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19:31 01.09.2010
Von Stefan Stosch
Die Distanz zwischen ihnen wächst: Luna (Zrinka Cvitesic) und Amar (Leon Lucev), der plötzlich nach streng religiösen Prinzipien lebt. Quelle: Neue Visionen

Bei der Berlinale 2010 hat die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic erzählt, wie ihr die Idee zu diesem Film gekommen ist. Sie sei zu Besuch bei einem Freund gewesen und wurde einem Mann vorgestellt. Er habe aufgeschlossen, intelligent gewirkt – aber er habe ihr nicht die Hand geben wollen. Als beleidigend und erniedrigend habe sie das empfunden. Der Mann war, wie Zbanic erst später herausfand, ein Wahabit, Mitglied einer streng gläubigen islamischen Gruppe, Frauen waren für ihn „unreine ­Wesen“.

So etwas sei ihr bis dahin noch nie in ihrer Heimatstadt Sarajevo passiert, so Zbanic. Die Begegnung muss sie sehr aufgewühlt haben: Entstanden ist daraus das Kinodrama „Zwischen uns das Paradies“, ein Film, der mit einer Liebe beginnt und mit einer tiefen Entfremdung zwischen zwei Menschen endet.

Luna (Zrinka Cvitesic) ist Stewardess, Amar (Leon Lucev) Fluglotse. Zusammen bilden sie ein modernes, lebenslustiges Paar in Sarajevo, haben Freunde, Partys, Sex. Dann wird Amar wegen Alkoholproblemen zwangsweise von seiner Arbeit beurlaubt. Er unterzieht sich jedoch keiner Therapie, wie ihm empfohlen wird, sondern bekommt über einen ehemaligen Schulfreund einen Job im Sommercamp einer fundamentalistischen Gruppe. Die Veränderungen sind gewaltig: Der bis dahin so liberale Muslim kommt bald schon als vollbärtiger Fundamentalist zu Luna zurück.

Das Faszinierende an „Zwischen uns das Paradies“ ist die Haltung der bosnischen Regisseurin. Vor vier Jahren holte sie mit „Esmas Geheimnis – Grbavica“ den Goldenen Bären der Berlinale, ihr damaliger Siegerfilm erzählte präzise, aber gänzlich unaufgeregt von den Verwerfungen durch den Krieg in ihrem Land. „Esmas Geheimnis“ hatte Auswirkungen sogar auf die Gesetzgebung in ihrer Heimat: Im Krieg vergewaltigte Frauen wurden von nun an als zivile Opfer anerkannt und hatten damit endlich Anrecht auf (bescheidene) Rentenzahlungen.

Nun geht Zbanic mit ähnlicher Genauigkeit ans Werk, aber ohne dabei je zu vergessen, dass sie eine sehr persönliche Geschichte von einem Mann und einer Frau erzählt. Gerade das macht ­ihren Film so irritierend. Die Filmemacherin verurteilt nicht, sie zeigt. Sie will herausfinden, warum jemand sein Leben so sehr umkrempelt wie Amar. Sie will verstehen und lässt sogar Verwunderung zu.

Im Stil einer Dokumenarfilmerin hat Zbanic Moscheen und auch ein ehemaliges Sommercamp der Wahabiten besucht. Sie schildert, wie der (beruflich) gescheiterte Amar nach Halt sucht und ihn bei religiösen Fanatikern findet. Auf dieses Phänomen ist sie nach ihren Worten vielfach bei ihren Recherchen gestoßen: Irgendwie Benachteiligte, vom Leben Gebeutelte sehnen sich nach Geborgenheit bei einer Gruppe.

Weil wir das Geschehen aber nicht nur aus Amars, sondern auch aus Lunas Perspektive erleben, werden wir auch Zeugen der Demütigungen, denen sie ausgesetzt ist. Wir erleben mit Luna, wie ihr der eigene Mann entgleitet, den sie so gut zu kennen glaubte. „Zwischen uns das Paradies“ bringt das Kunststück fertig, die beiden Hauptfiguren als Individuen und nicht als Thesenvertreter zu zeigen.

Bald stellt sich die Frage, wie viel Schmerz Luna zu ertragen bereit ist. Wird die Fremdheit irgendwann stärker sein als die Nähe zu Amar? Wird der Versuch, ihr Selbstwertgefühl zu erhalten, die Liebe zerstören? Oder wird umgekehrt Amar irgendwann zu ihr zurückkehren?

Bei der Berlinale im Februar, wo ­Zbanics viel gelobter Film im Wettbewerb lief, hat die Regisseurin gesagt: „Ich zeige, was ich in der Wirklichkeit entdecke. Dabei will ich nicht verurteilen, aber jeden Einzelnen im Publikum dazu bringen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.“ Genau das tut die Regisseurin, und deshalb ist ihr Film für den Zuschauer so unbequem.

Das, wovon in Leitartikeln und Büchern so abstrakt und zugleich bedrohlich die Rede ist, nämlich wie sich Fundamentalismus in Europa ausbreitet, ist in „Zwischen uns das Paradies“ hautnah, ja, geradezu intim zu erleben. Und dabei wünscht der Kinozuschauer Luna vor allem eins: viel Glück, mit oder vielleicht auch ohne Amar.

Religiöse Radikalisierung, ganz privat: Irritierendes Drama. Künstlerhaus.

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