Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
So macht die Staatsoper Michael Jackson zum Affen

"Der junge Lord" So macht die Staatsoper Michael Jackson zum Affen

Und die Moral von der Geschichte? Zum Saisonauftakt macht die Staatsoper Hannover Michael Jackson in Hans Werner Henzes Oper "Der junge Lord" zum Affen.

Voriger Artikel
So war das Révoltés-Festival auf der Gilde-Parkbühne
Nächster Artikel
Zinnober-Kunstfest präsentiert 59 Kunstorte

Schach mit Dame: Der junge Lord (Sung-Keun Park) und Luise (Rebecca Davis).

Quelle: Landsberg

Hannover. Kann man das machen? Darf man einen dressierten Affen, der den Menschen wie ein exzentrischer Mitbürger erscheint, als Michael Jackson darstellen? Der zum Star erzogene Schwarze, der so gern weiß gewesen wäre, als unvollkommen domestiziertes Tier? An der Staatsoper Hannover hat Regisseur Bernd Mottl sich für dieses durchaus anstößige Bild entschieden. Zum Auftakt der Spielzeit hat er nun Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ auf die Bühne gebracht - eine Oper, die sich ebenfalls nicht mit politischer Korrektheit aufhält.

Das 1965 uraufgeführte Stück mit einem Libretto von Ingeborg Bachmann handelt von einem exzentrischen englischen Lord, der das dressierte Tier in der deutschen Provinz, wohin es ihn verschlagen hat, als seinen Neffen vorstellt. Die exotische Dienerschaft des Lords, die unter anderem aus Afrika und der Karibik stammt, wird von den Deutschen angefeindet. Das sonderbare Benehmen des Affen, der für einen jungen Lord gehalten wird, kommt dagegen allgemein in Mode. Eine Frau verliebt sich in ihn. Schließlich offenbart der vermeintliche Adlige seine tierische Identität, was zu allgemeiner verschämter Selbsterkenntnis führt.

Henze und Bachmann erzählen von der Verführbarkeit der Massen, von Fremdenfeindlichkeit und unheilvollem Schweigen. Allerdings tun sie das nicht mit düsteren Nachkriegsbildern, sondern im leichten, leuchtenden Tonfall einer Buffo-Oper. Der Komponist hatte die kunterbunte Exotik von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ vor Augen und die musikalische Komik aus „Cosi fan tutte“ und Rossinis „Barbier von Sevilla“.

Hochrespektable Zylinder

Regisseur Mottl, an der Staatsoper (nach einem Ausflug zu Wagners „Holländer“ in der vergangenen Spielzeit) seit Jahren der Mann für die Komödien, hält sich zunächst an die heiter-beschränkte Biedermeierwelt der Vorlage. Über die kann man sich schließlich gut lustig machen: Friedrich Eggert hat das schwarz-weiße Bühnenbild mit Spitzborten umhäkelt, Kostümbildner Alfred Mayerhofer verpasst den Bürgern hochrespektable Zylinder und der Grand Dame des Ortes eine eindrucksvoll überdimensionierte Perlenkette. Ironie und kleine Boshaftigkeiten sind in solcher Kulisse nicht wirklich schneidend: Alles so schön putzig hier.

Das ändert sich durch den Auftritt des Michael-Jackson-Affen. Mit ihm bricht nach der Pause mit Gewalt die Gegenwart in das Biedermeier ein. Natürlich wäre es naheliegend, den jungen Lord, der die Massen mit seinem unkonventionellen Verhalten blendet, als Politiker zu zeigen - Donald Trump taucht derzeit schon aus weniger guten Gründen auf vielen Theaterbühnen auf. Mottl aber verwischt die Grenze zwischen Star und Staatenlenker, die heute manchmal ohnehin kaum zu erkennen ist, und trifft mit seiner Inkorrektheit den frechen Ton des Werkes. „Schande“, schreiben die tumben Deutschen auf der Bühne eines Nachts über die Haustür des fremden Zugezogenen - und die Staatsoper selbst wirbt mit dem misstönenden Slogan für die ganze Produktion.

Wenn er Michael Jackson also zum Affen macht, bläst Mottl den Staub fort, den auch ein vergleichsweise junges Musiktheaterstück wie „Der junge Lord“ in einem halben Jahrhundert mancherorts angesammelt hat. Es ist ein gut funktionierender Theatertrick. Und doch behält dieser Trick einen faden Beigeschmack.

Die Stimme seines Herrn

Die Musik hält sich vielerorts ohnehin aus solchen Fragen heraus. Vor allem die lyrischen Szenen, die mit ihrem betörenden Wohlklang die Avantgarde von gestern gegen den Komponisten aufgebracht hatten, funktionieren beeindruckend. Dirigent Mark Rohde kostet das zwar nicht mit der letzten Sensibilität aus, er hat die komplizierten Abläufe aber selbst bei turbulenten Auftritten souverän im Griff und eröffnet den Musikern des Staatsorchesters immer wieder Raum für schöne Soli.

Nicht zu hören ist naturgemäß Franz Mazura als Sir Edgar: Die Partie des alten Lords ist eine stumme Rolle. Der 93-jährige Mazura, der im vergangenen Jahr als Abraham in „Lot“ seine noch immer erstaunlichen stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte, ist auch ohne Worte eine imposante Erscheinung. Stefan Adams Sekretär verstärkt diesen Eindruck als die Stimme seines Herrn mit profundem Bariton.

Neu im Ensemble und bereits gut eingefügt wirkt Tenor Simon Bode: Sein kluger, klangschöner Wilhelm macht Vorfreude auf mehr. Rebecca Davis ist eine wunderbar verwirrte Luise, Julia Sitkovetsky ihre volltönend warmherzige Vertraute. Auch die vielen übrigen Solisten, der Chor und vor allem der erstaunlich stark geforderte Kinderchor lösen ihre Aufgaben bestens. Langer, sehr herzlicher Applaus für alle Beteiligten.

Info

„Der junge Lord“: Weitere Vorstellungen sind am 9., 17. und 24. September sowie am 4. und 19. Oktober.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Debatte wurde beendet
Die Debatte zu diesem Artikel ist beendet. Auf HAZ.de können Sie die Themen des Tages diskutieren – hier finden Sie die aktuellen und vergangenen Themen im Überblick.
Mehr aus Kultur
Von Redakteur Stefan Arndt

doc6xed1f9di3a10fnvy1xj
„Wer das sieht, will doch helfen“

Fotostrecke Kultur Allgemein: „Wer das sieht, will doch helfen“