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Des Apfels Kern - Rossinis "Wilhelm Tell"

Staatsoper Hannover Des Apfels Kern - Rossinis "Wilhelm Tell"

In der Staatsoper präsentiert Gastdirigent Alessandro De Marchi die gekürzte Version von Gioachino Rossinis "Guillaume Tell" aus dem Jahr 1831 - trotz Kürzung natürlich mit dem legendären Apfelschuss. Bei der Premiere war die Anspannung beim Orchester und auch beim Chor deutlich spürbar.

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Gesang und auch Spiel – der Chor der Staatsoper bei der „Tell“-Aufführung. Foto: Schaarschmidt

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Jeder kennt die Ouvertüre. Kaum einer die folgende Oper. Das ist schade, denn Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“ enthält sehr schöne Musik. Allerdings auch sehr viel davon. Ungekürzt würde die Oper weit mehr als vier Stunden dauern, knapp 20 Minuten Ballettmusik inbegriffen.

In Hannover werden die Opernfreunde aber nicht ge- bis überfordert. Man spielt die dreiaktige Fassung, die der Komponist zwei Jahre nach der Uraufführung vorgelegt hat. Der Theaterpraktiker Rossini stand „Amputationen“ gelassen gegenüber. Seine neue Version von 1831 strafft und rafft den dritten und vierten Akt und ersetzt vor allem das Finale. Im Original von 1829 wird da ziemlich besinnungslos und beckenlärmend die freie Natur beschworen, jetzt werden „Sieg und Freiheit“ bejubelt. Und zwar zum rasanten Galopp, der auch das Finale der Ouvertüre bildet.

In Hannover ganz ohne Gewitter

In Hannover hat Gastdirigent Alessandro De Marchi noch zusätzlich eingegriffen, damit der Abend (mit zwei Pausen) nach dreieinhalb Stunden zu Ende geht. Drei Nummern fehlen, die vorletzte wurde leicht gekürzt an den Beginn des 3. Akts vorgezogen. So wird jetzt der Tyrann eher beiläufig erlegt und das berühmte Gewitter fehlt ganz. Aber das prägt schließlich schon die überaus populäre und gar nicht so einfach zu spielende Ouvertüre.

Das Niedersächsische Staatsorchester ist also ordentlich gefordert, nicht nur an den prägenden Solostellen: Cello, Flöte und Englischhorn. Und natürlich fortwährend bei den Hörnern.

Bei der Premiere wird fast unfallfrei musiziert, aber die Konzentration merkt und hört man allen Beteiligten an, für ein freieres Ausschwingen der Musik ist da nur begrenzt Freiraum. Mindestens genauso gefordert ist der Chor der Staatsoper, den Lorenzo Da Rio sehr gut präpariert hatte.

Angekündigt war eine konzertante Aufführung, geboten wurde eine halbszenische Version. Wie das geht? Vor dem Vorhang stehen sieben Stehpulte, die teilweise im fliegenden Wechsel auch gut genutzt werden. Wenn sich der Vorhang hebt, steht dahinter das Schweizer Volk gut sortiert vor rotem Hintergrund. Die helvetische Signalfarbe nutzt Spielleiter Neil Barry Moss, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, gern zur Identifizierung. Ein bisschen Rot trägt jeder, nur die Frauentrachten dürfen neutral bleiben. Die Familie Tell trägt die Farbe dick auf, bei den Wankelmütigen bleibt es bei den Kniestrümpfen (Ruodi) oder dem Wams unter der Uniformjacke (Arnold). Die Bösen dagegen zeigen blau-türkis Flagge oder Schärpe.

Es gibt eine Armbrust und einen Apfelschuss, auch wenn Tells Sohn erst einmal einen kleinen Kürbis als Zielobjekt anbietet, was eine hübsche kleine Pointe an Halloween ist. Und wenn am Ende alles gut ausgegangen ist, bekommt jeder einen Apfel geschenkt.

Nur hat das alte Hausrezept „an apple a day keeps the doctor away“ in Hannover nicht recht funktioniert. Bei der Premiere mussten krankheitsbedingt Stefan Adam und Tobias Schabel absagen: In der Titelrolle sprang Peter Schöne ein, den Mitverschwörer Walter Fürst sang Guillaume Antoine, beide kennen die Partien aus der aktuellen Saaarbrücker Produktion.

Schöne tritt nicht betont heldisch auf, sondern verkörpert glaubhaft und mit sanftem baritonalem Nachdruck den Mutbürger Wilhelm Tell - in Hannover wird zwar französisch gesungen (mit deutschen Übertiteln), aber die Personen tragen ihre schillerdeutschen Namen, weshalb Michael Dries in der nicht sehr prägnanten Rolle des alten Melchtal nicht auf „Melctal“ hören muss.

Das Publikum ist begeistert

Monika Walerowicz als Tells Frau und die entschlossen auftretende Ania Vegri als Sohnemann Jemmy machen ihre Sache ebenso gut wie Pawel Brozek als Fischer Ruodi und Martin Leipoldt als Hauptmann. Dessen Oberkommandierender ist erstaunlich wenig prägnant: Shavleg Armasi hatte schon dankbarere Rollen als den Gessler.

Die vokale Schwerarbeit liegt in Rossinis „Tell“-Erzählung beim Liebespaar Mathilde und Arnold, dem der Komponist 19-mal das C und zweimal das Cis in die Stimmbänder legt (allerdings hatte Rossini noch nicht die Bruststimme im Sinne, die er furchtbar fand). Sung-Keun Park meistert diese vokale Kletterpartie respektabel und bleibt dabei dem Rossini-Tenor-Klang nahe. Eine Nuance dramatischer tönt Dorothea Maria Marx als Prinzessin Mathilde, das erzeugt Spannung und Stimmung zugleich.

Am Ende jubeln die Schweizer, und auch die Premierenbesucher sind hörbar begeistert.

Nächste Vorstellungen: 12. und 17. November.

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