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Kultur Der neue Tanzabend „Moving Lights“ von Jörg Mannes und Nils Christe an der Staatsoper Hannover
Nachrichten Kultur Der neue Tanzabend „Moving Lights“ von Jörg Mannes und Nils Christe an der Staatsoper Hannover
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13:48 22.02.2018
Szene aus der Choreografie „Lux-Live“ von Jörg Mannes. Quelle: Gert Weigelt
Hannover

 Der Meister selbst wollte kommen und spielen. Krankheitsbedingt musste der Ausnahme-Cellist Giovanni Sollima dann aber kurz zuvor absagen. Doch er hat für Ersatz gesorgt: Gianluca Pirisi und Raffaela Cardaropoli haben der Premiere des Ballettabends „Moving Lights“ im hannoverschen Opernhaus schließlich eine sehr besondere Note verliehen. 

Dass bei einer Tanzaufführung zwei Solisten aus dem Orchester den meisten Beifall bekommen, dürfte die große Ausnahme sein. Die begeisterten Bravorufe galten am Ende vor allem der musikalischen Darbietung von Sollimas Meisterschülern. Ohne ihre beseelt und eindringlich gespielten Soli wäre Jörg Mannes’ Neufassung von „Lux“, die nun „Lux – Live“ heißt, möglicherweise weniger atmosphärisch dicht gewesen. 

Bei der Uraufführung vor neun Jahren kam die Musik vom Band. Nun spielte das Orchester unter Leitung von Daniel Klein Sollimas so komplexe wie imposante Musik live – für Musiker und Tänzer eine besondere Herausforderung was Tempo und Takt angeht. Doch beide Seiten sind gut aufeinander abgestimmt. Das zeigt sich besonders eingangs in dem betont auf Pausen setzenden Cello-Solo „Tree Raga Song“. Mannes hat dieses bislang noch nie öffentlich live gespielte Stück seiner Arbeit als neues Element vorangestellt. Besonders Pirisi bringt hier die wilden Saiten des Cellos zur Geltung, entlockt ihm mal aufbrausende, mal sanfte Töne, mal schiefe, mal fließende. 

Zu der insgesamt mediterran-romantisch anmutenden Melodie, die zwischen ruhigen und energiegeladenen Momenten variiert, bewegen sich die Tänzer auf der Bühne vor einem mit weißer Leinwand bespannten großen Würfel. Die ausgefeilte Lichtregie (Peter Hörtner und Holger Klede) zaubert ein faszinierendes Schattentheater. Am Ende dieser rund 15-minütigen Performance entsteht dadurch, dass die Tänzer mal eine aufrechte, mal eine gebückte Haltung einnehmen, eine menschliche Evolutionskette. Wie bei einer magischen Laterne, die Motive auf den Lampenschirm projiziert, schlängelt sie sich um den Würfel. Jede noch so kleine Bewegung von Armen, Beinen, Füßen und Händen ist hier punktgenau auf die Musik abgestimmt. Später wird der Würfel zur Leinwand und Scheinwerfer senken sich auf die Bühne. Es knattert und knarzt ordentlich. Doch das kommt nicht vom Schnürboden, sondern ebenfalls vom Cello. Sollimas „When we were Trees“ erinnert an die Ursprünge des Holzkörpers seines Lieblingsinstruments. Die Töne, die erklingen, simulieren das Brechen und Absägen von Ästen. 

Doch Bäume sind Mannes‘ Thema nicht, eher experimentiert er in „Lux - Live“ mit den vielfältigen Möglichkeiten der Bühnentechnik, Illusionen zu schaffen. Da werden zierliche Frauen zu riesenhaften, fast bedrohlich wirkenden Schattenwesen, da flammen Taschenlampen auf, mit denen fluoreszierende Kreise auf Leinwände gemalt werden, da flackert eine ganze Batterie Glühbirnen in solch warmem Licht, dass man denkt, die Tänzer kreisten hier um Kerzen. Die gut 45-minütige Aufführung wirkt fast ein wenig zu voll gepackt mit Effekten. Das verleiht dem Ballett geradezu Showcharakter. Es ist eine höchst anspruchsvolle Show, ohne schrille Töne, aber voller Raffinesse. Die schnellen und unvorhergesehenen Wendungen, unterlegt mit Sollimas ebenfalls voller Überraschungen steckender Musik, machen den besonderen Reiz von „Lux – Live“ aus. 

Nils Christe, Mannes‘ langjähriger Choreografenfreund, mit dem er schon öfter zusammengearbeitet hat, begeistert mit einem nicht minder faszinierenden Stück, in dem Licht ebenfalls eine Hauptrolle spielt. Zwar ist das einst für das Ballett Mainz kreierte „Fearful Symmetries“ schon 14 Jahre alt, doch hat es keinesfalls Staub angesetzt. Zu John Adams‘ gleichnamiger minimalistischer Musik inszeniert Christe eine Art Battle zwischen den Tänzern, wie sie im Breakdance üblich ist: Einer tanzt, manchmal gibt es auch ein Duett, und die anderen schauen zu. Sie sitzen dabei auf Hockern, die immer wieder umgestellt werden. Während dieser sekundenschnellen Umbauphasen geht stets das Licht aus, was für manchen Zuschauer gewöhnungsbedürftig ist, der unglaublichen Dynamik auf der Bühne jedoch keinen Abbruch tut. Zwar dauert das Stück nur eine gute halbe Stunde, doch verlangt es den Tänzern Höchstleistungen ab: Viel Arm- und Beinarbeit und komplizierte Hebefiguren in rasantem Tempo. Bei einer Breakdance-Battle ist die oberste Regel: Respekt gegenüber jedem einzelnen Tänzer. 

Hier ist es, dem Beifall des Publikums, aber auch den Mienen der zuschauenden Ensemblemitglieder nach zu urteilen, ausnahmslose Bewunderung.

Die nächsten Vorstellungen sind am 1., 8. und 11. März.

Von Kerstin Hergt

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