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Der unerledigte Welfenschatz

Kulturbesitz auf Herausgabe verklagt Der unerledigte Welfenschatz

Vor einem Jahr hatte die sogenannte Limbach-Kommission geurteilt, dass der Welfenschatz kein NS-Raubgut sei. Doch jetzt gibt es wieder Streit um den Schatz aus dem Braunschweiger Dom, der vorübergehend in Hannover lagerte.

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Umstrittener Schatz: Armreliquien aus dem Welfenschatz im Kunstgewerbemuseum Berlin.

Quelle: Alina Novopashina/dpa

Hannover. Die Auseinandersetzung geht doch weiter: Nachkommen jüdischer Kunsthändler haben die Bundesrepublik Deutschland und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor einem amerikanischen Gericht auf Herausgabe des sogenannten Welfenschatzes verklagt, einem millionenschweren mittelalterlichen Kirchenschatz aus dem Braunschweiger Dom, der vorübergehend auch in Hannover lagerte. „Mich verwundert dieser überraschende Schritt“, sagte Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, am Dienstag in einer ersten Stellungnahme.

Eigentlich schien der Fall erledigt. Eine nach der ehemaligen Bundesverfassungsrichterin Jutta Limbach benannte Ethikkommission hatte vergangenes Jahr überraschend eindeutig geurteilt, dass der im Berliner Kunstgewerbemuseum aufbewahrte und auf 260 Millionen Euro geschätzte Welfenschatz keine NS-Raubkunst sei.

Die Erben jüdischer Kunsthändler verklagen Deutschland vor einem US-Gericht auf die Herausgabe des millionenschweren Welfenschatzes.

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Ein Zusammenschluss internationaler Händler hatte 1929 die Goldmonstranzen, silbernen Heiligen und mit Haaren und Nägeln gefüllten Reliquiare von dem in ökonomische Schieflage geratenen Welfenhaus erworben und in die Niederlande gebracht. Teile konnten die Händler in die USA verkaufen, an Museen und Privatsammler. Etwa die Hälfte des Schatzes, rund 40 schwer verkäufliche Stücke, wurden 1935 von Nazi-Deutschland erworben. Hermann Göring hatte vermittelt.

Für die Händler war es ein Verlustgeschäft. Sie erhielten 1935 mit 4,25 Millionen Reichsmark rund 90 Prozent des Einkaufspreises. Nach Ansicht der Preußenstifung - und die Ethikkommission folgte ihr darin - war es trotzdem ein „angemessener Preis“. Immerhin war kurz davor die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen. In der jetzt bekannt gewordenen Klageschrift, die der Bostoner Anwalt Nicholas M. O’Donnell beim Bundesgericht in Washington D. C. einreichte, aber heißt es: 1935 hätten die damaligen Eigentümer des Welfenschatzes, vier jüdische Kunsthändler, die Sammlung unter dem Druck der Nationalsozialisten weit unter Wert verkaufen müssen. Das Geschäft sei widerrechtlich und nichtig.

„Würde Deutschland etwas anderes behaupten, würde es noch 2015 Görings Plündereien ausdrücklich billigen“, heißt es in dem Papier. Die Kläger, Alan Philipp aus London und Gerald Stiebel aus den USA, sagen, sie hätten 2014 in Deutschland die gleiche Diskriminierung erfahren wie ihre Verwandten während der Nazi-Zeit. Das Limbach-Verfahren bezeichnen sie als „Scheinprozess“.

Kurz vor der Nachricht von der Anklage gegen Deutschland und die Preußenstifung wurde bekannt, dass das Land Berlin den Welfenschatz bereits Anfang Februar in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts hatte eintragen lassen. Damit genießt die Sammlung höchsten Kulturgutschutz. Der Ausfuhr, auch einzelner Teile, wurde ein Riegel vorgeschoben. Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist jetzt Wächterin des Domschatzes. In einer ersten Reaktion auf die Meldung von der Klage gab sich Grütters gelassen. „Uns sind keine neuen Fakten zu dem Fall bekannt“, sagte sie. Deswegen gelte für die Bundesregierung weiter die Empfehlung der Limbach-Kommission, die eine Restitution der Spitzenstücke aus dem Kunstgewerbemuseum ausschließt.

Provenienzforscher und Juristen sitzen mittlerweile seit Jahren an dem komplizierten Fall. Bis heute ist nicht restlos geklärt, welche und wie viele Partner zu dem seinerzeit anonym operierenden Händlerkonsortium zählten. Bereits die Welfen hatten gerätselt, wer sich hinter der allgemeinen Angabe „in- und ausländische Geschäftspartner“ verbarg. Erst im vergangenen Jahr tauchte ein weiterer Händlername auf - und mit ihm weitere Anspruchsteller. Eindeutig scheint lediglich, dass der Schatz von dem Konsortium seinerzeit nicht aus Sammlerinteresse erworben wurde, sondern um ihn schnellstmöglich gewinnbringend zu veräußern. Bislang konnte kein Nachweis erbracht werden, dass die Händler NS-Repressalien ausgesetzt waren. Unter Gesichtspunkten der Raubgut-Restitution bleibt der Welfenschatz ein Grenzfall.

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Die Erben jüdischer Kunsthändler verklagen Deutschland vor einem US-Gericht auf die Herausgabe des millionenschweren Welfenschatzes.

Die Erben jüdischer Kunsthändler verklagen Deutschland vor einem US-Gericht auf die Herausgabe des millionenschweren Welfenschatzes. Die Goldreliquien aus dem Braunschweiger Dom seien 1935 unter dem Druck der Nazis verkauft worden, sie stünden deshalb den Erben der damaligen Besitzer zu, so ein Anwalt.

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