller Elche: „Wir haben es mit der ältesten Elchdarstellung der Welt zu tun. Das ist die erste Tierdarstellung der nordeuropäischen Tiefebene überhaupt“, sagt Urgeschichtler Stephan Veil, Oberkustos am hannoverschen Landesmuseum. Dort ist der kleine Elch dauerhaft ausgestellt.

Wissenschaftler des Kieler Leibniz-Labors haben mit neuartigen Radiokarbonmethoden winzige, verkohlte Knochenpartikel untersucht, die bei dem Elch gefunden wurden. Unter anderem nahmen sie einen Biberschwanzknochen genauer unter die Lupe. Dank ihrer Ergebnisse, jüngst publiziert im renommierten Fachblatt „Antiquity“, darf der Elch von Weitsche jetzt als das älteste Kunstwerk Niedersachsens gelten - und die Kunstgeschichte der ausgehenden Eiszeit muss in Teilen umgeschrieben werden.

Vor rund 14800 Jahren gab es in Europa einen dramatischen Klimawandel: Binnen weniger Jahre stieg die Temperatur im Jahresdurchschnitt um zehn Grad. Wo Jäger zuvor kalte Steppen durchstreift hatten, wuchsen nun Wälder. Bislang gingen Forscher davon aus, dass der neue Lebensstil den Kunstsinn der Menschen bedeutend geschmälert hätte. Schließlich stammen die grandiosen, realistischen Tiermalereien aus eiszeitlichen Bilderhöhlen wie in Lascaux fast durchweg aus der Zeit vor dem Klimawandel. Danach, so hieß es, wurden die Darstellungen eher grob. Doch diese Lehrmeinung bringt der Elch nun ins Wanken: „Er zeigt, dass es noch lange Zeit sehr naturgetreue Tierdarstellungen gab“, sagt Veil.

Archäologen und Geobotaniker, unter anderem von der Leibniz Universität Hannover, haben in den vergangenen Jahren in einem groß angelegten Forschungsprojekt die frühere Landschaft rund um den Fundort des Elches rekonstruiert. Die Forscher stießen dort auf mehr als 100 Lagerplätze aus der ausgehenden Eiszeit. „Entlang des Flusses Jeetzel reihen sich die Plätze auf wie Perlen an einer Schnur“, sagt Veil.

Warum kamen Menschen über Jahrhunderte immer wieder an denselben Ort? Erhofften sie sich reiche Beute in den Fischgründen dort? Oder gruben sie in den Elbsanden der Gegend gezielt nach Bernstein? Die Forscher stießen bei Weitsche auf so viele Fragmente von bearbeitetem Bernstein wie sonst nirgends in Europa. „Es gab dort unter anderem eine regelrechte Perlenproduktion“, sagt Veil. „Das ist die älteste Bernsteinwerkstatt der Welt.“

Wozu der Elch indes diente, gibt den Forschern noch Rätsel auf. „Wir vermuten, dass er auf einem Stab befestigt war, wie eine Standarte“, sagt Veil. Womöglich hatte dieser „Schamanenstab“ für die Jäger eine religiöse Funktion - doch gesichert ist das nicht. So gewährt der Elch zwar tiefe Einblicke in Europas Kunsthistorie des 12. vorchristlichen Jahrhunderts - doch er wahrt auch noch so manches Geheimnis.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Tommy Lee Jones ist jetzt als Beziehungsexperte unterwegs. HAZ-Redakteur Stefan Stosch hat ihn interviewt: Eine Begegnung mit dem Hollywoodstar in Berlin.

Stefan Stosch 22.09.2012
Kultur „Von Katz und Maus und mea culpa“ - Günter Grass und die Religion

Günter Grass, wie hältst du's mit der Religion? Der Nobelpreisträger hat sich schon früh losgesagt, doch christliche Motive ziehen sich durch sein ganzes Werk. Man kann sogar Gottesdienste mit Grass-Texten gestalten. Evangelische zumindest.

24.09.2012

Ein Begriff macht Karriere als polemische Formel im Meinungskampf: Man erklärt etwas zum Tabu, um gehört zu werden, wenn man darüber spricht. Und nun kommt das Wort sogar ins Museum.

21.09.2012